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Soziale Normen als Kitt

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Perfekter Handschlag, ideale Sitzordnung, korrekte Besteckreihenfolge: Damit kennt sich Enrico Brissa bestens aus. Als Protokollchef sorgt er sich um das gute Benehmen im Bundestag. Meistens klappt das auch.

Herr Brissa, Sie haben ein Buch über gutes Benehmen geschrieben. Kann ich also davon ausgehen, dass Sie nach unserem Gespräch die Rechnung begleichen?
(langes Schweigen) Das ist eine komplizierte Frage, lieber Herr Decker. Denkbar sind drei Modelle. Entweder der Interviewer übernimmt auf Kosten seines Arbeitgebers die Kosten für beide.

Ich protestiere.
Oder der Interviewte übernimmt gnadenhalber. Oder die Kosten werden geteilt. Letztere Variante finde ich aber nicht erstrebenswert, weil sie die Großzügigkeit der rechnerischen Korrektheit opfert.

Sie zahlen also.
Lassen wir uns überraschen.

Wie war Ihre Kinderstube? Ich las, Ihr Vater habe sogar beim Mittagsschlaf Krawatte getragen.
Ja. Er trug fast immer Krawatte. Und als Kind hat mich beeindruckt, dass er sie auch beim Mittagsschlaf anbehielt. Danach ging er wieder erfrischt in sein Büro.

Ihr Vater ist Italiener.
Ja, und er hat sein gesamtes Berufsleben an der Uni Heidelberg unterrichtet. Ich bin also in – früher sagte man – „behüteten Verhältnissen“ in Heidelberg aufgewachsen. Auch durch die berufliche Tätigkeit meiner Mutter hatte ich von Beginn an eine gewisse internationale Prägung.

Was arbeitete Ihre Mutter?
Meine Mutter hat freiberuflich als Konferenzdolmetscherin gearbeitet und hatte ihren Wohnsitz aus beruflichen Gründen in Genf. Mein Bruder und ich haben sie oft bei Konferenzen begleitet, etwa bei der Uno oder der KSZE.

Das alles scheint Sie prädestiniert zu haben für Ihren Beruf.
Prädestiniert ist ein zu starkes Wort. Aber Diplomatie und Politik haben mich immer interessiert. Ich habe mich bei offiziellen Anlässen immer wohl gefühlt.

Gab es Sanktionen, wenn Sie Regeln nicht einhielten?
Ja, klar, die gab es. Die Ansage, wie man ein Getränk einschenkt oder ein Stück Käse abschneidet, war manchmal so deutlich, dass man es möglichst nur einmal falsch gemacht hat. Ähnliches habe ich auch bei Begrüßungen erlebt. Es ist ja immer unangenehm, wenn man sich nicht angemessen verhält und das dann auch noch kommentiert wird. Das betrifft uns alle. Und deshalb spricht das Thema auf die eine oder andere Weise auch jeden an. Man kann Normen ignorieren oder sich über sie stellen. Aber den allerwenigsten sind solche Sanktionierungen egal.

Wie viel hat gutes Benehmen mit Selbstbewusstsein zu tun – auch mit dem Bewusstsein, aus einem bestimmten sozialen Milieu zu kommen?
Soziale Normen wirken in der Gesellschaft wie Kitt und damit den Fliehkräften entgegen. Rituale geben uns Halt. Insofern hat das auch etwas mit Selbstsicherheit zu tun. Andererseits können Regeln und Gebräuche auch Mittel der sozialen Distinktion sein. Aber mir ist der Aspekt des Zusammenhalts wichtiger. Er entspricht auch dem Gründungsversprechen der Bundesrepublik. Es geht um soziale Durchlässigkeit. Niemandem soll etwa signalisiert werden, dass er nicht aus der richtigen Kaderschmiede käme. Ganz nach dem Motto: „Du warst deinem Verhalten nach zu urteilen jedenfalls nicht in Cambridge.“

Mir fällt beim Thema Benehmen heute vor allem Verfall ein. Im Netz herrschen Beleidigungen. Radfahrer fahren auf dem Gehweg. Menschen belästigen mich mit ihren Tattoos.
Der Sittenverfall wurde schon im 16. Jahrhundert eindrucksvoll beschrieben. Ich halte wenig davon, ihn zu beklagen. Es ist aber schon verwunderlich, dass wir, die wir den Rechtsstaat hoch halten und alles normieren bis hin zur Papiergröße, im Sozialen ein so regelscheues Leben führen. Wenn jemand aus einem anderen Kulturkreis zu uns kommt und fragt: „Wie macht ihr das in der Nachbarschaft? Stellt ihr euch vor? Ladet Ihr einander ein?“ – dann wird er in vielen Fällen in erstaunte Gesichter blicken und hören: „Weiß ich nicht. Mach doch mal, wie du willst.“ Das ist in gewisser Hinsicht auch eine Konsequenz unserer historischen Entwicklung. Und darüber sollten wir nochmal nachdenken. Denn vielen Menschen ist die Bedeutung ihres persönlichen sozialen Umfelds nicht bewusst, etwa für ihre Gesundheit und ihre Lebenserwartung. Es geht um einen zentralen Aspekt der Lebensführung. Darum geht es auch in meinem Buch. Letztlich ist es ein Buch über Kommunikation.

