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Der Geikie Gorge nahe Fitzroy Crossing ist eine bedeutende Kulturstätte der Ureinwohner: Beim Volk der Bunaba ist er als Darngku bekannt. 

Australien

Auf den Spuren der Aborigines

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Buschbrot, Höhlen und Lagerfeuer: In Westaustralien können Besucher in Ureinwohner-Gemeinden übernachten und dabei so einiges über deren alte Traditionen erfahren.

Bevor sich Harrison weiter in die engen und immer dunkler werdenden Gänge vorwagt, leuchtet er mit seiner Taschenlampe jeden Winkel um uns herum aus. Das soll mich beruhigen, macht mich aber eher nervös. Über die Ängste und Klischeevorstellungen von Europäern können Australier meist nur müde lächeln. Wenn ein Ureinwohner aber akribisch darauf achtet, wohin er seine Füße setzt, könnte sich zwischen den Felswänden tatsächlich eine der Pythons schlängeln, vor denen er gewarnt hatte. „Sie wird acht Meter lang und würgt ihre Opfer“, hatte Harrison beim traditionellen Billie-Tee und Damper, einem australischen Buschbrot, erzählt. Da saßen wir noch gemütlich vor der Höhle um das Lagerfeuer.

„Willkommen in meinem Land“, sagt Rosemary Nugget.

Jetzt führen uns die dunklen Wege zu einem Höhlenraum mit einem großen Stein. „Das Master-Schlafzimmer mit Kingsize-Bett“, sagt er und grinst. Er geht mit der Taschenlampe um den Stein herum: „Keine Schlangen“. Dann knipst er das Licht aus. Auch wir sollen unsere Stirnlampen löschen. Ein komisches Gefühl, doch ich vertraue Harrison. Er hat schon als Kind hier gespielt und kennt vermutlich jeden Winkel von Mimbi Cave in Westaustralien.

Das Höhlensystem 80 Kilometer südlich von Fitzroy Crossing gilt als eine der bedeutendsten Fossilienfundstätten der Welt. Harrison Pindan Skinner gehört zu den Ureinwohnern des Gooniyandi-Stammes, die eine enge Verbindung zu den Höhlen und dem umliegenden Land haben. Seit Tausenden Jahren sind sie für sie Heimat und Ort spiritueller Bedeutung. Seit wenigen Jahren teilen sie ihre Geschichte(n) mit Besuchern – im Rahmen der Initiative „Camping with Custodians“ die von Tourism Western Australia entwickelt wurde, um kulturelle Begegnungen zu fördern. Sie bietet Reisenden die Möglichkeit, auf dem Land von Aborigines zu übernachten. Die Einnahmen kommen den Mitgliedern in den Communitys zugute.

Harrisons Community ist klein. Das Dorf besteht aus drei Häusern. Er lebt dort mit seiner Cousine, seinem Cousin, ihren beiden Familien und mit zwei Leguanen unter dem Haus, die die Schlangen abhalten. Cousine Rosemary Nugget wartet am Lagerfeuer, während wir mit Harrison drinnen dem Tropfen der Höhle lauschen. Mit angeknipsten Stirnlampen führt er uns über teils lose Steine und große Brocken sicher aus dem Labyrinth heraus. Zur Regenzeit gäbe es hier kein Durchkommen, dann ist alles überschwemmt. Auf dem Weg hinaus entdecken wir Felszeichnungen an den Höhlenwänden – ein Beleg dafür, dass die Gooniyandi die Höhlen über Tausende von Jahren genutzt haben. Auch durch Radiocarbon-Datierungen von Feuerstellen wurde nachgewiesen, dass Aborigines seit mehr als 40 000 Jahren in diesem Teil der Kimberley-Region leben. Alle Malereien kriegen wir nicht zu sehen. In der Vergangenheit hätten Besucher ihre Namen auf die Kunst gekritzelt, berichtet Rosemary später: „Wir zeigen deshalb nur ausgewählte und behalten den Rest für uns.“

Die Felszeichnung, die eine schwangere Frau darstellt, bekommen ohnehin nur Frauen zu sehen. Sie befindet sich in einer alten Geburtshöhle, die aus kulturellen Gründen nur weibliche Besucher betreten dürfen. Die Kühle und der Überhang der Höhle, der das klare Wasser abschirmt, boten früher die perfekte natürliche Umgebung für die Geburt. Meist hätten die Großmütter den Frauen beigestanden. „Mütter mögen ihre Töchter nicht leiden sehen, sie standen oft etwas abseits“, sagt Rosemary. „Heute gehen wir ins Krankenhaus. Meine zwei jüngsten Kinder sind Zwillinge, die hätte ich hier nicht bekommen können.“

