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Späte Würdigung einer frühen Queen

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Von: Isabella Caldart

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Das P. in ihrem Namen stand für den Ausspruch „Pay it no mind“ – was recht frei übersetzt so viel heißt wie: Beachte es nicht, mach dich nicht verrückt. imago images
Das P. in ihrem Namen stand für den Ausspruch „Pay it no mind“ – was recht frei übersetzt so viel heißt wie: Beachte es nicht, mach dich nicht verrückt. © Everett Collection/Imago

Marsha P. Johnson war eine der ersten Transgender-Aktivistinnen. Zu Lebzeiten angefeindet und unter ungeklärten Umständen gestorben, wird sie 30 Jahre nach ihrem Tod mit einem Park in New York geehrt.

Verfolgt man den aktuellen Diskurs und vor allem konservative und rechte Stimmen, könnte man glauben, der Kampf für die Gleichberechtigung von Trans-Menschen sei ein neuer Trend. Doch sowohl die Existenz als auch der Aktivismus von Transgender-Personen hat eine Geschichte. Zu deren wichtigsten Stimmen gehört die Schwarze Drag Queen Marsha P. Johnson, die heute vor 30 Jahren in New York City unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Inzwischen besinnt man sich in ihrer Wahlheimat auch auf das Erbe der queeren Aktivistin und erinnert mit der Umbenennung eines Parks und mit einer kleinen Skulptur an sie.

Geboren wurde Johnson am 24. August 1945 in New Jersey. Mitte der Sechzigerjahre zog sie ins legendäre Greenwich Village im Westen Manhattans. Genau dahin also, wo nach einer Razzia in der queeren Bar Stonewall Inn am 28. Juni 1969 Schwule, Lesben und Trans-Personen gegen die brutale und diskriminierende Behandlung durch die Polizei auf die Straße gingen. Diese Unruhen sind heute als Stonewall Riots bekannt, weltweit wird der Aufstand jedes Jahr mit dem Christopher Street Day gefeiert.

Marsha P. Johnson gilt nicht nur als eine der führenden Persönlichkeiten der Auseinandersetzungen rund um das Stonewall Inn, sie erinnerte gemeinsam mit der Transgender-Aktivistin Sylvia Rivera (1951–2002) auch daran, den Kampf für die Rechte einer besonders marginalisierten Gruppe nicht zu vergessen: die der Trans-Personen, vor allem der nicht-weißen Trans-Personen aus der Unterschicht.

Sich selbst nannte Johnson nie transgender – der Begriff war zu ihren Lebzeiten noch nicht gängig. Sie selbst beschrieb sich als schwule Person, Transvestit und Drag Queen. Und benutzte „sie“ und „ihr“ als Pronomen. Heute aber wird sie sowohl von Historiker:innen als auch Freund:innen als Transgender-Frau bezeichnet. Oder um es mit Johnsons Worten zu sagen: „Pay it no mind“ – achte nicht darauf. Dafür steht das P. in ihrem Namen.

Nicht nur beim Stonewall-Aufstand gehörte Johnson zu den Pionier:innen, sie war auch Teil der Gay Liberation Front und rief selbst eine Gruppe ins Leben. In den Siebzigerjahren wandte sich die Lesben- und Schwulenbewegung vermehrt gegen Persons of Color und gegen Trans-Personen; der Netflix-Dokumentarfilm „The Death and Life of Marsha P. Johnson“ aus dem Jahr 2017 etwa zeigt eine aufgebrachte Sylvia Rivera, die während ihrer Rede auf dem CSD 1973 in Manhattan von der Menge ausgebuht wird.

Gemeinsam gründeten Johnson und Rivera die Gruppe Street Transvestite Action Revolutionaries (Star), die sich vor allem für queere Jugendliche und Sex Worker:innen, die auf der Straße lebten, engagierte, und ihnen im „Star House“ eine Unterkunft und eine Ersatzfamilie bot. Später schloss sich Johnson außerdem „Act up“ an, einer Graswurzelinitiative, deren Aktivist:innen sich gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven und für eine bessere Aids-Forschung einsetzten.

Am 6. Juli 1992 wurde Johnsons Leichnam im Hudson River gefunden. Die New Yorker Polizei tat den Tod der 46-Jährigen als Suizid ab und stellte die Ermittlungen schnell ein. Wegbegleiter:innen zweifeln aber bis heute daran, dass sich die lebensbejahende Marsha P. Johnson wirklich das Leben genommen haben soll. 2002, zehn Jahre nach ihrem Tod, wurde die Ursache dann von „Suizid“ zu „unbekannt“ geändert. Geklärt ist der Fall bis heute nicht.

