1. Startseite
  2. Panorama

Sprechen flößt Vertrauen ein

Erstellt:

Von: Pamela Dörhöfer

Kommentare

Roboter übernehmen mittlerweile viele verschiedene Tätigkeiten.
Roboter übernehmen mittlerweile viele verschiedene Tätigkeiten. © Getty Images

Ein Wissenschaftsteam der Universität Lund testet, wie Menschen auf Roboter reagieren. Deren Zahl ist weltweit zuletzt stark gestiegen.

Epi, der Roboter, hat seine eigene Seite im Internet. Dort sieht man ihn, wie er kulleräugig und treuherzig dreinblickend den Kopf einer Torso-Version seiner selbst mit der künstlichen Hand tätschelt. Auf dem Tisch vor ihm sitzen ein Bär und eine Katze aus Plüsch. Dabei wirkt der Roboter mit seinen kindlichen Zügen selbst fast wie ein Spielzeug. Man muss ihn irgendwie mögen, allen Wissens zum Trotz, dass es sich um eine Maschine handelt. Aber vertraut man dem Roboter auch?

Ein Wissenschaftsteam aus Schweden hat sich mit dieser Frage beschäftigt und herausgefunden, dass Sprache dabei eine entscheidene Rolle spielt: Redet der Roboter, so vertrauen Menschen ihm mehr als wenn er nichts sagt. Die Forschenden der Cognitive Science Robotics Groups der Lund University hatten den humanoiden Roboter selbst entwickelt, um seine motorischen und sozialen Fähigkeiten und insbesondere die Interaktion mit Menschen zu testen. Epi ist unter anderem in der Lage, Kopf und Arme zu bewegen, nach Dingen zu greifen, seine Pupillen können sich weitstellen oder verengen, die Farbe der Iris lässt sich verändern – und er kann sprechen.

Die Teilnehmenden der Studie sahen sich für das Experiment Videos des Roboters an, in denen er entweder ein fehlerfreies oder aber ein fehlerhaftes Verhalten beim Umgang mit verschiedenen Objekten zeigte und dabei sprach oder stumm blieb. Anschließend sollten die mehr als 200 Probandinnen und Probanden Fragebögen ausfüllen und angeben, wie groß ihr Vertrauen in den Roboter ist.

Das Ergebnis war eindeutig: Das größte Vertrauen genoss der Roboter, wenn er keine Fehler machte. Allerdings sahen die Probandinnen und Probanden auch über Fehler hinweg, wenn der Roboter sprechen konnte. Sie schenkten ihm in diesem Fall sogar fast genauso viel Vertrauen wie der fehlerfreien Version. Bei Stummheit hingegen führte der gleiche Fehler zu Vertrauensverlust. Die Forschenden vermuten, dass dieses Verhalten damit zu tun hat, dass Menschen Sprechen allgemein als ein Zeichen von Intelligenz werten. Frühere Arbeiten zu Robotern legten bereits nahe, dass das Vertrauen in menschenähnliche Maschinen davon abhängen kann, als wie intelligent diese wahrgenommen werden.

Die Forschenden aus Lund vertreten die Theorie, dass die aufgrund der Sprachkompetenz vermutete Intelligenz des Roboters ausreichte, um fehlerhaftes Verhalten zu „maskieren“, wie Studienleiter Amandus Krantz sagt. In einer Folgestudie wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun untersuchten, was passiert, wenn Menschen direkt mit dem Roboter interagieren und sich dessen Verhalten nicht nur in Videos anschauen. Außerdem wollen sie herausfinden, welche anderen Faktoren das Vertrauen in Roboter beeinflussen können – wie etwa Blicke oder sich erweiternde oder verengende Pupillen.

Die Experimente an der Universität Lund sind weit mehr als wissenschaftliche Spielereien. Roboter werden nicht nur in der Forschung, sondern auch in vielen Lebensbereichen immer häufiger eingesetzt – etwa als Staubsauger in privaten Haushalten, in der Medizin, wo sie sogar – unter Aufsicht – operieren dürfen, als Monteure bei der Fertigung von Fahrzeugen oder als Lageristen in Fabrikhallen, um nur einige Beispiele zu nennen. Weltweit wurden in der Industrie 2021 eine halbe Million Roboter neu in Betrieb genommen, meldete die International Federation of Robotics jüngst. Diese Zahl übertreffe den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2018 noch einmal um 22 Prozent, schreibt das Wall Street Journal. Insgesamt seien weltweit mittlerweile rund 3,5 Millionen Industrieroboter im Einsatz, heißt es in dem Bericht.

Roboter Epi steht in Diensten der Forschung.
Roboter Epi steht in Diensten der Forschung. © University of Lund

Auch in Alten- und Pflegeheimen schreitet diese Entwicklung in schnellem Tempo voran, getrieben von demographischem Wandel, dem Mangel an menschlichem Pflegepersonal und technischen Innovationen gleichermaßen. In weitaus stärkerem Maße als in der Industrie stellen sich hier freilich viele ethische Fragen. Mehr als derzeit noch in anderen Bereichen werden hier auch Roboter mit menschenähnlichem Aussehen und Verhalten wie Epi aus Lund verwendet.

Nicht nur in Pflegeheimen, auch in den eigenen vier Wänden sollen Roboter künftig Menschen zur Hand gehen, die alleine nicht mehr gut zurechtkommen. Um festzustellen, mit welchen Fähigkeiten diese Roboter ausgestattet sein müssen, hat die Universität Bremen gerade erst ein neues Forschungslabor eingerichtet, das mit Küche und Möbeln wie in einer Wohnung ausgestattet ist. Roboter sollten idealerweise so bald wie möglich körperlich eingeschränkten Menschen helfen, etwa, indem sie den Tisch decken, ein Brötchen schmieren, den Kühlschrank bestücken, den Abwasch machen oder einfache Mahlzeiten zubereiten, heißt es in einer Mitteilung der Universität Bremen. Für Roboter seien diese Tätigkeiten „komplexe Vorgänge, deren fehlerfreie Erledigung erst mühsam entwickelt werden“ müsse. „Wir dürfen nicht die Umgebung an die Roboter anpassen, so wie es in Fabriken oder Logistikzentren geschieht“, erklärt Michael Beetz von der Universität Bremen, einer der international führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz: „Sondern wir müssen die Roboter so entwickeln, dass sie sich in der menschlichen Alltagsumgebung zurechtfinden, um dort effizient zu helfen.“

Das Forschungsteam aus Schweden regt auf Basis seiner Forschungsergebnisse an, der Entwicklung künftiger Roboter Sprachfähigkeit und der verbalen Interaktion mehr Bedeutung beizumessen. Das müsse nicht auf humanoide Roboter beschränkt sein. Ein Gedanke dabei: Sprechen die Maschinen, könne über den Vertrauensgewinn verhindert werden, dass sie nicht mehr benutzt werden, wenn sie einmal nicht richtig funktioniert haben.

Auch interessant

Kommentare