+
Inklusive Wohngemeinschaft in Bremen:  Entscheidungen werden im Plenum getroffen.

Inklusive Wohngemeinschaften

„Spezialisten fürs Alltägliche“

In WGs lernen Menschen mit und ohne Behinderung, gemeinsam zu leben.

Die Gurkenscheiben sind Neele etwas dick geraten. „Magst Du sie noch einmal in der Mitte durchschneiden?“, fragt Alina. „Das kann ich nicht“, antwortet Neele, die heute im Tandem mit Alina den Salat für das Abendessen vorbereitet. Also bleiben die Gurken, wie sie sind. „Schmeckt bestimmt auch so“, sagt Alina.

Die beiden Frauen wohnen in der Bremer Überseestadt in Deutschlands jüngster inklusiver Wohngemeinschaft: Vier junge Leute mit einer geistigen oder mehrfachen Behinderung und vier ohne, auf 330 Quadratmetern in einer Wohnung. Neele Buchholz hat das Down-Syndrom, arbeitet in einem inklusiven Tanzprojekt und gehört zu den Vorstandsmitgliedern des Vereins, der die WG gegründet hat.

„Ich habe mir überlegt: Ich möchte meine Eltern loslassen“, so beschreibt die 28-Jährige ihre Motivation, in die WG zu ziehen. Das ist nun ein paar Wochen her, überall riecht es noch nach frischer Farbe. Die meisten Möbel stehen schon, auch wenn Alina Düring, 20 Jahre alt, ihren Schreibtisch noch zusammenschrauben muss. Sie ist erst vor Kurzem aus dem kleinen Dorf Picher in Mecklenburg-Vorpommern nach Bremen gekommen, um Gesundheitswissenschaften zu studieren.

Menschen mit Behinderung wohnen mit Studierenden zusammen – das ist typisch für inklusive Wohngemeinschaften, von denen es nach Schätzungen von Tobias Polsfuß in Deutschland zwischen 40 und 50 gibt. Der 26-Jährige lebt in München selbst seit mehr als sechs Jahren in einer inklusiven WG und hat eine Internet-Plattform gegründet, um die Initiativen zu vernetzen. Außerdem gehört er zu den Mitgründern des Vereins „Wohn:Sinn – Bündnis für inklusives Wohnen“, der gerade zu seinem ersten Bundestreffen in Bremen zusammengekommen ist.

Der Bedarf nach inklusiven Wohnformen sei riesig, sagt Tobias Polsfuß: „Von acht Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung leben vier bei ihren Eltern, drei in einer stationären Einrichtung und einer wird ambulant betreut. Es fehlen einfach Alternativen“, meint er. Das bestätigt Rudi Sack, Geschäftsführer des Vereins „Gemeinsam leben lernen“, der vor 30 Jahren im Münchner Stadtteil Neuhausen Deutschlands erste inklusive WG gegründet hat. „Damals hat noch niemand von Inklusion gesprochen“, erinnert er sich und ergänzt: „Heute haben wir Wartelisten, die wir in 100 Jahren nicht bewältigen können.“

Alina Düring ist glücklich über ihr Zimmer, das sie auf ihrem Smartphone über eine WG-App gefunden hat. „Echt cool“, schwärmt sie und beschreibt das Prinzip: „Die Studierenden wohnen mietfrei und übernehmen dafür Aufgaben.“ Das können gemeinsame Einkaufs- und Kochaktionen sein, Weckdienste am frühen Morgen, den Mitbewohnern mit Behinderung beim Duschen helfen, wenn nötig nachts ansprechbar sein. Eine hauptamtliche sozialpädagogische Fachkraft leitet die WG. Den Dienstleister für die Pflege der Bewohner mit einer Beeinträchtigung bestimmen die Bewohner selbst.

Auf einer großen Tafel hat die Bremer WG festgehalten, wer wann mit Diensten dran ist. „Das besprechen wir im Plenum“, erläutert Alina Düring und schaut in ihren Terminplan: „Ich habe an einem Tag in der Woche und an einem Wochenende im Monat Dienst.“ Bleibt festzuhalten: Niemand muss Pflegekraft sein, um hier einziehen zu können. Und es geht auch nicht darum, sich aufzuopfern, sondern um klar umrissene Absprachen.

Dazu kommt gemeinsame Freizeit. „Niemand will eine Zweck-WG“, betont Alina Düring. „Zusammen kochen, essen, vom Tag erzählen – das ist schön. Aber dafür muss man auch was tun.“ WG-Geschäftsführer Lars Gerhardt spricht vom „Zusammenleben auf Augenhöhe“ zwischen den Menschen mit und ohne Behinderung: „Die nichtbehinderten Bewohner haben keinen besonderen pädagogischen Auftrag, sondern sind im Sinne dieses inklusiven Konzeptes Spezialisten fürs Alltägliche, unterstützen also da, wo es im Alltag nötig ist.“

Dass dabei auch immer wieder etwas nerven kann, das wird im Verlauf des Bündnistreffens des Vereins „Wohn:Sinn“ in Diskussionsgruppen deutlich: Die Küche ungeputzt, die Dienste manchmal schwer zu organisieren, Wäschechaos inklusive Socken-Memory, Fluktuation unter den Mitbewohnern – eben der ganz normale Wahnsinn, wie er auch in Wohngemeinschaften herrscht, die sich nicht inklusiv nennen.

Dazu kommt die schwierige Suche nach geeigneten barrierefreien Immobilien. Und manchmal ist auch der Kontakt zu Behörden und Kostenträgern nicht leicht – inklusive WGs passen nicht in das herkömmliche Muster etablierter Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. „Die fragen: Kann man sich auf die Studierenden verlassen, was ist mit dienstrechtlichem Durchgriffsrecht, wenn was schiefgeht?“, verdeutlicht der Sozialarbeiter und Sonderpädagoge Rudi Sack, der in München schon neun inklusive WGs gegründet hat.

Man kann sich auf die Studierenden verlassen, das ist seine Erfahrung: „Wir reden miteinander. Probleme waren da immer zu lösen.“ Alina Düring sagt, wer in eine inklusive WG ziehen wolle, sollte offen sein, verlässlich und verantwortungsvoll. „Konflikten nicht aus dem Weg gehen, sondern sie lösen wollen, das ist ziemlich wichtig.“ Also kommt es darauf an, wer einzieht, wer sich im WG-Casting als passender Mitbewohner herausstellt. Also wieder der ganz normale Wahnsinn. (Dieter Sell, epd)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion