WHO

In Sorge um Afrika

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Erste Corona-Fälle nur eine Frage der Zeit.

Afrika blieb bislang verschont: Noch immer wurde das Coronavirus auf dem Kontinent nicht nachgewiesen. Bei der rasanten Ausbreitungsgeschwindigkeit des Krankheitserregers sei es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis es dazu kommt, sagen WHO-Experten: Und wenn es soweit ist, sei eine neue alarmierende Dimension der Epidemie erreicht. Denn die mangelhafte Gesundheitsfürsorge auf dem Kontinent könnte das Virus endemisch machen: In diesem Fall müsste sich die Menschheit mit dem Virus auf Dauer arrangieren.

Enge Verbindungen zu China

„Unsere größte Sorge ist, dass das Virus auf Länder mit schwächeren Gesundheitswesen übergreift“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf, nachdem die Gesundheitsbehörde der UN am Donnerstag die Epidemie zum „globalen Notstand“ erklärt hatte. Mit den „schwächeren Ländern“ sind vor allem afrikanische Staaten gemeint, deren Budgets und Infrastruktur keine befriedigende Gesundheitsfürsorge zulassen. Erreiche das Virus ein derartiges Land, seien in Afrika „riesige epidemische Ausbrüche“ zu erwarten, warnte Stephen Morrison vom Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS) in Washington.

Erste verdächtige Fälle wurden aus der Elfenbeinküste, Kenia und Botswana gemeldet: Doch bei keinem der dort Erkrankten wurde das Coronavirus nachgewiesen. Derzeit müssen die Blutproben noch nach Südafrika oder den Senegal geschickt werden: Die einzigen afrikanischen Staaten, die über die Labortechnik zum Nachweis des Virus verfügen. Die WHO will schnellstmöglich zwanzig afrikanische Länder mit der nötigen Technik ausstatten.

Dass das Virus auf dem Kontinent bislang noch nicht nachgewiesen wurde, ist insofern überraschend, als Afrika über engste Verbindungen nach China verfügt. Fluglinien zwischen dem Kontinent und dem Reich der Mitte befördern wöchentlich rund 14 000 Reisende; die Zahl der Chinesen, die derzeit in Afrika leben, wird auf 1,5 Millionen geschätzt. Zahlreiche Fluggesellschaften wie Kenya Airways, Air Rwanda, Egypt Air und Royal Air Maroc haben ihre Flüge nach China inzwischen eingestellt. Doch mit Ethiopian Airlines steuert die größte afrikanische Fluglinie den Herd des Coronavirus weiterhin an. Die Tageszeitung East African Times sprach in diesem Zusammenhang von „krimineller Fahrlässigkeit“.

Die WHO identifizierte 13 afrikanische Staaten, die besonders gefährdet seien – darunter Nigeria, Äthiopien, Südafrika, Algerien und die Demokratische Republik Kongo. Dort tobt derzeit eine Ebola- und eine Masern-Epidemie, die im ersten Fall über 2200, im zweiten Fall sogar über 6000 Menschenleben gekostet hat. Der Ausbruch einer dritten Epidemie sei „das Letzte, was wir brauchen können“, meint ein Verantwortlicher im kongolesischen Gesundheitsministerium, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will.

Auch in Liberia, wo neben Sierra Leone und Guinea vor fünf Jahren die schlimmste Ebola-Epidemie der Geschichte mit fast 30 000 Infizierten und 11 300 Toten tobte, wächst die Furcht vor einer neuen Seuche. Experten warnen auch vor den Folgen einer Coronavirus-Infektion bei Menschen, deren Immunsystem bereits vom HI-Virus geschwächt ist: Mit fast 24 Millionen Menschen leben mehr als Zweidrittel aller HIV-positiven Personen der Welt in Afrika.

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