Wie steht es um die äußere Erscheinung? Heute geht ja jeder vor die Tür, wie er will.
Ja, bei uns ist es schon ziemlich libertär. Aber nehmen Sie mal ein anderes Beispiel als die Kleidung. Auch die Unsicherheit im Umgang mit Tod und Trauer nimmt beispielsweise zu. Denn wie gesagt: Rituale geben Halt. Wenn es aber zu einem Trauerfall kommt und man sich aller Traditionen und Rituale beraubt hat, ob kirchlich oder gesellschaftlich, dann steht man ziemlich alleine da.

Woher rührt der Verfall?
Es herrscht oftmals eine erstaunliche Verunsicherung. Das merke ich nicht zuletzt an den vielen Fragen, die mir gestellt werden. In anderen Ländern ist die Verhaltenssicherheit größer. Das hat mit den vielen historischen Zäsuren in Deutschland zu tun, die wir seit 1871 erlebt haben, aber auch mit der nachlassenden Einbettung in soziale Strukturen außerhalb des Berufes. Und mit der Digitalisierung, die uns zunehmend in die Vereinzelung treibt.

Bedeuten weniger Regeln nicht auch mehr Freiheit.
Freiheit ist das höchste Gut. Aber sie wird beschränkt durch die Freiheit der anderen. Deshalb braucht man einen Ausgleich. Das ist der Sinn von rechtlichen und sozialen Regeln. Denn es geht ja gerade darum, Freiheit und andere Rechtsgüter zu sichern. Mit meinem Buch möchte ich keine Regeln aufstellen, sondern das Bewusstsein für ihre Notwendigkeit schärfen – insbesondere für die Werte, die hinter ihnen stehen.

Wie dramatisch ist der Verfall der Sitten bei uns?
Das ist schwierig, zu beantworten. Doch mir scheint es an der Zeit, dass wir uns damit auseinandersetzen. Und ich freue mich auf eine Diskussion, vom Familiären und Privaten bis ins Politische.

Welche Rolle spielt das Protokoll als Regelwerk in der Politik?
Das Protokoll ist für jede Form von Politik essenziell. Es generiert Ablaufsicherheit, damit sich die Akteure ohne Missstimmung und Fauxpas begegnen und ihre Ziele erreichen können. Außerdem kann man mit dem Protokoll Botschaften setzen. Durch das Protokoll wird beispielsweise der unsichtbare Staat sichtbar.

Hat das Protokoll im Zeitalter von Donald Trump überhaupt noch einen Sinn?
Ich würde bei bestimmten Politikstilen nicht davon ausgehen, dass es sich um ein Manieren-Phänomen handelt. Es kann vielmehr immer auch Strategie sein. Und da gibt es verschiedenste Anwendungsfälle. Ich möchte ungern Namen nennen.

Gibt es Begegnungen aus Ihrer Arbeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Es geht bei Staatsbesuchen auch um die Inszenierung von Emotionen als politischem Kommunikationsmittel. So trafen Joachim Gauck und François Hollande in Oradour-sur-Glane einen der Überlebenden des Massakers, das die SS dort 1944 angerichtet hatte. Als sich die drei Männer die Hand gaben, war das ein Moment von großer emotionaler Intensität. So etwas vergisst man nicht. Mit Königin Elizabeth II stand in gewisser Weise die gesamte Nachkriegsgeschichte vor uns. Als sie auf den Thron stieg, war Stalin noch im Amt. Und bei ihrer Tischrede kam die Queen auf ihre Begegnung mit Bundeskanzler Konrad Adenauer zu sprechen. Da fühlt man sich plötzlich sehr jung.

Sie haben Respekt empfunden.
Absolut, Respekt vor so viel Würde, Disziplin und Humor.

Bei welcher Art des schlechten Benehmens rasten Sie denn richtig aus?
Wenn jemand eigenständig die Tischordnung verändert, dann finde ich das gar nicht witzig. Wenn ich vor einem Essen zu Hause die Gläser poliere, dann mache ich mir Gedanken, welcher Gast wo sitzt. Es geht darum, dass alle gut miteinander ins Gespräch kommen. Eine gute Freundin hat Gäste mal in zwei Kategorien eingeteilt: In „Fälle“ und in „Betreuer“. Es gibt Gäste, um die man sich kümmern muss wie die sprichwörtlich schwierige Großtante. Und dann gibt es Gäste, die können jeden unterhalten. Beide muss man zusammen bringen.

Und da verstehen Sie keinen Spaß.
Richtig. Und was ich sehr bedauerlich finde – und hier würde ich tatsächlich von einem kulturellen Verfall sprechen wollen – ist die „No-Show-Quote“, insbesondere in Berlin. Man nimmt sich die Freiheit, bei drei Veranstaltungen gleichzeitig zuzusagen, nur bei einer zu erscheinen und die anderen Gastgeber vorher nicht zu informieren über den nicht ganz unwesentlichen Umstand, dass sie einen Gast weniger zu bewirten haben. Darüber hinaus gibt es dann auch noch die spontane Anwesenheit von Gästen, die nie zugesagt haben. Beides ist ärgerlich. Das hat schlichtweg etwas mit fehlender Rücksicht zu tun.

Haben Sie manchmal auch Vergnügen daran, sich selbst schlecht zu benehmen?
Klar, darüber rede ich aber nicht. Die Bedeutung von Regeln besteht ja auch darin, dass man sie hin und wieder bricht. So macht man sie sich doch bewusst! Ich lecke allerdings keine Messer ab. So viel kann ich verraten.

Interview: Markus Decker

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