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Schön anzusehen: Das Fußballstadion in Sotschi am Strand des Schwarzen Meeres.
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Schön anzusehen: Das Fußballstadion in Sotschi am Strand des Schwarzen Meeres.

Russland

Sotschi glänzt weiter

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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In der Olympiastadt Sotschi herrscht auch vier Jahre nach den Spielen noch Hochbetrieb. Auch weil Wladimir Putin hier viel Zeit verbringt.

Zur Schule gehe er in Gummistiefeln, erzählte der Fünfklässler Gamel, die Straßen seien nicht asphaltiert. Und die Erwachsenen klagen, erst zweihundert Meter weiter begännen Teerstraßen, Straßenlaternen, Gas- und Wasserleitungen. Ende Januar versammelten sich etwa 40 Bewohner der Weiler Tschereschnja und Nischnaja Schilowka östlich des Flughafen Adlers, um gegen die nicht vorhandene Infrastruktur zu protestieren. „Wir leben in der olympischen Hauptstadt“, räsonierte eine Frau. „Aber keiner bemerkt uns.“

Vier Jahre nach den teuersten Winterspielen in der olympischen Geschichte demonstrieren noch immer Einwohner dagegen, dass sie die Stadtverwaltung vergessen hat. Allerdings sind solche Proteste Einzelfälle.

Die meisten der insgesamt gut 400 000 Bürger des Urlaubskonglomerats am Schwarzen Meer haben durchaus profitiert von den umgerechnet 44 Milliarden Dollar, die nach offiziellen Angaben in das Projekt Sotschi 2014 gesteckt wurden. Selbst in den abgelegenen Bergdörfern beim alpinen Austragungsort Krasnaja Poljana wurde Gas verlegt. „Und sie haben in unserer Straße die Kanalisation komplett erneuert“, freut sich der Rentner Andrei Mironowitsch im alten Stadtzentrum.

Dem nacholympischen Sotschi geht es viel besser, als viele Kritiker befürchtet haben. Die für die Abfahrtspisten abgeholzten Kaukasushänge haben weder Erdrutsche ausgelöst noch haben sie das lokale Klima gekippt. Statt dessen wurden sie Russlands schickstes Skigebiet. Der zu den Spielen aus dem Boden gestampfte Wintersportort Rosa Chutor zählte im Winter 2017/2018 800 000 Gäste, diese Saison rechnet man sogar mit 900 000 Besuchern.

Die Hotel- und Gaststättenbranche des Gebiets Krasnodars, zu dem Sotschi gehört, wuchs von 2013 bis 2015 um 26 Prozent, das Bruttosozialprodukt der Region um 17 Prozent, so Jelena Kortschagina, Wirtschaftswissenschaftlerin der Petersburger Filiale der Moskauer Hochschule für Wirtschaft. „Die ehemalige Olympiastadt und ihr Umland entwickeln sich schneller als andere Regionen Russlands.“ Sport-, Kultur- und Geschäfts-Veranstaltungen, für die man die olympische Infrastruktur nutze, steigerten die Nachfrage auch im Transport- und Kommunikationsbereich.

Auch die meisten Eis-Arenen am Schwarzen Meer degenerierten weder zu Großmärkten, noch vergammeln sie wie befürchtet. Das Eröffnungsstadion Fischt wurde für die Fußball-WM umgebaut, die deutsche Nationalmannschaft testete seinen Rasen schon beim Confederations-Cup erfolgreich. In anderen Arenen trainieren jetzt junge Eiskunstläufer, Schachspieler, die Zöglinge einer Tennisakademie, ein olympisches Vier-Sternehotel wurde zum Hochbegabten-Zentrum umfunktioniert.

Es ist fraglich, ob es in Sotschi je einen Erstligaklub geben wird, der die 40 000 Sitzplätze des Fischt Stadions mit Fans füllen könnte. Für das Bolschoi-Eisstadion hat man eigens den Eishockeyklub HK Sotschi gegründet, der sich in Russlands Kontinentaler Hockeyliga nicht übel schlägt. Ein allerdings teures Vergnügen, nach seinem Etat befragt, sagte Generaldirektor Sergei Woropajew ausweichend, ein Durchschnittsverein der Kontinentalen Liga koste jährlich 17 bis 15 Millionen Euro. Die staatlichen „Russischen Eisenbahnen“, die den Klub finanzieren, werden schon für die Stromkosten des subtropischen Eisstadions viel tiefer in die Tasche greifen müssen.

Das olympische Erbe lastet auf dem Fiskus

Die Objekte am Ufer des Schwarzen Meeres sind teuer, die Stadt Sotschi will das bis 2021 laufende Programm zu ihrer Finanzierung von umgerechnet gut 61 Millionen auf 34 Millionen Euro kürzen. Das olympische Erbe lastet auf dem Fiskus, trotz des wachsenden Bruttosozialproduktes schrieb Krasnodar vergangenes Jahr ein Haushaltsdefizit von umgerechnet 17 Millionen Euro.

Aber Sotschi glänzt weiter. Auf dem monumentalen Gelände des Olympiaparks kreist jetzt alljährlich die Formel Eins, man veranstaltet internationale Militärwettkämpfe, Sparkassenspiele oder internationale Jugendfestivals, Investitions-Foren oder Syrische „Nationalkongresse“, auch die alternativen Spiele für die vom IOC für Südkorea gesperrten russischen Athleten sollen hier steigen.

Wladimir Putin, dem das Klima der Russischen Riviera offenbar gefällt, empfing vergangenes Jahr auf seinem Sommersitz „Bogatschow Rutschei“ außer Merkel und Erdogan reihenweise russische Minister und Gouverneure, und das keineswegs nur im Sommer. Schon bezeichnet die Internetzeitung Sotschi als „Hauptstadt der dritten Amtszeit“ Putins. Und der Blogger Oleg Kaschin zitiert den Dichter Alexander Puschkin: „Und vor der jungen Hauptstadt verblasst das alte Moskau.“ Eine heftige Anspielung darauf, dass Sotschi wie einst Sankt Petersburg Moskau Konkurrenz machen könnte – zumindest als Schaufenster Russlands Richtung Europa.

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