Auch mit den männlichen Besuchern teilt Rosemary ihr traditionelles Wissen über die einheimische Flora und Fauna sowie Buschmedizin. Aus einer Pflanze hätten ihre Vorfahren schwarzes Puder hergestellt und ihre Kinder damit komplett eingefärbt, um sie zu verstecken. „Sie sollten sich auf den Boden legen und nicht bewegen. Einige Kinder wurden dadurch gerettet“, erklärt Rosemary mit Blick auf ein dunkles Kapitel der Geschichte Australiens. Bis 1970 wurden Kinder der Ureinwohner systematisch von der Regierung aus ihren Familien genommen und an weiße Pflegefamilien, christliche Schulen und Erziehungseinrichtungen übergeben. Die „gestohlene Generation“ und ihre Nachkommen leiden bis heute. „Die Schwester meiner Großmutter wurde verschleppt. Als sie wiederkam, hatte sie unsere Sprache verlernt und viele Geschichten vergessen. Sie ist 90, ich Anfang 50 und ich unterrichte sie.“

Allein in der Kimberley-Region würden die verschiedenen Stämme etwa 30 unterschiedliche Sprachen sprechen, erzählt Gary Taylor, Projektmanager bei Tourism Western Australia. Es sei auch die Gegend, in der die meisten Ureinwohner auf ihrem eigenen Land leben. „Seit etwa 20 Jahren kehren immer mehr Menschen zu ihren Wurzeln zurück“, so Taylor. Auch Rosemary und Harrison tragen mit ihrem Campingplatz, der 2017 als zweiter Standort der Initiative „Camping with Custodians“ eröffnet wurde, ein Stückchen dazu bei.

Stalagmiten und Felsmalerei: Das uralte Labyrinth der Mimbi-Höhlen.

„Unsere Community ist klein, aber wir betreiben ein Geschäft, wir schaffen Arbeit für Menschen, so dass sie hierhin zurückkommen können – in ihre Heimat“, sagt Rosemary stolz. Alle Campingplätze, die im Rahmen der Initiative betrieben werden, müssen – wie andere Campingplätze auch – staatliche Bestimmungen erfüllen. Mimbi verfügt über 15 abgelegene Stellplätze, Duschen mit warmen Wasser, einen Grillplatz und eine Campingküche.

Als wir von der Höhlenführung zurückkehren, bleiben noch zwei Sonnenstunden, um unsere Nachtquartiere aufzubauen. Wir haben die Wahl zwischen Zelt und Swag – die ursprünglichste Art des australischen Outdoor-Lifestyles. Schaumstoffmatratzen, die gemeinsam mit dem Schlafsack aus- und zusammengerollt werden und das Schlafen im Outback unter freiem Himmel ermöglichen. Es sind ausschließlich Männer der Besuchergruppe, die sich zum ultimativen Abenteuer genötigt fühlen. Ich verzichte. Viel mehr „Schutz“ bietet das durchsichtige Moskitozelt jedoch auch nicht. Die ersten Besucher in unserem Camp sind zum Glück nur Pferde. „Es gibt eine Farm in der Nähe. Einige Pferde hauen immer mal wieder ab“, erzählt Harrison. Sie sind ungewöhnlich scheu. Vielleicht doch Brumbies – verwilderte Pferde, ähnlich den amerikanischen Mustangs? Auch die Rauchwolken eines kleinen Buschfeuers in einiger Entfernung sollen uns nicht beunruhigen. „Solange der Wind nicht dreht“, sagt Harrison. Als es dunkel wird, setzt er sich mit seiner Gitarre zu uns ans Lagerfeuer und singt von der Vertreibung seines Volkes: „Far far away, I feel the heart of my country!“ Harrison singt auf Englisch. Bis er acht Jahre alt war, wurde er zu Hause unterrichtet. Als er dann zur Schule ging, lernte er Englisch. „Meine Sprache hat sehr lange Wörter, die passen einfach nicht zum Gitarrenspiel“, erklärt er. Als Musiker hatte er einige Auftritte in Pubs in der Kimberley-Region. Von großen Shows träumt er nicht. „Ich mag es nicht so überfüllt.“

Viel los ist in dieser sternenklaren Nacht auf dem Campingplatz nicht, nur exotische Naturgeräusche sind zu hören. Um nicht bei jedem Rascheln zusammenzuzucken, packe ich die Ohrstöpsel aus. Eine weise Entscheidung. Als ich am nächsten Morgen aufwache, schlürft mir ein übermüdeter, abenteuerlustiger Swag-Schläfer entgegen. Mitten in der Nacht flüchtete er sich in den Bus neben den Zelten. Nicht wegen gefährlichen Schlangen, behauptet er. Vorm Schnarchen seines Schlafsack-Nachbarn.

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