Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Arkadien am Bodensee: Südliches Flair in Arenenberg.
+
Die Arkadien am Bodensee: Südliches Flair in Arenenberg.

Gartenbau

Ein Spaziergang durch die Zeiten

  • VonNicole Schmidt
    schließen

Als Netzwerk wollen 24 Gärten und Parks rund um den Bodensee die Gartenbaugeschichte Europas erlebbar machen. FR-Autorin Nicole Schmidt lustwandelt durchs Blütenmeer.

Als Mainau-Gärtnerin hat man’s nicht leicht. Wenn sich Cora Biehl und Sabine Bronner an einem Beet mit Blick auf den Bodensee zu schaffen machen, streichen regelmäßig neugierige Besucher um sie herum. „Wie befreien sie die Rosen ohne Chemie von Läusen?“ „Wie schneiden sie Lavendel?“ „Was machen sie im Winter mit den Dahlienknollen?“ Diese Fragen haben sie und ihre 60 Kolleginnen und Kollegen schon tausendfach gehört.

Die fleißige Gärtnerin nimmt’s gelassen und antwortet geduldig jedes Mal. Das gehöre zu ihrem Job, sie arbeite ja nicht im Hintergrund in irgendeiner Gärtnerei oder im Grünflächenamt. Sondern auf der wahrscheinlich bekanntesten Blumeninsel der Welt. Und, so sagt auch Inselchefin Gräfin Bettina Bernadotte, „wir geben unser Wissen gerne weiter. Sie können hier sogar einmal Mainau-Gärtner sein und mit den Profis zusammen arbeiten.“

Neue Konzepte entwickeln will das Netzwerk „Bodenseegärten – eine Reise durch die Zeit“, zu dem auch die Insel Mainau gehört. 24 Parks, Gärten und Anlagen in drei Ländern rund um den See sind mittlerweile dabei. „Gärten hatten hier schon immer eine Bedeutung. So viele unterschiedliche wie hier am Bodensee mit seinem milden Klima, der Fruchtbarkeit des Bodens und der schönen Natur findet man selten“, sagt Vereinsgeschäftsführerin Monika Grünenfelder.

Und deshalb kam die Idee mit dem Netzwerk auf: sich unter einem Dach vermarkten, zusammen Angebote schnüren wie „die Lange Nacht der Bodenseegärten“ am ersten Septemberwochenende, „die Bauerngartenroute“, „Zauberhafte Klänge zwischen Rosen“, Rundgänge mit Gartengästeführern. Dahinter steckt noch ein weiteres, EU-förderwürdiges, Anliegen: „Es geht uns um eine nachhaltige Entwicklung und Sensibilisierung, damit dieses Natur- und Kulturerbe erhalten wird. Unsere Gärten erzählen die ganze Gartenbaugeschichte Europas.“

Und die ist sinnlich erlebbar. Der steinzeitliche Garten im schweizerischen Frauenfeld zeigt, wie unsere Urahnen Kolbenhirse, Buchweizen und Ackerbohnen anbauten. Im Bibelgarten im baden-württembergischen Meersburg duftet der Ysop, die Pflanze der Erkenntnis. Der bittere Geschmack des Magen beruhigenden Weihrauchs bleibt derweil im Mund haften, während Drogistin Christiane Ebert erklärt, was die Passionsblume mit Jesus zu tun hat und warum der Granatapfel der Apfel des Paradieses war.

Auf der Gemüse-Insel Reichenau erinnert ein Kräutergarten an den Mönch Walahfrid Strabo, der vor fast 1200 Jahren mit seinem Büchlein „Hortulus- über die Pflege von Gärten“ den ersten Gartenratgeber Europas verfasste. 24 Verse über genauso viele Pflanzen, darunter Salbei, Raute, Schlafmohn. Im österreichischen Bregenz wiederum flaniert man ganz nah am Wasser durch wunderbar inszenierte Natur, die dem See als neues Land Ende des 19. Jahrhunderts zugunsten des Fremdenverkehrs abgerungen worden war: Von der Seebühne aus geht es vorbei an leuchtenden Sommerblumeninseln, hunderten mächtigen Eichen, Buchen, Linden und Pappeln bis zu modernen Sunsetstufen am Hafen, wo vor den Augen der Besucher die Sonne in zarten Wellen versinkt.

