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Seit einigen Jahren müssen Animateure auch sportlich was drauf haben.

Animateure

Spaß, Spaß und noch mehr Spaß

Animateure müssen immer gut drauf sein, haben lange Arbeitstage und verdienen nicht gerade viel. Trotzdem bewerben sich jedes Jahr Tausende junge Leute als professionelle Gute-Laune-Verbreiter. Beobachtungen bei einem Casting.

Von Petra Pluwatsch

Jennifer Schwohl hat viel vor an diesem Morgen. „Wir möchten Sie in die große weite Welt hinausschicken.“ Hinter der Gruppenleiterin Personalmanagement Animation prangt ein Schriftzug an der Wand: „Willkommen bei Alltours“. Ein stilisiertes Herzchen verliert sich in der Endlosigkeit eines knallblauen Sommerhimmels.

Vor Jennifer Schwohl an einem langen schwarzen Tisch sitzen zehn adrett gekleidete junge Menschen zwischen 17 und 33 bei Sprudelwasser, O-Saft und Apfelschorle und schauen sie beklommen an. Es geht um Geld. Es geht um Arbeitsverträge. Und es geht um Spaß. Spaß, Spaß und noch mehr Spaß.

Denn „Fun“ möchten sie alle haben, die heute Morgen ins imposante Düsseldorfer Dreischeibenhaus gekommen sind, um sich casten zu lassen als Spaßkanone für eine Saison. 86 Stellen als Kinder-, Sport- und Fitness-Animateur hat Deutschlands fünftgrößter Reiseveranstalter Alltours für die Sommersaison 2016 zu vergeben. Mehr als 1000 Bewerber aus ganz Deutschland reißen sich darum. Bis zu fünf Bewerbungen gingen tagtäglich bei ihnen ein, berichtet Jennifer Schwohl. Gecastet würden nur rund 360 pro Jahr, handverlesen nach Sichtung der Bewerbungsunterlagen. Und genommen werde erst recht nicht jede(r).

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, beruhigt die Casting-Chefin die Kandidatenschar vor dem Beginn der ersten Runde. Sechs Stunden, von morgens um zehn bis nachmittags um 16 Uhr, sollen die acht Frauen und zwei Männer ihre Eignung als professionelle Spaßvögel unter Beweis stellen, unverfälscht und ohne falsche Scham. „Wir wollen Animateure, die zeigen, wie sie sind. Also verstellen Sie sich nicht und zeigen Sie uns heute, wie Sie wirklich sind.“

Das heutige Casting ist eine von rund einem Dutzend Vorstellungsrunden, die bis Ende Februar bundesweit stattfinden. Routiniert verteilen Jennifer Schwohl und Kollege Markus Neiken, der dereinst selber als Animateur gearbeitet hat, Karten mit Fragen zur Person auf Deutsch und auf Englisch. Sie dienen unter anderem dazu, die Sprachkenntnisse der Kandidaten zu testen und sie mit ungewöhnlichen Fragen – „Besitzt du einen Pandabär? Hast du eine Nickelbrille? Wärst du gern ein Youtube-Star?“ – aus der Reserve zu locken.

Alina, die kürzlich ihr Mathe- und Physikstudium geschmissen hat, beginnt. Grundschullehrerin möchte sie werden für Deutsch, Sport und Mathe und vorher noch ein wenig Spaß haben in Griechenland oder auf Mallorca. „Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ziemlich offen und verantwortungsbewusst.“ Ihre Stärke? „Oft gut gelaunt.“ Ihre Schwächen: „Schlechter Orientierungssinn.“ Pandabär? Nickelbrille? „Habe ich beides nicht.“ Warum sie Animateurin werden will? „Weil ich täglich ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen zaubern möchte.“

Saskia, 19, reitet gern, ist Herausforderungen „in der Regel“ gewachsen und liebt ihren Hund. Über ein Dasein als Animateur macht sie sich keinerlei Illusionen. „It is a hard job – aber ich denke, ich werde auch eine Menge Spaß haben.“ Emma, 17, die noch zur Schule geht, wäre gern ein Youtube-Star. Auch sie glaubt, dass „the hard job“ auf jeden Fall „much fun“ bringen wird. Einen Panda besitzt sie nicht, und Nickelbrillen findet sie ziemlich doof.

Die rothaarige Katharina, 18, wird „bei Stress hektisch“ und wollte schon als Kind in einem Ferienclub arbeiten. „Ich fand die Entertainer immer total cool und wollte sein wie sie.“ Zu Andrés Schwächen gehören seine miserablen Englischkenntnisse. Seine Vorstellungen vom Animateursjob? „The work is more for the body than for the brain“ – die Arbeit sei eher etwas für den Körper als für den Kopf. Der 22-Jährige gehört zu den drei Kandidaten, die keinen Vertrag bekommen werden. „Die Bewerber haben oft falsche Vorstellungen von dem Beruf“, sagt Jennifer Schwohl. „Animateure müssen von innen strahlen und die Motivation haben, Menschen zu begeistern und glücklich zu machen. Das muss man ihnen auch ansehen. Sie sollen kreativ sein, offen und nicht introvertiert in der Ecke herumstehen.“

Zum Casting gehört daher auch das Modul „Fantasieprodukt“, bei dem die Kreativität der Kandidaten gefordert ist. Zehn Minuten haben sie Zeit, um sich ein Produkt auszudenken, das garantiert niemand braucht, zwei Minuten, um es in der Runde vorzustellen. Katharina erfindet auf die Schnelle einen „Zeitanhalter“, der sich praktischerweise in die Hosentasche stecken lässt und sie zur Königin über ihre Zeit macht. Andrés Fantasie gebiert eine „Sonnencreme on time“. Die soll 1000 Euro kosten und muss nur einmal, am Anfang des Urlaubs nämlich, aufgetragen werden. Außerdem können die erwünschte Bräunungsstufe vor dem Eincremen festgelegt werden.

