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Bei vielen klappt es mit dem Saufen halbwegs passabel bis ins hohe Alter.

Alkoholsucht

Spinnen auf der Intensivstation

Henning Hirsch ist trockener Alkoholiker. Vor elf Jahren wurde er mit knapp sechs Promille ins Krankenhaus eingeliefert. Für die FR schreibt er über seine Erfahrungen mit Alkohol - und wie er der Droge entkommen konnte.

Als psychotrope Substanz verändert Alkohol unser Bewusstsein. Sei es als Stimmungsaufheller, Enthemmer, Runterkommer, Vergessenschenker, Einschlafhilfe oder Aphrodisiakum. So lange wir ihn maßvoll und in unregelmäßigen Zeitabständen konsumieren, ist alles okay mit dem Stoff. Sobald wir allerdings damit beginnen, die Droge funktional – und dann in der Konsequenz regelmäßig – einzusetzen, erreichen wir über kurz oder lang die kritische Schwelle vom Genuss- hin zum Gewohnheitstrinken.

Bei vielen klappt es mit dem Saufen halbwegs passabel bis ins hohe Alter. Bei einigen kippt die Sache, und sie mutieren vom Risikotrinker zum Alkoholiker, der es nicht mehr schafft, nach einer Flasche Soave eigenständig den Stoppschalter zu betätigen, sondern sich im Anschluss noch eine Pulle Wodka reinschüttet. Trinken, bis die Lampen ausgehen, man sich beim Aufwachen nicht mehr an den vorherigen Abend erinnert und sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Kiosk macht, um Nachschub zu besorgen.

So geschieht es mir an Ostern 2007. Nach einer Woche Dauersuff schlage ich mitten in der Nacht mühsam die Augen auf. Dunkelheit, kleine Lichter blinken, komische Piepgeräusche, neben mir röchelt jemand. Ich habe furchtbaren Durst, will aufstehen, mir einen Überblick über die Situation verschaffen, nachschauen, ob im Kühlschrank noch Schnaps oder zumindest ein Bier stehen. Kann mich keinen Zentimeter bewegen, weil ich an Händen und Füßen festgebunden bin.

Mir bricht der Schweiß aus, der Kreislauf fährt Achterbahn, mein Pulsschlag nähert sich den 200. Plötzlich ein lauter Signalton direkt über mir, eine Frau in Weiß sprintet heran, beugt sich über mich, tupft mir die Stirn ab. „Ich habe Durst“, sage ich. „Natürlich“, antwortet sie. „Ich bringe Ihnen sofort ein Wasser“. – „Wodka haben Sie keinen?“ – „Nein.“ Die Weißgekleidete lächelt. Ich mag sie und ihren harten slawischen Akzent. „Patient ist jetzt wach. Der AvD sollte ihn mal anschauen“, spricht sie in ein kleines Funkgerät und ist dann wieder weg.

Mir steigt der Mageninhalt nach oben, ich würge, will kotzen, kann es aber nicht. Was ist das für ein beschissener Ort, an dem ich gefesselt bin, nichts zu trinken bekomme? Ein Typ, ungefähr mein Alter, baut sich vor mir auf, betrachtet mich mit strenger Miene. „Dr. Meier“, stellt er sich vor. „Ich bin heute Nacht der Arzt vom Dienst. Wissen Sie, wo Sie sind?“ – „Keine Ahnung. Anscheinend nicht in meinem Wohnzimmer.“ – „Sankt Agatha, Intensivstation. Welchen Wochentag haben wir heute?“ – „Montag, Dienstag, Mittwoch. So ganz genau weiß ich es nicht.“ – „Können Sie sich entsinnen, wie Sie hierher gelangt sind?“ – „Im Moment nicht so richtig.“ Was ist das für ein saublödes Frage-Antwort-Spiel? Ich kann den Kerl nicht leiden, will nur was trinken und meine Ruhe haben. „Wann darf ich nach Hause?“ – „So schnell sicher nicht. Wir haben Sie vor zwölf Stunden auf Ihrem Sofa gefunden. Mit knapp sechs Promille. Sie hätten tot sein können“, sagt er und geht wieder. Ich bin aber nicht tot, denke ich und verfluche mich, den traurigen Ort und Dr. Meier.

In dieser nicht enden wollenden Nacht leere ich einen Kasten Wasser, sehe zehntausend Spinnen die Wände runter und über meine Decke krabbeln, höre, wie der Mann im Bett neben mir abwechselnd stöhnt und nach einem Priester ruft, glaube mehrmals, dass nun ebenfalls meine letzte Stunde angebrochen ist und bemerke im Morgengrauen erleichtert, dass die Tabletten, die ich nun endlich erhalte, die schlimmsten Schmerzen lindern.