„Als wär’s ein Stück Amalfi-Küste“ schwärmt drüben, am Schweizer Ufer, Dominik Gügel, der Direktor des Napoleonmuseums, über den Ausblick vom Schloss Arenenberg. seinem Arbeitsplatz. Unterhalb plätschert der See um zwei harmonisch geschwungene Buchten, dahinter heben sich liebliche Hügel empor, Wein, Pappeln, Trauerweiden, Scheinzypressen, Obstbäume, goldene Felder. Und gegenüber die Vulkankegel der Hegau. Vor dieser Kulisse, rund um das Schloss herum, buddelten vor einigen Jahren Archäologen gut erhaltene Reste eines Landschaftspark aus, in dem man heute wieder lustwandeln kann wie der letzte Kaiser von Frankreich. Eine Sensation, findet Dominik Gügel.

Es war schon bekannt, dass sich Hortense de Beauharnais, die Schwägerin Napoleons, hier in ihrem Exil Anfang des 19. Jahrhunderts ihr kleines Arkadien geschaffen hatte. Dazu ließ sie das Schlösschen nach ihrem Geschmack herrichten. Es gab zwar auch schöne Gärten, die im fernen Mittelalter wurzelten. Doch Madame Hortense wollte einen 13 Hektar großen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild, ganz modern für den Anfang des 19. Jahrhunderts: Mit verschlungenen Pfaden, die immer wieder Sichtachsen auf den See oder exotische Bäume freigaben, darin künstliche Grotten, Kaskaden aus Tuff und Tropfstein, ein Eiskeller zum Getränkekühlen, eine Eremitage und eine Fontäne, die das Wasser 20 Meter hoch in den Himmel warf.

„Sie und später ihr Sohn, der spätere Kaiser Napoleon III, hatten ein Faible für die Kunst des Gartens“, sagt Gügel. Die Besten ihres Faches hatten daran gewerkelt, allen voran Star-Landschaftsarchitekt Fürst Hermann von Pückler. Aber nachdem die kaiserliche Witwe den Arenenberg vor 100 Jahren dem Kanton Thurgau schenkte, verwilderte der Park, wurde teilweise zugeschüttet und vergessen. Was keiner ahnte: Die Gärtner hatten vorher sorgsam Torf, Moos, Geäst und Blätter darüber gebreitet. So blieb vieles unversehrt, dazu gab es zum Glück auch gute schriftliche Quellen, sagt Gügel, und der zentrale Bereich konnte auf Betreiben einer Stiftung originalgetreu restauriert werden. Doch es blieb nicht nur beim Alten: Nebenan vermittelt das Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg grünes Know-how an angehende Landwirte und Hobbygärtner, auch die Schulgärten samt Hühnerstall sind zugänglich.

Eine Open Air-Bühne ist der historische Garten des ehrwürdigen Schlosses Salem am deutschen Bodenseeufer. Weltstar Sting und der Reggae-Musiker Shaggy etwa werden vor lauter Arme schwenkenden Fans wohl nicht viel davon mitbekommen, wenn sie am 23. Juli dort auftreten. Den Scorpions wird es zwei Tage später wohl ähnlich gehen. Und der Rasen, die prächtigen Bäume, die Blumenrabatte? „Die Leute schätzen den Park und wir haben kaum Schäden. Deswegen können wir solche Festivitäten hier organisieren“, sagt Schlossmanagerin Birgit Rückert. Aber auch deshalb, weil das einst mächtige Zisterzienserkloster mit seinen großzügigen Grünanlagen seit zehn Jahren zum großen Teil dem Land Baden-Württemberg gehört.

Der markgräflichen Familie von Baden, ab 1802 die neuen Besitzer, waren die Schulden über den Kopf gewachsen. „Jetzt können alle ‚rein‘“, sagt Birgit Rückert, nimmt einen Bund riesiger Schlüssel und dreht mal wieder ihre Runden. Vorbei am Münster, den Prunkräumen der Abtei, dem alten Weinkeller, wo schon im 12. Jahrhundert der Rebensaft der klösterlichen Weingärten gepresst wurde und immer noch des Markgrafs beste Tropfen reifen. Dem Speisesaal der Mönche, wo sie aßen, was sie im Gemüse- und Kräutergarten und in den Obstplantagen ernteten. Auch neue Sorten, wie den Salemer Klosterapfel, der erst im November reift, Setzlinge für Aprikosen und Kirschen kamen aus dem Burgund.