Jennifer Schwohl hauen die vorgestellte „Produkte“ nicht aus den Schuhen. „Vieles wiederholt sich“, sagt sie. „Die Zeitmaschine beispielsweise, oder ein Stift, der alles weiß.“ Bei dem heutigen Casting erfindet ihn die 17-jährige Emma.

Der 1950 gegründete französische Club Med war der Erste, der junge Spaß-Profis engagierte, um seine Gäste bei Laune zu halten. Inzwischen beschäftigen fast alle großen Reiseveranstalter, Ferienhotels und Kreuzfahrtgesellschaften Animateure für Kinder wie für Erwachsene. Marktführer TUI hat jährlich etwa 1000 Animateure unter Vertrag. Für die kommende Sommersaison werden rund 400 Nachwuchskräfte gesucht. Die Hälfte der 18 Castings, die noch bis Ende Februar laufen, ist bereits ausgebucht.

Auch bei DER Touristik läuft das Casting auf Hochtouren. Gesucht werden 50 Interessenten, „die mindestens zwei, im Idealfall drei Monate Zeit mitbringen“. Weitere nicht verhandelbare Voraussetzungen: „Wir erwarten von unseren Bewerbern, dass diese sympathisch, kontaktfreudig, humorvoll, spontan, flexibel, selbstständig arbeitend und belastbar sind, auch unter Stress und extremen klimatischen Bedingungen.“

Deutschlands drittgrößter Reiseveranstalter beschäftigt mehr als 100 Animateure. 400 Euro Brutto Einstiegsgehalt pro Monat erhalten Freelancer, die weniger als drei Monate Zeit mitbringen. 700 Euro bekommt, wer die komplette Saison mitmacht. Bei anderen Reiseanbietern liegen die Einstiegsgehälter bei 700 beziehungsweise 1200 Euro aufwärts. Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung werden gestellt, die Anreise wird bezahlt.

„Meist spielt bei den Bewerbern das Motiv dem „Alltag in Deutschland entfliehen“ und „etwas Neues erleben“ eine große Rolle“, erklärt Catrin Leese, Leiterin Personal Animation bei DER Touristik, warum die schlecht bezahlten Saisonjobs dennoch so beliebt sind. „Andere wollen die Zeit zwischen Abitur und Studium überbrücken.“

Seit einigen Jahren wandelt sich das Bild des Animateurs. „Alles ist ein bisschen professioneller geworden“, sagt Alltours-Mann und Ex-Animateur Markus Neiken. „Diese Halligalli-Animation ist raus. Früher ist man schon mal als Huhn durch die Gegend gelaufen. Das wäre heute undenkbar. Der Spaß steht zwar noch immer im Vordergrund unserer Arbeit, aber man setzt mehr auf den Fitness-, Sport- und Wellnessbereich.“

„Soft-Animation“ laute das neue Zauberwort, sagt Schwohl. Zurückhaltung. Und beschwört die Kandidatenrunde, sich schleunigst von den alten Klischees zu verabschieden. „Unsere Gäste wollen eine unaufdringliche Wohlfühl-Atmosphäre und keine Dauerbespaßung. Wir reißen niemanden von der Liege wie früher, und die Gäste werden auch nicht mehr automatisch geduzt.“ Wer nicht mitmachen wolle, den solle man tunlichst in Ruhe lassen.

Saskia, Katharina und Emma brüten inzwischen über einem Tagesplan für Animateure. 30 Minuten haben sie Zeit für die Gruppenaufgabe. „Wann fängst man morgens an, und wann soll die erste Gruppenbesprechung stattfinden? Sollen wir noch eine Nachtprobe für eine Show einplanen, oder machen wir um 0.30 Uhr Feierabend?“

Letzteres können Jennifer Schwohl und Markus Neiken nicht versprechen. „Sie müssen sich darüber klar sein, dass Sie sehr wenig Privatleben haben werden“, warnt die Casting-Chefin die Kandidaten. „Sie gehen aus Ihrem Zimmer raus, und schon kommen die ersten Gäste und wollen etwas von Ihnen.“ Von den Arbeitszeiten von bis zu 15 Stunden ganz zu schweigen. „Die Tage sind lang, und sie sind anstrengend. Das können wir nicht wegreden. Das ist halt so. Aber es ist etwas, das Ihnen Spaß macht.“

Eine Erfahrung, die Melanie zweieinhalb Jahre lang tagtäglich gemacht hat. Inzwischen ist die 23-Jährige ausgestiegen aus dem Fulltime-Job und macht eine Ausbildung zur Bürokauffrau. An diesem Nachmittag schaut sie im Konferenzraum vorbei, um den angehenden Animateuren Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Für Heimweh sei keine Zeit, sagt sie. Dazu sei der Alltag viel zu stressig. „Das Schwierigste ist, dass man schon mal Tage hat, wo die Luft raus ist. Trotzdem erwarten die Gäste eine gut gelaunte Animateurin.“

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