1. Startseite
  2. Panorama

Späte Gerechtigkeit

Erstellt:

Von: Jörg Michel

Kommentare

Carol Todd mit einem Foto ihrer Tochter Amanda, Oktober 2013. imago images
Carol Todd mit einem Foto ihrer Tochter Amanda, Oktober 2013. imago images © imago images

Vor zehn Jahren beging die 15-jährige Amanda Todd Suizid, nachdem sie jahrelang von einem Cyber-Stalker belästigt und unter Druck gesetzt worden war. Nun ist der Mann in Kanada verurteilt worden

Das Video ging um die Welt. Stumm, nur mit beschriebenen Karteikarten in der Hand, hatte Amanda Todd die Öffentlichkeit über YouTube teilhaben lassen an ihrer Tortur. Neun Minuten lang, Zettel für Zettel. „Ich habe niemanden“, stand da. Und: „Ich brauche Hilfe.“ Es war ihr letzter Aufschrei gewesen, bevor sie sich ein paar Tage später das Leben nahm.

Zehn Jahre sind vergangen, seit die damals 15-Jährige ihren Hilferuf ins Netz gestellt hatte und so zum wohl bekanntesten Gesicht der Opfer von Cybermobbing wurde. Jetzt wird Amanda Todd späte Gerechtigkeit zuteil. Am Samstag verurteilte ein Geschworenengericht in Kanada den Online-Stalker, der dem Mädchen seinerzeit das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Das Urteil der Geschworenen war einstimmig, unmissverständlich und kam nach nur wenigen Stunden Beratung zustande: Am Ende des siebenwöchigen Prozesses sah es die Jury als erwiesen an, dass der Niederländer Aydin C. das Mädchen zwischen 2010 und 2012 online verführt, erpresst, kriminell belästigt sowie pornografisches Material von ihr gesammelt und weitergereicht hatte. Das Strafmaß wird später festgelegt.

Der Angeklagte nahm das Urteil im Gerichtssaal in New Westminster ohne erkennbare Regung auf. Im Prozess hatte er auf „nicht schuldig“ plädiert, sich aber zu keinem Zeitpunkt selbst geäußert. Die Verteidigung hatte keine eigenen Zeugen geladen, sondern lediglich versucht, Zweifel an der Täterschaft ihres Mandanten zu wecken. Ohne Erfolg.

Dagegen hatte die Anklage mit Dutzenden Zeugen und Fachleuten aus Kanada und den Niederlanden die Leidensgeschichte Todds noch einmal nachgezeichnet. Anhand von Textnachrichten hatten sie aufgezeigt, wie C. die Teenagerin aus Port Coquitlam erst überredete, vor der Webcam ihre Brüste zu zeigen, und sie dann ein Jahr später vor Familie und Freunden bloßstellte, weil sie nicht weiter gefügig war.

„Hast du mich verstanden, du Miststück? Zehn private Shows, dann verschwinde ich für immer“, soll C. dem Mädchen unter anderem gedroht haben. „Ich hoffe, sie sieht das und bringt sich dann um“, hatte eine Mitschülerin nach der Veröffentlichung der Nacktaufnahmen geschrieben.

Vor Gericht hatten Todds Eltern ausführlich geschildert, wie ihre Tochter in der Schule gehänselt und verspottet wurde, wie sie täglich Schmähmails bekam und verzweifelt versuchte, auf einer anderen Schule neu anzufangen. Dann: Depressionen, Alkoholsucht, ein erster Suizidversuch.

Die leitende Staatsanwältin Louise Kenworthy hatte den Geschworenen 22 virtuelle Identitäten vorgelegt, mit deren Hilfe C. das Mädchen von einem Campingplatz in den Niederlanden aus unter Druck gesetzt und angeschwärzt hatte. Auf zwei Festplatten des Täters hatten die Ermittler zudem Spuren von Dateien gefunden, die mit der Teenagerin in Verbindung gebracht werden konnten.

34 weitere Mädchen belästigt

Für C. ist das Urteil nicht der erste Schuldspruch: In den Niederlanden war der heute 44-Jährige 2017 zu zehn Jahren und acht Monaten Haft wegen Cybermobbing verurteilt worden. Laut dem dortigen Gericht hatte C. neben Amanda Todd 34 weitere Mädchen und fünf schwule Männer aus mehreren Ländern mit Fotos erpresst und zu sexuellen Handlungen vor der Webcam gedrängt. Im Dezember 2020 war C. von den Niederlanden nach Kanada ausgeliefert worden. C.s Anwälte wollen eine Berufung prüfen.

Für Todds Familie ist der Schuldspruch eine große Genugtuung. In einem getrennten Verfahren hatten sich die Eltern des Mädchens dafür eingesetzt, dass trotz der strengen Jugendschutzregeln in Kanada über die Details des Prozesses berichtet werden darf. Damit wollten sie ihrer Tochter posthum eine Stimme verleihen und andere Jugendliche vor den Gefahren von Cybermobbing warnen. In Justizkreisen gilt das Verfahren als eine Art Musterprozess im Kampf gegen Online-Stalking.

Vor dem Gerichtssaal in New Westminster sprach Mutter Carol Todd am Samstag von einer gerechten Entscheidung, die es ihrer Familie ermögliche, nach vorne zu blicken: „Wenn ich Amanda heute eine Botschaft sagen könnte, dann wäre es die, dass wir immer an sie geglaubt haben. Sie ist nicht mehr unter uns, aber vielleicht beobachtet sie uns jetzt irgendwo. Das ist heute ihr Moment.“

Auch interessant

Kommentare