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Papst Franziskus schüttelt Hände.
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Papst Franziskus schüttelt Hände.

Papst Franziskus

Sonntags in Rom

  • Regina Kerner
    VonRegina Kerner
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Papst Franziskus mischt sich spontan unters Kirchenvolk. Die Menschen sind begeistert, die Schweizergarde entsetzt

Rom Sie konnten es kaum glauben, das sah man an den verblüfften Gesichtern. Als die Besucher der Sonntagsmesse in der vatikanischen Kirche Sant’ Anna aus der Tür traten, stand Papst Franziskus davor, um jeden einzeln zu verabschieden. Mehr als eine halbe Stunde lang ließ er sich lächelnd von Frauen jeden Alters umarmen und küssen. Männer packten ihn beherzt an den Schultern oder küssten ihm die Hände. Viele Gottesdienstbesucher brachten nicht mehr als ein „Grazie, Grazie“ heraus.

Anschließend spazierte das neue Oberhaupt der katholischen Kirche durch die Porta Angelica, eines der immer streng von der Schweizergarde bewachten Vatikan-Tore. Franziskus, wie sich der 76 Jahre alte Argentinier Jorge Mario Bergoglio als Papst nennt, begab sich mitten hinein in die Straßen Roms, um noch mehr Hände zu schütteln. Für die Sicherheitskräfte von der vatikanischen Gendarmerie war es ein Alptraum: Sie versuchten hektisch und verzweifelt, ihm zu folgen und gegen mögliche Übergriffe abzuschirmen.

Schon nach vier Tagen im Amt hat Papst Franziskus einen völlig neuen Stil eingeführt. Seinem Vorgänger Benedikt XVI., dem Theologen Joseph Ratzinger, war der direkte Kontakt zu den Gläubigen immer sichtlich schwer gefallen. Er legte viel Wert auf makellose Kleidung, Protokoll und intellektuelle Schärfe. Franziskus dagegen hat keinerlei Berührungsängste, er ist ein Papst zum Anfassen. Nicht nur im Auftreten, auch in der Art, seine Botschaften unter das Kirchenvolk zu bringen, ist er der denkbar größte Gegensatz zu Benedikt. Der Verzicht auf jeglichen Prunk und Luxus ist seit der überraschenden Wahl am Mittwochabend schon mehr als deutlich geworden. Unter den liturgischen Gewändern lugen bei Franziskus nicht die berühmten roten Schuhe aus feinem Kalbsleder hervor, sondern alte, ausgetretene schwarze Straßenschuhe.

„Ich will eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen“, sagte Franziskus am Sonnabend bei einem Empfang für die Medienvertreter. Es klang nicht nur wie eine päpstliche Regierungserklärung, sondern auch wie eine Kampfansage an Ehrgeiz, Eitelkeiten, Machtgerangel, dunkle Machenschaften und Gier in Kurie und Vatikanbank. Nicht wenige der mehreren Tausend Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus aller Welt, riefen nach dem Auftritt von Franziskus „Viva il Papa!“ oder „Er ist ein Großer!“ Es war ein äußerst ungewöhnliches Verhalten von Medienleuten, die eigentlich um kritische Distanz bemüht sein sollten. Schließlich sind die stockkonservativen Positionen des neuen Papstes bekannt, etwa dass er Homosexualität oder den Gebrauch von Kondomen verurteilt, was ihn wiederum nicht vom Vorgänger unterscheidet. Aber so ist derzeit die Stimmung in Rom und ganz Italien, und es ist schwer, sich ihr zu entziehen: Alle sind hellauf begeistert von diesem Papst.

Freie Rede

Kurz nach der Verabschiedung der Gottesdienstbesucher in Sant’ Anna sprach Franziskus am Sonntag vor fast 200?000 Menschen auf dem Petersplatz das erste der sonntäglichen Angelus-Gebete. Und auch hier zeigte sich seine grundlegend andere Art der Kommunikation. Anders als bei seinem Vorgänger können die Reden nicht mehr schon vorab im Wortlaut veröffentlicht werden. Bergoglio liest nicht ab, wie es Benedikt zu tun pflegte, er hält keine theologischen Vorträge, sondern vermittelt einfache und klare Botschaften.

An diesem Sonntag ist Barmherzigkeit sein Thema: „Gott vergibt immer, Gott ist geduldig“, wiederholt er viele Male. Er habe dazu in den vergangenen Tagen ein Buch des deutschen Kardinals Walter Kasper gelesen, erzählt der neue Papst, und das habe ihn sehr berührt. „Kasper, das ist ein deutscher Theologe, der ist in Ordnung“, erklärt er vom Fenster des Apostolischen Palastes aus den Hunderttausenden unten auf dem Platz – „aber nicht, dass ihr jetzt denkt, ich wollte Werbung für das Buch eines meiner Kardinäle machen“. Kleine Scherze, Anekdoten und eine Art zu reden, als sitze er bei den Zuhörern zu Hause im Wohnzimmer – er verabschiedet sich am Ende mit „Schönen Sonntag und ein gutes Mittagessen!“ – dieser Stil kommt an bei den Leuten.

Ob Franziskus auch die schwierige Aufgabe bewältigen wird, die durch die Vatileaks-Affäre ins Gerede gekommene römische Kurie zu reformieren, das muss sich erst noch zeigen. Wichtige Personalentscheidungen, etwa die Besetzung des Postens des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs, hat er erst einmal verschoben, wurde am Wochenende mitgeteilt. Der argentinische Papst wolle sich eine gewisse Zeit nehmen für Reflexion, Gebete und Gespräche.

Am Dienstag wird Franziskus erst einmal seine Antrittsmesse auf dem Petersplatz halten, zu der bis zu einer Million Menschen und Staatschefs aus aller Welt erwartet werden. Und am Samstag trifft er dann seinen zurückgetretenen Vorgänger Benedikt in Castel Gandolfo. Der wird ihm einiges zu berichten haben über die Kurie. Und vielleicht auch den ominösen Vatileaks-Bericht übergeben, der schockierende Details zu Intrigen, Korruption und sexuellen Ausschweifungen von Geistlichen enthalten soll.

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