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"Hallo Frühling". Jeder dritte Schüler kann nicht länger als eine halbe Stunde am Stück mit der Hand schreiben.

Die Handschrift

"Sprechen ist ja auch ein Fluss"

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Die Lehrerin Maria-Anna Schulze Brüning über Lust und Last des Schreibenlernens und die fatalen Folgen der Druckschrift.

Frau Schulze Brüning, die Bundesregierung hat ein milliardenschweres Digital-Paket für Schulen geschnürt. Smartboard statt Schreibschrift – macht Sie das nicht wütend?
Nein, denn dass in den Schulen neue Medien genutzt werden müssen, steht außer Frage. Es geht doch eher um den Zeitpunkt, ab dem es sinnvoll ist, diese Medien verstärkt im Unterricht einzusetzen. In der Grundschule wäre das in meinen Augen zu früh.

Sie sind eine leidenschaftliche Verfechterin der Schreibschrift. Warum ist es so wichtig, dass Kinder mit der Hand schreiben?
Kinder lernen zunächst einmal haptisch. Sie müssen die Buchstaben im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Sie müssen sie formen, um sie zu verstehen. Denn nur durch das Schreiben der Buchstaben entsteht eine Bewegungsspur, die sich ins Gedächtnis einprägen kann. Die Hand zu früh auszuschalten, hat die Konsequenz, dass Kinder motorisch verarmen – was wiederum zu einer Verarmung im Kopf führt. Begreifen sie nicht mehr so viel mit der Hand, begreifen Kinder auch weniger von der Welt.

Aber eine PC-Tastatur bedient man doch auch mit den Händen.
Das schon, aber es ist eine reine Zeigefunktion. Das Kind formt nicht mehr selbst. Und das hat nicht nur Konsequenzen für das motorische Gedächtnis, sondern auch für das Erlernen der Schriftsprache. Das Generieren von Wörtern wird ungemein erschwert, weil der Blick immer von der Tastatur zum Bildschirm und zurück wandert. Das Schreiben, das Buchstabieren von Wörtern konzentriert sich nicht mehr auf einen Ort – wie bei dem Blatt Papier, auf das ich mit Hand und Stift schreibe. Deswegen kann ja auch nur das Zehnfingersystem lernen, wer schon schreiben kann. Das Umgehen mit Medien erfordert gewisse Vorerfahrungen – und die müssen über den Körper laufen. Auch beim Schreiben.

Angeblich stöhnen viele Kinder, wenn es ums Schreiben mit der Hand geht. 
Meine Erfahrungen sind andere. Ich befrage jedes Jahr den gesamten Jahrgang der Fünftklässler meiner Schule. Und die allermeisten schreiben sehr gerne mit der Hand. Sie genießen die Phasen des Schreibens, nicht nur wegen der Bewegung beim Handschreiben, sondern auch wegen der Ruhe und der Konzentration, die beim Handschreiben stärker ist als beim Schreiben am PC. Schreiben hat ein motorisches Moment, das Freude macht. Das spüren sogar die Kinder, die sich schwer tun beim Schreiben.

Der deutsche Lehrerverband hat 2015 eine Umfrage gestartet: Das Ergebnis war, dass ein Drittel aller Mädchen und die Hälfte aller Jungen in den weiterführenden Schulen Probleme beim Schreiben haben. Und jeder dritte Schüler kann nicht länger als eine halbe Stunde am Stück mit der Hand schreiben. 
Das sind in der Tat alarmierende Zahlen. Die Probleme, die daraus entstehen, sind vielen gar nicht klar. Manche denken, es geht nur um die Krakelschriften, die für den Leser eine Zumutung sind. Aber das ist nicht der Punkt. Es geht darum, dass diese Kinder unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben, weil sie das Hauptmedium der Schule – und das ist nun mal die Handschrift – nicht richtig nutzen können. Sie können keine Vokabellisten schreiben und anhand dieser die Vokabeln lernen, sie können beim Aufsatz nicht mithalten und handeln sich jede Menge Fehler ein. Wenn Buchstaben wie a und o nicht unterscheidbar oder Wörter nicht entzifferbar sind, wird das als Fehler gewertet. Das ist ein großer Motivationskiller für die Schüler.

In Ihrem Buch „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ nutzen Sie das Bild vom Koch mit dem stumpfen Messer.
Wie ein Koch mit einem stumpfen Messer hat auch ein Kind mit einer ungelenken Krakelschrift keine Freude an der Arbeit. Ein gutes Werkzeug spürt man nicht, ein schlechtes kostet Zeit und Nerven und führt zu unbefriedigenden Ergebnissen. Wie sehr Kinder beeinträchtigt werden, verdeutlicht, was ein Schüler sagte: „Wenn man gut und schnell schreiben könnte, würde Schule wahrscheinlich richtig Spaß machen!“

Wo liegt also das Problem?
Das Erlernen der Handschrift wird in den Richtlinien ja höchstens noch in einem Nebensatz erwähnt, und es spielt in der Lehrerausbildung überhaupt keine Rolle mehr. Dabei ist das Schreiben mit der Hand eine Kulturtechnik, die vermittelt werden muss und die sich eben nicht einfach so nebenher entwickelt. Die Handschriftvermittlung gehört als expliziter Unterrichtsgegenstand in die Grundschulen, in Klasse 1 und 2. 

Dort wird doch mit Anlauttabellen gearbeitet und die Kinder können drauflos schreiben – dieses freie Aneignen wird doch als goldener Weg gepriesen ...
Genau dort liegt ja der Hase im Pfeffer. Die Kinder malen die Druckbuchstaben irgendwie ab, so wie sie sie nach ihrem Formempfinden sehen. Ein a ist ein Kringel mit einem Strich oder ein b ist eine 6. Diese falschen Schreibweisen bauen Hindernisse in der Schrift auf, die die Schrift immer wieder aus der Bahn werfen. 