48 Stunden später und auf dringendes Anraten des Chefarztes werde ich in eine Suchtklinik am Stadtrand überstellt. In die geschlossene Abteilung, weil in der offenen Station kein Platz frei ist. Sechs Männer in einem Raum, der von den anderen Patienten Helikopterzimmer genannt wird. „Du kannst hinten neben dem Waschbecken knacken“, erklärt mir ein Matrose, der in voller Montur und Stiefeln auf seinem Bett liegt. „Aber geh uns bloß nicht mit Schnarchen oder laut im Schlaf labern auf den Sack!“ – „Werde mir Mühe geben.“

Die Geschlossene ist eine Welt für sich. Hier treffen sich Hardcore-Alkoholiker und Junkies. Alle Gesellschaftsschichten und Berufsbilder vertreten, wobei Hartz 4 den größten Anteil ausmacht. Der Umgangston ist rau, der Alltag, der aus drei Mahlzeiten, Blutdruckmessen und Pillenausgabe besteht, monoton. Dicke Tür aus Panzerglas, die einzig vom Personal mittels Zahlencode geöffnet werden kann, vergitterte Fenster. Plastikbesteck, um Messerstechereien und Pulsadern öffnen zu erschweren. Informationen und Neuigkeiten werden im Rauchersalon ausgetauscht, dessen ehemals weiße Tapete mittlerweile einen nikotingelben Farbton angenommen hat. Nach vier Tagen Umzug vom Helikopter- in ein Dreibettzimmer. Zusammen mit zwei jungen Kerlen aus dem Methadonprogramm, die gesoffen hatten, was gemäß strengem Reglement nicht erlaubt ist, und die nun einen Entzug absolvieren müssen, um erneut daran teilnehmen zu dürfen.

Von ihnen erfahre ich allerlei über Heroin, in welchen Kaufhäusern man relativ gefahrlos Elektronikprodukte klaut und wie viel die Dealer für die Ware zahlen. Abends neunzig Minuten obligatorische Teilnahme an Gruppendiskussionen, in denen uns der Therapeut klarmacht, dass wir Abhängige sind; andernfalls wären wir nicht in dieser Station gelandet. Das leuchtet mir ein.

Drei Wochen, hundert Diazepam und zwei Dutzend Ratschläge für gesunde Lebensführung später bin ich wieder draußen, pumpe die Lungen mit Frühlingsluft voll, erfreue mich an meiner neugewonnen Freiheit und schwöre laut: „Dieses Haus des Schreckens wirst du nie mehr betreten!“

Schlafstelle im Dreitagesrhythmus gewechselt

Im Sommer schlage ich zum zweiten Mal in der Geschlossenen auf. Im Zeitraum von vier Jahren folgen dreißig stationäre Entzüge, zwei Reha-Aufenthalte und ungezählte Stunden mit Psychologen, die gemeinsam mit mir dem Urgrund meiner Sucht auf die Spur kommen wollen. Ich werde Stammgast in der Suchtklinik, kenne jeden Arzt, jeden Pfleger, jeden Patienten. Man sortiert mich in die Kategorie „verbrannt“ ein. Das sind diejenigen, die mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks immer wieder an die gepanzerte Glastür klopfen, bis sie eines Tages nicht mehr auftauchen, weil man sie mit schwarz angelaufenem Gesicht in ihrer Wohnung findet. Ich sehe Mitinsassen sterben oder aufgrund von Korsakow debil sabbernd im Rollstuhl sitzen, begreife, dass der Tod unser zuverlässiger Begleiter ist, und denke trotzdem: Bisher hat es funktioniert, wird auch weiterhin gutgehen. Stelle an mir Symptome der Hospitalisierung fest: Hinter geschlossenen Mauern fühle ich mich genauso wohl wie draußen. Richte meinen Tagesablauf komplett auf die Beschaffung und den Konsum der Droge ein, gebe meine Wohnung auf, übernachte abwechselnd bei Kumpels oder im Pennerheim, im Sommer auch auf der Parkbank. Lebe von der Hand in den Mund, halte mich mit Gelegenheitsjobs und Schnorren über Wasser. Meide Kontakt zu früheren Freunden und Familie. Will in meinem desolaten Zustand von niemandem gesehen werden und ihn dennoch nicht ändern. Wechsele im Dreitagesrhythmus meine Schlafstellen, um bloß nicht aufgespürt zu werden. Treu bleibe ich einzig dem Wodka und der Geschlossenen. Habe mich, obwohl ich niemals suizidale Gedanken hegte, damit abgefunden, eines nicht mehr fernen Tages aus dem Suff nicht mehr aufzuwachen. Alles außer dem Schnaps ist mir scheißegal.