Schon zu Lebzeiten galt Marsha P. Johnson als Legende, 1975 wurde sie von Andy Warhol porträtiert. Trotzdem geriet sie immer wieder halb in Vergessenheit, vor allem zu den Zeiten, da die Lesben- und Schwulenbewegung von weißen Homosexuellen der Mittelschicht dominiert wurde, die Engagement für Trans-Personen zeigten. Inzwischen tut man in New York aber etwas dafür, um die queere Aktivistin und ihren Kampf um Gleichberechtigung zu würdigen.

Der Park sollte asphaltiert und der Boden dann in Regenbogenfarben angemalt werden. Nach Protesten wurde umgeplant, jetzt gibt es viel grün und viele Blumen im Park. Caldart
Der Park sollte asphaltiert und der Boden dann in Regenbogenfarben angemalt werden. Nach Protesten wurde umgeplant, jetzt gibt es viel grün und viele Blumen im Park. © Caldart

Am 24. August 2020, ihrem 75. Geburtstag, wurde ein sieben Hektar großer Park am Ufer von Williamsburg im Stadtteil Brooklyn in Marsha P. Johnson State Park umbenannt – der erste öffentliche Park im Bundesstaat New York, der den Namen einer queeren Person trägt. Der damalige Gouverneur Andrew Cuomo bezeichnete Johnson als „Ikone der Community“ und sagte, es sei sein Ziel, den Staat New York zum „Champion der Nation für die LGBTQ-Community“ zu machen. Wer beim Umbau des Parks allerdings nicht befragt wurde, waren genau diese Communitys – weder die Anwohner:innen noch die Familie von Marsha P. Johnson oder Schwarze Transgender-Aktivist:innen wurden einbezogen.

Nach Protesten wurde der eigentliche Plan für den Park – den Boden zu teeren und in Regenbogenfarben zu bemalen – wieder verworfen. Der jetzige Marsha P. Johnson State Park ist ganz im Sinne der Drag Queen mit Grünflächen und Blumen statt Beton und Plastik ausgestaltet und wurde im Frühling 2022 wiedereröffnet. „Wir finden es wundervoll, wenn LGBTQ-Personen geehrt werden, gerade die stärker marginalisierten in unserer Community“, sagt Amanda Davis vom New Yorker LGBTQ Historic Sites Project. „Vor allem wenn es um eine Person geht, die so beliebt und einflussreich war wie Marsha P. Johnson.“

Geehrt wird Marsha P. Johnson seit vergangenem Jahr auch mit einer Statue, genauer gesagt einer bronzefarbenen Büste, die Jesse Pallota – selbst queere:r Künstler:in und Sex Worker:in – aus Ton, Silikon und Gips modellierte. Diese Büste Johnsons wurde im August 2021 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Christopher Park direkt vor dem Stonewall Inn aufgestellt. Bis November duldete die Stadt die Büste; bis zum 24. August ziert sie die Lobby des Lesbian, Gay, Bisexual, and Transgender Community Center in Manhattan.

„Die Stadt hatte uns lange Zeit eine Statue versprochen, aber nichts dafür getan“, erläutert Jesse Pallota die Aktion. „Es war übrigens Marsha, die sich eine Statue aus Bronze wünschte. Ich habe sie gestaltet, um ihre jahrzehntelange Community-Arbeit zu würdigen. Selbst in für sie schwierigen Situationen kümmerte sie sich immer um die Menschen in ihrem Umfeld. Sie ist eine Quelle der Inspiration für mich.“

Auch dreißig Jahre nach dem Tod von Marsha P. Johnson sind Trans-Personen, vor allem Trans-Frauen – und mehr noch, wenn sie arm und/oder nicht weißer Hautfarbe sind – die marginalisierte Gruppe, die am stärksten diskriminiert und bedroht ist. Statistiken zufolge wurden im Jahr 2021 allein in den USA rund 50 Trans-Menschen ermordet. Die Zahlen dazu variieren, da nicht alle Todesfälle als Morde eingestuft und nicht alle unter der legalen Definition eines Hassverbrechens anerkannt werden.

Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und ihre Zeitgenoss:innen haben vor 53 Jahren mit den Stonewall Riots den Stein für mehr Anerkennung und Gleichberechtigung von LGBTQ-Personen ins Rollen gebracht. Vorbei ist ihr Kampf aber noch lange nicht – im Gegenteil: Gerade in den USA werden viele Errungenschaften der Bewegung derzeit wieder rückgängig gemacht.

Transparenzhinweis: Die Recherchen wurden teilweise durch ein Stipendium der Initiative Neustart Kultur von VG WORT ermöglicht. Die Förderung hatte keinen Einfluss auf den Inhalt des Artikels.

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