Aber in der Schule ist doch zu wenig Zeit fürs Schönschreiben...
Es geht ja nicht ums Schönschreiben, sondern ums korrekte und lesbare Schreiben. Das Problem ist doch, dass die Kinder viel Zeit mit Experimentieren verbringen. Dabei brauchen sie beim Handschriftlernen gezielte Anleitung. Es ist fatal, wenn sich bei Erstklässlern viel Falsches automatisiert. In der Schrift steckt die Kenntnis von Jahrhunderten. Das können sich Kinder nicht selbst aneignen. Die Verantwortung tragen Fachleute und Didaktiker. 

Befürworter der Druckschrift betonen, man könne diese ohne Schwungübungen erlernen.
Das stimmt einfach nicht. Ein Kind braucht ein Gefühl für Größen und Abstände und es muss wissen, wie es schreiben soll. Eine gute Handschrift muss größenkonstant, formkonstant und abstandskonstant sein, sonst kann man sie später nicht oder nur schwer lesen. Das kann man besser trainieren, wenn der Stift auf dem Papier bleibt. Aber wenn sie absetzen müssen, finden Kinder oft nicht die passende Stelle, um wieder anzusetzen – erst recht nicht wenn sie keine Linienunterstützung haben.

Wenn Buchstaben tanzen und keine Linie finden, wie Sie sagen, springen dann nicht auch die Gedanken hin und her?
Ob man das so direkt übertragen kann, weiß ich nicht. Aber wenn ich überlegen muss, wie ich Buchstaben schreibe und verbinde, dann wird ja viel Aufmerksamkeit absorbiert – und die steht mir nicht zum Denken zur Verfügung. Gedanken können nur fließen, wenn die Handschrift fließt. Sprechen ist ja auch ein Fluss, dazu passt keine Druckschrift, die mich dazu zwingt, den Stift immer wieder neu anzusetzen. 

Also ist die Druckschrift Teil des Problems?
Natürlich. Man dachte damals, die Druckschrift ist leicht. Da gibt es Linien, Ovale und Halbkreise, alles ist geometrisch und logisch und einfach. Aber die Motorik des Menschen ist nicht auf geometrische Formen, auf Winkel ausgelegt, sie ist fließend. Was einfach aussieht, ist für die Hand nicht so einfach nachzuvollziehen. Und gerade die Druckschrift bietet für die Kinder viele lose Enden. Da finde ich auch in Klasse 5 noch Schüler, die ein K basteln, indem sie vier Striche aufeinander zulaufen lassen. In der fünften Klasse! Das kann doch eigentlich nicht sein! Das zeigt aber auch: Die Druckschrift ist gefährlich.

Sie machen an der Gesamtschule in Hamm, an der Sie arbeiten, seit acht Jahren ein Schreibtraining mit allen Kindern der fünften Klassen. Wie gehen Sie vor? 
Ich nehme von allen eine Schriftprobe und schaue mir an, welche Buchstaben die Schrift unleserlich machen und wo der Schreibfluss behindert wird. Alle Schüler bekommen ein Trainingsheft, in dem sie auch in Vertretungsstunden arbeiten können. Sie reflektieren ihre Handschrift bewusst, schauen, ob sie alle Buchstaben korrekt schreiben. Wichtig ist auch, dass sie darauf achten, wie ihre Schrift gerät, wenn sie beschleunigt wird. Das passiert in Klasse 5, wenn sie plötzlich viel schreiben müssen. Dann beginnen alle Kinder zu beschleunigen, vor allem die Jungen. Und jeder Fehler, der in der Schrift enthalten ist, explodiert quasi. Darum ist es in Klasse 5 so wichtig für Kinder, darauf zu achten, dass ihre Handschrift gut bleibt. 

Wie hat das Kollegium reagiert?
Grundsätzlich sehr positiv. Es gab Kollegen, die das Trainingsheft in Vertretungsstunden zuerst selbst gar nicht nutzen wollten, weil sie dachten, das kommt nicht so gut an. Sie haben dann aber mit Erstaunen festgestellt, dass die Kinder das sogar gern machen. Die Kinder sind nicht genervt, sondern dankbar für jede Unterstützung beim Schreiben. Und außerdem: Jeder hat den Anspruch, eine Handschrift zu finden, die zu ihm passt – nicht nur Mädchen. 

Nun pflegen auch Erwachsene wieder das schöne, bewusste Schreiben – das Handlettering. 
Die Handschrift ist Teil von einem selbst. Und was mit einem selbst zu tun hat, das prägt man auch ästhetisch. Was uns wichtig ist, das gestalten wir mit Liebe. Und die Handschrift ist vielen sehr wichtig. Es heißt ja nicht, dass man, wenn man nur für sich schreibt, nicht auch mal was hinkritzelt. Aber wenn man an andere schreibt oder sich etwas Besonderes notiert, dann legt man Wert auf seine Handschrift. Und dann sollte man es auch können.

Es heißt, eines Tages werden Programme das gesprochene Wort direkt in fertige Texte umwandeln. 
Das mag sein, aber die Handschrift ist das analoge Medium, und als solches das Medium der Reflexion. Beim Schreiben eines Textes kann ich immer wieder zurück, mich vergewissern, am Wortlaut feilen, bis die Aussage präzise ist. Wenn ich nur spreche, habe ich nicht denselben Reflexionsgrad. Das sagen die Schüler ja selbst: Wenn sie mit der Hand schreiben, können sie Sachen besser überdenken, Ideen besser strukturieren und sich Inhalte besser merken. Ohne dieses Medium wäre alles oberflächlicher. 

Interview: Boris Halva 

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