Eines Morgens, als ich nach einem Fünf- oder Sechspromilleabsturz mal wieder an allen Vieren fixiert auf der Intensivstation liege und mir die Ärzte eindringlicher als sonst erklären, dass ich den nächsten Rückfall nicht überleben werde, gerate ich ins Grübeln. Nicht, dass die Aussicht auf den eventuell nahenden Tod mich sonderlich schockt. Ihn hatte ich oft gesehen und mich an seinen Anblick gewöhnt. Aber irgendetwas in mir klammert sich an diese trostlose Existenz, will noch nicht den Löffel abgeben.

Die Überlegung lautet: Weitermachen wie bisher und in ein paar Monaten ins Gras beißen oder aufhören und ein neues Leben beginnen? Die Fragestellung klingt einfach, die Lösung und der Weg dorthin sind für einen Hardcore-Alkoholiker allerdings schwierig. Ich weiß, was mich erwartet: Abstinenz – also nie mehr auch nur ein einziger Tropfen Alkohol –, lausig bezahlte Jobs in Call-Centern und Paketdiensten, Misstrauen von Freunden und Familie, denn ich hatte ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen viel zu oft enttäuscht.

Je länger ich über diese trüben Zukunftsaussichten nachdenke, desto eher bin ich geneigt, im Anschluss an den Klinikaufenthalt in mein altes Muster zurückzufallen. Die Ärzte haben Unsinn erzählt, wollen dir bloß Angst einjagen, geht es mir durch den Kopf. Als ich zehn Tage danach wieder in meinem kleinen Apartment sitze, das ich ein paar Wochen zuvor angemietet hatte, bin ich immer noch unentschlossen, in welche der beiden Richtungen ich gehen möchte. Obwohl mir die Monotonie meines Säuferlebens, das jenseits der Unterhaltungen im Raucherzimmer keine weitere Abwechslung kennt, mittlerweile selbst zum Hals raushängt, stehe ich kurz davor, mir im Supermarkt eine Pulle Doppelkorn zu besorgen, um der Langeweile durch Flucht in den Rausch zu entkommen.

Aus einem Bauchgefühl heraus besuche ich am selben Abend ein Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die hatten mich schon so oft aufgefordert, mal bei ihnen vorbeizuschauen, nie habe ich ihrer Einladung Folge geleistet. Ich erzähle meine Geschichte, versuche, mich kurz zu fassen, quatsche zwanzig Minuten ohne Unterlass. Alle hören aufmerksam zu, niemand unterbricht mich. Der Versammlungsleiter bedankt sich für meine offenen Worte, die anderen sprechen mir Mut zu: „Trink 24 Stunden nichts und komm morgen Abend wieder zu uns. Du packst das!“

Als ich mich an diesem Tag um Mitternacht ins Bett lege und tatsächlich keinen Tropfen angerührt habe, weiß ich plötzlich, dass ich es schaffen werde. Das Vertrauen der anderen in meine Stärke gibt mir Kraft. Die Überredungskünste des Alkohols fallen bei mir zum ersten Mal seit früher Jugend nicht mehr auf den stets feuchten Resonanzboden meiner labilen Psyche. Mit dem guten Gefühl, dass der Dämon besiegbar ist, schlafe ich ein.

Das ist der berühmte Schalter, der umgelegt werden muss, damit die Abstinenz nicht bloß ein frommes Lippenbekenntnis bleibt, sondern erfolgreich in die Tat umgesetzt wird. So eine Art Aha-Erlebnis. Aber – und das ist ein dickes Aber –, dieser Schalter gehorcht bei jedem Süchtigen ganz individuellen Überlegungen und Impulsen.

Auch wenn sich die Trinkerkarrieren unterm Strich ähneln, kann man daraus kein allgemeingültiges Ausstiegsgesetz ableiten. Für den einen reicht ein klinischer Entzug, um dem Schnaps abzuschwören, der Zweite muss erst auf der Straße und mehrmals in der Geschlossenen landen, damit er den Wahnsinn seines Tuns erkennt, und der Dritte säuft weiter bis zum bitteren Finale.

Es hat etwas mit schonungsloser Selbstanalyse und Willen zu tun. Aber genauso wichtig sind Gelassenheit und die Einsicht, dass sich die Kontrolle über das eigene Leben nur dann zurückgewinnen lässt, wenn man sich vorher ehrlich eingesteht, dass die Kontrolle über den Konsum unwiderruflich verloren ging. Wenn der Schalter einmal umgelegt ist, gestaltet sich der Eintritt in die Abstinenz um einiges einfacher als befürchtet. Mit zunehmender Dauer verblasst der Gedanke an den Alkohol immer mehr, bis er gleichgültig wird und bloß noch hin und wieder als Gespenst in nächtlichen Träumen erscheint. Damit kann man leben. Bei mir funktioniert es nun seit sieben Jahren.

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