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Stacheldraht eines ehemaligen Gefängnisses in Sibirien/ Symbolfoto
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Stacheldraht eines ehemaligen Gefängnisses in Sibirien/ Symbolfoto

Drogenhandel in Russland

Russlands Drogenkriminalität – Spice aus dem Knast

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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In Sibirien blüht der Drogenhandel – der Staat bekämpft die Szene aber eher halbherzig.

Tomsk – Der „Palast der Eheschließungen“ ist eine hellblaue Jugendstilvilla am Lenin-Prospekt, der zentralen Straße von Tomsk. Auch heute spuckt er reihenweise schmucke Hochzeitsgesellschaften aus, die frisch vermählten Paare sind jung und schlank, ihre Augen strahlen vor Optimismus. Aber nur wenige Häuser weiter wird der Lenin-Prospekt hässlich. Jemand hat kohlschwarze Buchstaben an die Wand gesprüht: „KR MEF SK. cheese24…“ (Die Internetadresse ist der Redaktion bekannt.)

Solche Graffitis sind an vielen Tomsker Hauswänden zu finden, Reklame für eine Website, die Drogen verkauft. „Jerry Service“ nennt sich die Homepage, dort posieren Tom und Jerry über einem kurzen, sehr eindeutigem Text: „Herzlich willkommen. Wir liefern reine Qualitätsware! Alpha-pvp und Mephedron“. Interessierte werden auf Telegramkanäle und –chats weitergeleitet.

Russland: Drogenwebsite preist offen harte Drogen zum Kauf an

KR bedeutet Crack, also Kokain, MEF Mephedron und SK Salz, wie Alpha-pvp synthetische Drogen, in Deutschland unter Namen wie Flakka oder Crystal Meth bekannt. Ihre Wirkung auf Psyche und Gesundheit gelten als verheerend.

„Ein Freund in der Schule hatte sich mit so einer synthetischen Drogenmischung bekifft“, erzählt Wjatscheslaw Tretjakow. „Er weinte und sagte, er gehe über die Straße, von links und rechts kämen glühende Lawawände auf ihn zu, es werde immer enger.“ Der Süchtige war 13 Jahre alt.

Dogen der Alltag – Projekt Treswwaja Rossija: Fünf Millionen Russinnen und Russen Drogenabhängig

Wjatscheslaw Tretjakow ist Kommunist, Leiter der Tomsker Parteijugend. Er und seine Komsomolzen ziehen einmal in der Woche durch die Straßen, um Drogen-Graffitis mit weißer Farbe zu übermalen. „Zurzeit sind es weniger, offenbar bemüht sich auch die Stadtverwaltung mehr, sie zu beseitigen.“ Aber im September, zu Semesterbeginn, als sich 80 000 Studierende in der Unistadt versammelten, wimmelte es von rußschwarzer Cheese-Reklame an den Hauswänden, auch am oberen Lenin-Prospekt, wo die meisten Institute und Wohnheime stehen.

Laut dem russischen Statistikamt starben im vergangenen Jahr 7316 Menschen in Russland an Drogen, nur ein Zehntel der Opferzahl der USA. Aber auch in der russischen Provinz sind Drogen Alltag. Offiziell sind im Land 600 000 Rauschgiftsüchtige registriert, doch nach einer Studie des Projekts Treswaja Rossija hängen fünf Millionen Russinnen und Russen von Drogen ab.

Russische Drogenhändler veranstalten Gewinnspiele per Telegram

Hinter „Cheese24“ öffnet sich ein Drogenlabyrinth. Der „Jerry Service“ auf einem Telegramkanal meldet, in Tomsk sei neues „Mef“ zu haben, zwei Gramm zum Preis von 4200 Rubel, umgerechnet gut 51 Euro. In Anschero-Sudschensk und Jurga, 80 000-Seelen-Städten in der Nachbarregion Kemerowo, wird KRB oder „Weißer Chinese“ angeboten, das Gramm zu umgerechnet knapp 30 Euro. Der Kanal veranstaltet Gewinnspiele, etwa ein Preisausschreiben für Kundenfotos in den besten Halloween-Kostümierungen. Jemand freut sich über seinen Gewinn, ein Gramm „Salz“, jemand bedankt sich „von ganzem Herzen“ für Zustellung und Qualität der Ware.

Per Telegram kann man sich auch für Jobs bei Jerry bewerben, zu Monatslöhnen ab „60 K“, also 60 000 Rubel, umgerechnet gut 730 Euro. „Es gibt ,Graffittschiki‘“, erklärt Tretjakow. „Sie sprühen nachts die Reklame. Und es gibt ,Sakladschtschiki‘, die deponieren die Drogen in einem Versteck und schicken den Kunden per Smartphone die Geolokalisierung.“

Russlands Behörden machen jährlich etwa 150 Menschen wegen Drogenhandels dingfest

Laut dem behördennahen Portal „RIA Tomsk“ machen „die kompetenten Organe“ die Sakladschtschiki schnell dingfest. Und jährlich kämen in der Region Tomsk etwa 150 Menschen wegen Drogenhandels hinter Gitter, in der Regel für mehrere Jahre.

Trotzdem hat der Kampf gegen die Drogenkriminalität hier etwas Schräges: Dmitri Scharpilo wurde vergangenen August von einem Tomsker Gericht zu sieben Jahren Haft verurteilt – wegen Drogenhandels im Internet. Aber gedealt hatte der damals 21-jährige aus einem Computerraum der Tomsker Vollzugsanstalt IK-4. Nach einem Bericht der Gefangenenrechtsgruppe „gulagu.net“ setzte der Häftling monatlich Spice und andere synthetische Drogen für umgerechnet 19 000 Euro um. Unter Kontrolle des Gefängnisdirektors Alexander Sorins und anderer Vollzugsbeamter. „Sie haben Jungs genommen, die als Dealer saßen, ihnen Handys und Notebooks gegeben, und sie gezwungen, jetzt für sie Geld zu verdienen“, sagt Wladimir Ossetschkin, Leiter von „gulagu.net“

Russland: Drogendealer handelt aus Gefängnis heraus

Sorin sei offenbar von Waleri Bojarinew, Vizechef der russischen Vollzugsbehörde, gedeckt worden. Die Tomsker Anstaltsbeamten hätten Scharpilo mehrfach brutal verprügeln lassen, um ihn zum Schweigen zu zwingen. Sorin selbst wurde im Mai – laut „gulagu.net“ bei einem Selbstmordversuch – schwer verletzt, Bojarinew ist weiter im Amt. „Die Ermittlungen wurden für geheim erklärt“, so Ossetschkin. Unklar, ob aus dem IK-4 weiter gedealt wird. Ossetschkin und Tretjakow argwöhnen, in der Strafkolonie seien auch synthetische Drogen hergestellt worden.

Auf „Cheese24“ aber wird weiter gedealt. An manchen Tagen ist die Seite behördlich blockiert, lässt sich danach aber auch ohne VPN wieder öffnen. Oppositionelle politische Portale schaltet die Zensurbehörde Roskomnadsor konsequenter aus. Auch Kommunist Tretjakow befürchtet, Obrigkeit und Sicherheitsorgane führten keinen ernsthaften Kampf gegen die Drogenhändler. „Am Kirow-Prospekt hängen überall Überwachungskameras. Es wäre leicht, die Sprayer zu fassen, wenn die Obrigkeit den Willen dazu hätte.“ (Stefan Scholl)

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