+
Die Straßen in der Provinz Wuhan sind weitgehend menschenleer.

Epidemiologe

„Zum ersten Mal gibt es mehr Infizierte und Tote als durch Sars“

  • schließen

„Virusjäger“ W. Ian Lipkin half einst der chinesischen Regierung, mit Sars fertig zu werden. Nun äußert sich der Epidemiologe zum Coronavirus.

Vor allem einsam ist der Alltag in der Elf-Millionen-Metropole Wuhan geworden. Timo Balz, mittlerweile der womöglich letzte verbliebene Deutsche in der Stadt, hat seit Wochen außer zu seiner Frau und seinen beiden Kindern zu niemandem Kontakt. Nur alle paar Tage geht der gebürtige Schwabe zum Eingangstor seiner Wohnsiedlung, um zwei Kartons mit Eiern, Rüben und Paprika abzuholen. Bestellt werden die Essensrationen per Smartphone-App. „Selbst den Lieferkurier bekomme ich nicht mehr zu Gesicht“, sagt der 45-Jährige, der als Professor für Fernkunde an der örtlichen Universität arbeitet.

Fast alle Ausländer haben das Epizentrum des Virusausbruchs inzwischen verlassen. Am Sonntag hatte das Auswärtige Amt einen zweiten Evakuierungsflieger für deutsche Staatsbürger organisiert. Gründe, die Stadt zu verlassen, gibt es genug, schließlich wütet das Coronavirus fast ausschließlich in Wuhan und in der angrenzenden Provinz Hubei. 780 der bislang bestätigten 813 Todesfälle wurden in der zentralchinesischen Provinz gemeldet.

„Sonntag ist ein trauriger Tag. Zum ersten Mal gibt es mehr Infizierte und Tote als durch Sars“, sagt der als „Virusjäger“ bekannte Epidemiologe W. Ian Lipkin. Der US-Amerikaner half bereits vor 17 Jahren der chinesischen Regierung, mit Sars fertig zu werden.

Nun war Lipkin erneut nach China geflogen, um dem Land beratend zur Seite zu stehen. Telefonisch erzählt er kurz nach seiner Rückkehr in die USA von seinen Eindrücken – in Quarantäne, für die er sich 14 Tage lang im Staat New York begeben musste.

Junge Todesopfer: unerkannte Vorerkrankungen?

„Ende Februar werden wir in China einen dramatischen Rückgang an Infizierten beobachten – vorausgesetzt, dass die Quarantänemaßnahmen wirksam waren“, sagt der Wissenschaftler. Zudem würde auch das bald einsetzende Frühlingswetter bei der Eindämmung der Erreger helfen: Das Virus verbreite sich unter anderem in kleinen Tröpfchen, die Menschen beim Reden aussondern. Mit steigender Temperatur und Luftfeuchtigkeit würden jene Tröpfen schwerer und von der Luft nicht mehr so weit transportiert.

Anfangs hieß es, insbesondere für ältere Menschen mit Vorerkrankungen sei das Virus lebensgefährlich. Das berühmteste Opfer – der Arzt Li Wenliang – war nur 33 Jahre alt. Laut Lipkin sind ältere Menschen „anfälliger, weil sie in aller Regel auf den Virus eine schwächere Immunabwehr herausbilden“. Wieso es auch jüngere Leute tödlich trifft? „Viele der Opfer könnten möglicherweise Vorerkrankungen haben, von denen wir bislang nichts wissen. Dass speziell Doktor Li gestorben ist, mag auch damit zu tun haben, dass die Mediziner vor Ort körperlich erschöpft sind wegen der massiven Arbeitslast. Möglicherweise ist auch die Viruslast, die Mediziner in den Krankenhäusern abbekommen haben, größer.“

Ob die mediale Hysterie also übertrieben ist? „Die große Sorge hängt auch damit zusammen, dass es sich um einen neuartigen Erreger handelt“, sagt Lipkin. Und er fügt hinzu: „Doch natürlich ist es eine Tragödie. Und wahrscheinlich werden wir das Virus wohl auch wiederkehren sehen – im Gegensatz zu Sars, das bislang nicht nochmal aufgetreten ist.“

Gründe gäbe es also genug für die Bewohner Wuhans, die Stadt zu verlassen. Timo Balz hat sich dennoch entschieden, in seiner Wahlheimat zu bleiben – seit elf Jahren ist es schließlich sein Zuhause. „Es ist schon ein mulmiges Gefühl. Die Ansteckungsgefahr dort, wo wir wohnen, halte ich jedoch für sehr gering“, sagt Balz. In seinem Kiez seien zwar zwei Menschen bereits an dem Lungenerreger verstorben, doch angesichts der Anzahl der gesamten Infektionen sei dies eine eher geringe Zahl.

Tatsächlich, sagt Balz, habe sich die Lage entspannt: Die Lebensmittelversorgung sei zuverlässig, wenn auch von der Auswahl eingeschränkt. „Das Problem war, dass viele Angesteckte zu Hause bleiben mussten, weil sie in den Krankenhäusern zu Beginn keinen Platz mehr bekommen hatten. Das hat sich gebessert“, sagt er.

Seine zwei Kinder haben nun seit mehr als einer Woche die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen. Doch ab Montag soll etwas Abwechslung in den monotonen Alltag kommen: Dann beginnt nämlich die Schule. Wenn auch nur online – über Videokonferenz am Computer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare