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Nennt seine Texte Poesie, die nicht erklärt werden will: C. Tangana

C. Tangana

Zensur im Namen des Feminismus? Spanien debattiert über Meinungsfreiheit

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Seine Texte sind frauenverachtend – aber dass ein spanischer Rapper nicht auftreten darf, finden selbst Feministen bedenklich.

Die Popmusik hat ihre Fähigkeit bewahrt, den Erwachsenen mindestens ein Rätsel, wenn nicht gar Gräuel zu sein. Denn: klingt alles gleich, abscheuliche Ästhetik, Texte zum Weglaufen. Wie dieser zum Beispiel, vom Korrespondenten unter Qualen aus dem Spanischen übersetzt: „Wenn ich’s ihr nicht gegeben habe, dann deshalb, weil ich nicht will. Für mich ist dieser Scheiß leicht. Deine Nutte nennt mich Papi. Ich sorg dafür, dass die Nutte genug bekommt. Ich sorg dafür, dass sie den Mund hält und sich bückt.“

Wer will so was hören? – Tja, Hunderttausende. Millionen. C. Tangana – so nennt sich der Mann, der sich auf diese Weise wohl seine Minderwertigkeitskomplexe von der Seele singt – gehört gerade zu den ganz angesagten spanischen Popstars. Ende nächster Woche sollte er auf dem Stadtfest in Bilbao auftreten. Er ist aber gerade wieder ausgeladen worden. Jetzt kennen ihn auch die, die vorher nie von ihm gehört hatten.

Kritik? Ja! Zensur? Nein!

In Zeiten wie diesen, in denen alles wörtlich genommen wird, fanden sich schnell ein paar Zehntausend Leute zur elektronischen Unterschrift unter ein Manifest bereit, in dem C. Tanganas Texte als „machistisch, patriarchalisch und frauenverachtend“ bezeichnet wurden, „weswegen wir nicht wollen, dass er zum Stadtfest eingeladen wird“. Die Stadtverwaltung hörte die Bitte und gab ihr nach. Was den Vorzug hatte, dass danach in Spanien einmal über Zensur im Namen des Feminismus debattiert wurde. In Spanien wird gerne nach Zensur gerufen, von Linken wie von Rechten. Und erst recht von Feministen. Jetzt finden aber doch viele, dass die Ausladung eines Sängers, so krude er auch dahertexten mag, dann doch zu weit geht.

Als Erster meldete sich der Alphafeminist Pablo Iglesias zu Wort, Chef der Linkspartei Podemos. „C. Tangana gefällt mir nicht, aber ich finde es beschämend, dass ihm verboten wird aufzutreten“, schrieb Iglesias auf Twitter. „Die Arbeit von Künstlern soll – wie die von Politikern – Ziel von Kritik, Satire, Spott oder Beef sein, aber niemals von Zensur.“

Die Sprecherin des Vereins Frauen in der Musikindustrie, Ivone Lesan, schlug in dieselbe Kerbe: „Das ist eine Scheiße. Es ist und bleibt Zensur“, sagte sie im Gespräch mit El País über die Ausladung. Und stellte ihre Haltung zu C. Tangana klar: „Dass wir die Zensur kritisieren, heißt nicht, dass wir seine Musik loben.“ Die Plattenauflegerin Eme DJ, seit 15 Jahren im Geschäft, sagte: „Es macht mir ziemlich Angst, dass Leute der Linken Zensur üben, anstatt die Meinungsfreiheit zu verteidigen.“

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Nicht geäußert hat sich der 29-jährige C. Tangana. Als wenn er den Ärger hätte kommen sehen, sagte er aber schon vor ein paar Monaten in einem Gespräch mit einer spanischen Zeitschrift: „Ich habe keine Lust, meine Lieder zu erklären. Ich habe erklärt, welcher Teil von mir Poesie ist. Wer verstehen will, der möge verstehen.“

Wenn es um das Bild der Frau in der Öffentlichkeit geht, hat sich Spanien längst an die Idee der Zensur gewöhnt. Ende vergangener Woche klagte ein Sprecher der Gewerkschaft Comisiones Obreras auf Twitter über die Werbung einer Autowaschanlage, die er für sexistisch hielt, weil sie „die Frau erniedrigt und zum Gegenstand macht“. Anlass für seinen Ärger waren zwei Werbetafeln, auf denen sich gezeichnete Frauen im Pin-up-Stil auf Motorhauben rekeln. Mit Kritik, Satire oder Spott war es in diesem Fall aber nicht getan: Die Stadtverwaltung von Alcalá de Henares bei Madrid zeigte den Betreiber der Waschanlage an.

Ein Fest ist keine Demo

Manchmal werden auch Ideen zensiert, und weil die Zensierten nicht so bekannt sind wie C. Tangana, schlagen die Geschichten weniger Wellen. So wie im Fall einer Gruppe von Männern, die kürzlich während eines Stadtfestes im baskischen Vitoria ein paar politische Transparente in die Höhe hielten. „Gewalt ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Haltung“, stand auf einem, „Falsche Anschuldigungen = Misshandlung = selbe Strafe“ auf einem anderen. Die Männer wurden von der Festleitung umgehend des Platzes verwiesen.

Es scheint, als seien unaufgeregte Debatten über zentrale Postulate des Feminismus in Spanien zurzeit nicht möglich.

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