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Sorgen vor einer „Krebsepidemie“

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Von: Pamela Dörhöfer

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Hauptkrebs-Check: 100 Millionen Vorsorge-Untersuchungen sollen seit der Pandemie in Europa versäumt worden sein.
Hauptkrebs-Check: 100 Millionen Vorsorge-Untersuchungen sollen seit der Pandemie in Europa versäumt worden sein. © Imago Images

Rund eine Million Menschen in Europa leiden unerkannt an Krebs, schätzen Fachleute. Das ist vor allem eine verheerende Folge der Corona-Pandemie.

Corona und die verheerenden Folgen für andere Erkrankungen: Rund eine Million Menschen in Europa leiden einer aktuellen Schätzung zufolge an nicht erkanntem Krebs, weil ihnen während der Pandemie keine entsprechende Diagnose gestellt wurde. Insgesamt 100 Millionen Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs sollen seit Beginn der Corona-Krise in Europa versäumt worden sein, und allein im ersten Jahr der Pandemie sollen Ärztinnen und Ärzte rund 1,5 Millionen Patientinnen und Patienten mit Tumorerkrankungen weniger als sonst behandelt haben – jede:r Zweite erhielt in dieser Zeit eine nötige Operation oder Chemotherapie nicht rechtzeitig. Vor allem in der ersten Welle schlossen in europäischen Ländern viele Labore, klinische Studien wurden verzögert oder abgebrochen.

Zu diesen besorgniserregenden Einschätzungen kommt eine Gruppe von 32 Tumorspezialist:innen in einem Bericht zum Stand der Krebsmedizin in Europa, der im Fachmagazin „Lancet Oncology“ veröffentlicht wurde. Europa meint in diesem Zusammenhang nicht die EU, sondern das geographische Europa inklusive Russland. Das Fazit der Autor:innen: Die Auswirkungen der Pandemie werden die Krebsforschung und -behandlung in Europa um voraussichtlich nahezu ein Jahrzehnt zurückwerfen, viele in den letzten 20 Jahren erzielten Verbesserungen könnten zunichte gemacht werden. Die Autor:innen erwarten, dass die Unterbrechungen beim Screening, der Früherkennung und der Therapie „zu einer erheblichen zukünftigen Übersterblichkeit durch Krebs führen wird“.

Vor allem die vielen nicht erkannten und behandelten Tumore bereiten den Fachleuten Sorge: „Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit“, sagt Mark Lawler, Professor für translationale Krebsgenomik an der Queen’s University Belfast und einer der Autoren. „Wir sind besorgt, dass Europa auf eine Krebsepidemie zusteuert, wenn der Krebsmedizin nicht dringend Priorität eingeräumt wird.“

Die Situation ist indes nicht überall gleich schlecht: Wer sich an eine große Klinik mit viel fachlicher Expertise und Forschungsaktivität wendet, hat im Schnitt bessere Chancen als in Krankenhäusern mit weniger hochspezialisiertem Personal. Dass gerade bei Krebs große, untereinander vernetzte Zentren oft die beste Anlaufstelle sind, ist unter anderem ein Grund für Forderungen, die deutsche Krankenhauslandschaft zu reformieren und nicht mehr alles in jeder Klinik anzubieten. Der Europe’s Beating Cancer Plan der EU soll sicherstellen, dass 90 Prozent der Patientinnen und Patienten bis 2030 Zugang zu solchen vernetzten Krebszentren haben.

Bislang ist das bei weitem nicht gewährleistet. So erklären die Autor:innen des „Lancet“-Berichts, dass die Auswirkungen der Pandemie in Europa unterschiedlich ausfallen. Besonders schlimm seien sie für mittel- und osteuropäische Länder. Die Pandemie habe deshalb auch ein „Licht auf die Kluft“ innerhalb Europas geworfen, heißt es in dem Bericht.

Doch es ist nach Ansicht der 32 Forschenden nicht alleine die Pandemie, die sich auf die Krebsmedizin in Europa ausgewirkt hat. Auch der Brexit und die russische Invasion in der Ukraine hätten „sehr negative“ Folgen, schreiben sie. Denn Russland und die Ukraine leisteten weltweit „zwei der größten Beiträge zur klinischen Krebsforschung, insbesondere zur von der Industrie geförderten klinischen Forschung“. Der Krieg, so die Befürchtung, werde „wahrscheinlich dazu führen, dass viele dieser großen Studien verzögert oder gar nicht begonnen werden“. In den Medien blieben diese „tiefgreifenden und anhaltenden Auswirkungen für die klinische Krebsforschung relativ unbeachtet“, klagt Andreas Charalambous, Präsident der Europäischen Krebsorganisation.

Beim Thema Brexit, so die Autor:innen, sei es wichtig, dass Großbritannien weiterhin mit europäischen Partnern zusammenarbeite, sagt Richard Sullivan, der Professor für Krebs und globale Gesundheit am King’s College London und einer der Verfasser des Artikels ist.

Unabhängig von Pandemie, Krieg und Brexit sehen die Autor:innen ein elementares Problem in den ihrer Ansicht nach mangelnden finanziellen Mitteln, die der Krebsforschung in Europa zur Verfügung stehen – dies vor allem in Vergleich zu den USA. So ergab ihre Analyse, dass in Europa zwischen 2010 und 2019 insgesamt 20 bis 22 Milliarden Euro in die Krebsforschung investiert wurden; der private Sektor – das, was Pharmaunternehmen in die Entwicklung neuer Therapien stecken – ist dabei ausgenommen. In den Vereinigten Staaten hingegen seien im gleichen Zeitraum 81 Milliarden US-Dollar investiert wurden, in etwa das Vierfache. Angesichts dieser „dramatischen Lücke“ fordern die Autor:innen „eine Verdopplung des europäischen Krebsforschungsbudgets“ bis 2030.

Die Forschenden haben ein ehrgeiziges Ziel vor Augen: Bis zum Jahr 2035 soll die Zehn-Jahres-Überlebensrate von Menschen, die in Europa wegen Krebs behandelt werden, 70 Prozent betragen. Zum Vergleich: Aktuell beträgt in Deutschland die Fünf-Jahres-Überlebensrate für alle Krebsarten bei Frauen 58 Prozent und bei Männern 50 Prozent – wobei Deutschland im europäischen Vergleich einen der oberen Plätze belegt, ebenso wie die skandinavischen Länder, Belgien und die Schweiz.

In osteuropäischen Ländern hingegen sterben Krebskranke schneller und häufiger an ihrem Tumorleiden. Die Autor:innen führen das zu einem erheblichen Teil auf Lebensstilfaktoren wie Tabak- und Alkoholkonsum sowie Ernährungsvorlieben zurück. Wie eine 2019 ebenfalls in „Lancet Oncology“ veröffentlichte Studie zeigt, steht die Überlebensrate aber auch in nahezu direktem Zusammenhang mit dem Einkommen der Bevölkerung eines Landes.

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