Später, in der Barockzeit, war den Äbten so ein bescheidener „Kuchelgarten“ direkt vor ihrer Residenz zu popelig. Und so spaziert man heute durch einen deutlich repräsentativen Formengarten, den sie stattdessen anlegen ließen. „Jedenfalls hat er ähnlich ausgesehen, genaue Pläne gibt es nicht“, sagt Rückert. Mit symmetrischen Kieselwegen, Irrgarten, Heckenlabyrinth und ganz viel meditativem Grün. Und als einzige blühende Pflanzen die Rosen, „das Symbol der Maria“.

Auch Gräfin Bettina Bernadotte, die Herrin der Insel Mainau, liebt Rosen. Ihre Farben, ihren Duft. Aber am allerliebsten streift die zierliche Frau, die so gar nichts von blasiertem Adel hat, durch das Arboretum. „In dieser ganz eigenen Welt der alten Bäume fällt sofort aller Stress ab.“ Japanische Schirmtannen, Lebkuchen- und Mammutbäume, Atlaszedern, Zimtrindenahorn: Die Baumsammlung des 19. Jahrhunderts aus der ganzen Welt zu vervollständigen, war eine Leidenschaft ihres 2004 verstorbenen Vaters Graf Lennart. Er war es, der der Liebe wegen auf ein Leben am Hof verzichtete und seit den 1930er Jahren aus der verwilderten Insel ein botanisches Gesamtkunstwerk und die meist besuchte Attraktion am Bodensee machte.

Eine Touristenattraktion ist die Insel immer noch, auch wenn die rührige Gräfin, unterstützt von ihrem Bruder, dafür ganz schön rudern muss. Sie hätten auch Fahrgeschäfte draufstellen, einen Themen-Park daraus machen können – aus Überzeugung haben sie das eben nicht getan. „Mein Vater erklärte immer: Die Natur ist die Basis unseres Lebens und die Gartenkultur ein Stück Lebensqualität. Das steckt in uns drin.“ Dafür gibt es ein Schmetterlingshaus, ein Wildbienen-Hotel, eine Ausstellung über das aktuelle Max-Planck-Forschungsprojekt Icarus, das mit Zugvögeln auf Langstrecke geht. Ein vorbildliches Energiekonzept gibt es ebenso zu bewundern, organisiert werden Schatzsuche für Kinder und Naturerfahrungsseminare für gestresste Manager.

Und durchs „grüne Telefon“ werden eben solche Fragen wie die nach den Dahlienknollen beantwortet. Es steht im Holzhaus des neuen Gartenteils „Platanenweg 5“, der unterschiedliche Hausgarten-Lösungen präsentiert. Aber, natürlich, ist die Insel auch immer noch ein berauschendes Blumenmeer, mit Riesen-Pfauen aus Blüten, italienischer Blumenwassertreppe und spektakulären Rosenspalieren.

Einheimische Pflanzen und Naturnähe statt Exoten, das ist das moderne Garten- und Parkkonzept. So wie in Überlingen, wo Geschäftsführer Roland Leitner samt Mitarbeiter unter Volldampf die Landesgartenschau 2020 vorbereitet und für den Bürgerpark das gesamte Bodenseeufer umgestaltet. Bisher dämmerte es als vernachlässigtes Gewerbegebiet nur noch vor sich hin. Leitner ließ eine Straße verlegen, eine kilometerlange sichtbehindernde Mauer abreißen und die Schwarz-Pappel an den See zurückholen. Es werden Wildkräuterwiesen und Strandrasen angelegt, der es auch längere Zeit unter Wasser aushält. Verwendet werden Arten, die typisch sind für unberührtes Seeufer, aber wegen Bebauung und Überdüngung nur noch als Raritäten vorkommen.

Einige letzte dieser Pflanzen rettete der Botanische Garten der Universität Konstanz. Zwei Jahre lang haben die Stadtgärtner die Pflänzlein gezogen und aufgepäppelt: Bodensee-Vergissmeinnicht, Nadelbinse, Strandling und die Strandschmiele, ein Süßgras mit zarten weißen Blüten. Vom Aussehen eher unscheinbar, für Leitner aber ein großer Schatz. „Es ist einzigartig und gehört zu den am stärksten bedrohten Arten Mitteleuropas“, sagt er. „Die Blüten bilden statt Samen kleine neue Graspflänzchen“. Madame Hortense hätte sie sicherlich naserümpfend herausrupfen lassen.

Weitere Informationen zu dem Projekt oder der langen Nacht der Bodenseegärten gibt es unter www.bodenseegaerten.eu

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare