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Viele Einrichtungen wie die St. Michael’s Indian Residential School wurden von Kirchen betrieben.

Residential Schools

Kanadas dunkles Kapitel: Indigene Kinder zwangsassimiliert

  • vonGerd Braune
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Bis in die 1970er Jahre wurden indigene Mädchen und Jungen in kanadischen Internaten ihrer Kindheit beraubt. Der Staat arbeitet nun seine eigene Verbrechen auf.

  • Indigene Kinder wurden einer Zwangsassimilierung unterworfen.
  • Sie wurden ihrer Kultur beraubt.
  • Der kanadische Staat will diesen Teil seiner Geschichte aufarbeiten.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden in Kanada indigene Kinder in Internatsschulen, den „Residential Schools“, der Zwangsassimilierung unterworfen. Ihre Kultur und Identität wurden zerstört. Nun erkennt Kanadas Bundesregierung dieses Schulsystem als wichtiges „Nationales Historisches Ereignis“ und „tragisches Ereignis in der kanadischen Geschichte“ an.

Diese Anerkennung soll helfen, das dunkle Kapitel der Geschichte Kanadas nie zu vergessen. Zugleich wurden die frühere „Shubenacadie Indian Residential School“ in der Atlantikprovinz Nova Scotia, die jetzt eine Plastikfabrik ist, und das Gebäude der „Portage La Prairie Indian Residential School“ in der Prärieprovinz Manitoba zu „Nationalen Historischen Stätten“ erklärt.

Indigene Völker wurden in Kanada unterdrückt

„Um ein gerechtere Gesellschaft zu schaffen, müssen wir die Geschichte, die wir teilen, anerkennen und verstehen“, sagte Umweltminister Jonathan Wilkonson. Dazu gehörten die Fehler, die in den Beziehungen zu den indigenen Völkern begangen wurden. Die Internatsschulen seien eine „beschämende Phase kanadischer Geschichte“.

Die Entscheidung, dieses System als wichtiges nationales Ereignis zu bezeichnen, solle ein „besseres Verständnis der gemeinsamen Geschichte auf dem Weg der Aussöhnung fördern“, so Wilkinson. Da „Parks Canada“, die Bundesbehörde für Nationalparks und nationale historische Stätten, dem Umweltministerium angegliedert ist, war der Umweltminister für die Widmung zuständig.

Die Residential School waren vom kanadischen Staat eingerichtete, aber vor allem von Kirchen geführte Internatsschulen. Mit dem Aufbau dieses Schulsystems wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen. Residential Schools existierten etwa 150 Jahre lang. Die letzten Schulen dieses Systems wurden erst in den 1990er Jahren geschlossen. Die Abkehr von der dahinter stehenden Ideologie allerdings setzte bereits Ende der 1960er ein.

Kanada: Indigene Kinder sollten europäisch geprägt werden

Etwa 150 000 Mädchen und Jungen der indigenen Völker Kanadas, der First Nations, der Inuit und der Métis durchliefen dieses Schulsystem, das landesweit etwa 130 Einrichtungen umfasste. Die Métis sind ein indigenes Volk, das aus dem Zusammenleben europäischer Trapper und Pelzhändler und Frauen aus indigenen Völkern entstand und eine eigene Kultur entwickelte.

Das System der Residential Schools hatte das Ziel, die Kinder in den von europäischen Einwanderern und ihren Werten geprägten Staat einzugliedern. Sie sollten handwerklich ausgebildet werden und lesen und schreiben lernen.

Die Schulen hatten aber vor allem das Ziel, die Kinder zu assimilieren und ihre indigene Identität und Kultur zu zerstören. Die Schulen wurden oftmals weit entfernt von Reservationen errichtet, um die Kinder dem Einfluss ihrer Eltern zu entziehen.

Über Monate, manchmal Jahre hinweg sahen die Mädchen und Jungen ihre Familien nicht. Sie durften ihre Muttersprache nicht sprechen und ihre Kulturen und Traditionen nicht pflegen. Auf diese Weise sollte das „Indianerproblem“ gelöst werden. Ein verbreitetes, berüchtigtes Zitat, dessen Quelle nicht klar ist, besagt, die Schulen hätten das Ziel, „den Indianer im Kind zu töten“.

Teils jahrelang wurden Familien getrennt.

Die dunkelste Seite des Residential-School-Systems wurde erst in den 1990er Jahren bekannt. Auch der sexuelle Missbrauch indigener Mädchen und Jungen durch das Personal soll an manchen Schulen an der Tagesordnung gewesen sein. Am 11. Juni 2008 sprach der konservative Premierminister Stephen Harper die lange geforderte offizielle Entschuldigung des kanadischen Staats aus.

In dieser Entschuldigung des Premiers ging es um das Unrecht und Leid, das den Kindern, ihren Familien und Gemeinden zugefügt wurde. Ein rund zwei Milliarden Dollar – umgerechnet etwa 1,4 Milliarden Euro – umfassender Entschädigungsfonds für die damals rund 80 000 Überlebenden des Systems wurde eingerichtet und ein Wahrheits- und Versöhnungskommission machte sich an die Arbeit.

Erschütternde Berichte über das Ausmaß der Unterdrückung der Indigenen

Im Jahr 2015 legte die Kommission dann ihren erschütternden Bericht über das gesamte Ausmaß der Tragödie vor. Der kanadische Staat hatte sich bereits Mitte der 1990er Jahre auf den Weg der „Reconciliation“, der Versöhnung und Verständigung mit den indigenen Völkern des Landes gemacht, der auch zu einer Verbesserung ihrer in manchen Gemeinden weiterhin miserablen Lebensverhältnisse führen soll.

Die Rechte der indigenen Völker sollten damals durch verschiedene Verträge und Gesetzesänderungen gestärkt werden. Allerdings gibt es auch heute noch erhebliche Defizite im Lebensstandard zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung. Viele Probleme in den indigenen Gemeinden – darunter die hohen Suizidraten – werden auf das über Generationen hinweg wirkende Trauma der Residential Schools zurückgeführt.

Wichtig ist in diesem schwierigen Versöhnungsprozess die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kolonialisierung und Unterdrückung der indigenen Völker. Diese dunkle Phase soll in Kanadas Geschichte nie vergessen werden. Die Widmung des Schulsystems als national wichtiges Ereignis des Landes soll sicherstellen, „dass künftige Generationen die tragische Geschichte der Internatsschulen und ihrer Überlebenden nicht vergessen“, so Perry Bellegarde.

Bellegarde ist Vorsitzender des Dachverbandes der indigenen Völker Kanadas und überdies Nationaler Häuptling. Es sei ein weiterer Schritt, die Menschenrechtsverletzungen anzuerkennen, die in diesem Schulsystem stattfanden, sagte er. „Wir alle müssen verstehen, welche verheerenden Auswirkungen diese Schulen hatten und weiterhin für die Kultur, die Sprachen und Familien der First Nations im ganzen Land haben“, so Bellegarde.

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