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„Songs sind wie junge Schildkröten“

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Manuel Schmuck fügt die Komponenten zusammen, hantiert mit Löffeln, Pinseln, Pinzetten im Lichtkegel der Wärmelampen.
Manuel Schmuck fügt die Komponenten zusammen, hantiert mit Löffeln, Pinseln, Pinzetten im Lichtkegel der Wärmelampen. © dpa

In den 1980er Jahren waren die Künstler der norwegischen Pop-Band "a-ha" Weltstars. Ein Gespräch über Comebacks, die Zwänge der Musikindustrie und warum Erfolg auch immer ein Fluch ist.

Die Achtziger sind ohne die norwegischen Pop-Künstler von a-ha undenkbar: Morten Harket, Magne Furuholmen und Pål Waaktaar-Savoy. Die Welt hörte erstmals 1985 von ihnen, ihre Debütsingle „Take On Me“ wurde ein Mega-Hit, das dazugehörige Zeichentrickvideo galt als bahnbrechend. Es folgten zahlreiche weitere Hits, 80 Millionen verkaufte Tonträger und Millionen mehr kreischende Teenager. Heute sind die Stars selbst in den Fünfzigern, Teenies kreischen nicht mehr, aber eine treue Fangemeinde hat die Band sich erhalten. Nun ist ihr neues Album „Cast in Steel“ erschienen, und a-ha gehen demnächst auf Tour – ein geeigneter Anlass, um das Trio zum Gespräch zu bitten.

Zwei Mal haben sich a-ha als Band aufgelöst. Ihr angeblich endgültig letztes Abschiedsalbum trug im April 2011 den Titel „Ending on a High Note“ ...
Morton Harket: Und bereits im August 2011 vereinten wir uns wieder, wenn auch nur für eine Nacht, um des furchtbaren Terroranschlags von Utøya zu gedenken.
Magne Furuholmen: Aber es stimmt, was Sie sagen: Zwei Mal haben sich a-ha aufgelöst – und zwar aus den gleichen Gründen: Wir schleppten zu viel Last mit uns herum, die uns als kreative Menschen zu Boden drückte. Es machte einfach keine Freude mehr.
Harket: Und beide Male kamen wir zurück, nachdem wir uns als Menschen wieder geerdet hatten. Unser diesmaliges Comeback beschränkt sich übrigens auf die Veröffentlichung unseres neuen Albums „Cast in Steel“ sowie eine Tournee Anfang nächsten Jahres. a-ha haben somit Projektcharakter bekommen. Wir lassen uns auf nichts Unüberschaubares oder Uferloses mehr ein.

Was ist das Wesen eines Comebacks?
Furuholmen: Unser Ex-Manager sagte mal ganz schön: Wie kann man euch vermissen, wenn ihr nie von der Bildfläche verschwindet? Um ein Comeback zu starten, muss man sich zuvor auflösen.
Harket: Jeder von uns hat bereits mehr im Leben erreicht, als wir es je für möglich gehalten hätten. Wir haben zusammen über 80 Millionen Platten verkauft. In Norwegen waren nur die Beatles größer als wir. Es gibt in diesem Sinne nicht mehr viel, was wir erobern können. In diesem Licht werden andere Dinge im Leben wertvoller: Anderen Menschen nicht die Zeit zu stehlen etwa.
Pål Waaktaar-Savoy: Es gibt Bands, die haben um sich herum ein Team aus Produzenten und Managern gewebt, das wie eine Familie funktioniert, mit allen Vorteilen und Zwängen, mit dem sie durchs Leben gehen. Wir haben das nie gewollt. Stattdessen haben wir uns mit jedem Album neu erfunden, jedes Mal alles aufs Spiel gesetzt. Das ist einerseits spannend, andererseits ist es zersetzend: Es gibt irgendwann nichts mehr, an dem man sich festhalten kann.
Furuholmen: Welterfolg, das machen sich ja die wenigsten Leute klar, bedeutet für diejenigen, die ihn erreicht haben, ja nicht Freiheit und Unabhängigkeit, sondern Zwang und Verpflichtung. Man wird plötzlich zum Standortfaktor, von dem ein Heer von Nutznießern abhängig ist. Wenn man also einmal Erfolg hat, will das ganze Umfeld, dass man diesen Erfolg auch wiederholt, damit dieser Zustand aufrechterhalten bleibt. Tatsächlich will man als Musiker aber neues Terrain erobern, nicht stehen bleiben. Brüche in der Karriere sind verboten. Der Instinkt wird von der Musikindustrie aber zur Gefahrenzone erklärt.
Waaktaar-Savoy: Und wenn man zu dritt in einer Band ist und jeder diesem Druck ausgesetzt ist, führt dies zu schwer schlichtbaren Spannungen.
Harket: Wir fanden uns als junge Leute bald im Herzen der Entertainment-Industrie wieder. Wir fühlten uns wie ein Musical, das auf Reisen geschickt wird. Damit wollte ich aber nichts zu tun haben. Ich möchte keine Show reproduzieren. Ich möchte lieber Prototypen ausprobieren. In diesem Sinne sage ich: Um gegen das System wettern zu können, überlassen wir nichts dem Zufall.

Nach 30 Jahren veröffentlichen Sie jetzt eine Jubiläumsausgabe Ihres Debüt-Albums „Hunting High and Low“.
Waaktaar-Savoy: Das Geschäft hat sich verändert. Heute werden Jubiläen mit aufwendigen Retro-Geschenkboxen begangen und Tourneen ein Jahr im Voraus gebucht. Früher, als das Geschäft noch Züge eines Gypsie-Business hatte, haben wir nie gewusst, was im nächsten Monat ansteht.
Harket: Für das Familienleben ist es natürlich von Vorteil: Die wissen jetzt schon, dass ich im nächsten April mit a-ha auf Tour sein werde. Und die Verwertungsindustrie weiß es auch. Alle können ihre Pläne machen. Von Spontaneität kann da natürlich keine Rede mehr sein. Andererseits funktioniert jede Band wie ein Organismus. Wir müssen viel Zeit miteinander verbringen, um wieder wie ein Organismus sein zu können. So gesehen ist es gut, dass wir noch ein paar Monate haben, bevor es wieder losgeht.

Sie waren die ersten Norweger, denen ein solcher Welterfolg vergönnt war. Sie haben nicht zuletzt für Ihre Landsleute stellvertretend eine Bilderbuchkarriere durchlebt.
Harket: Viele Leute werden schnell abhängig vom Erfolg. Ich spreche hier für alle Anwesenden, dass wir es als unseren größten Erfolg empfanden, uns von ihm zu emanzipieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeden Tag treffen wir geschäftliche Entscheidungen, die sich hoffentlich finanziell gut für uns auswirken werden. Gleichzeitig sind wir aber sehr stolze Persönlichkeiten. Je älter wir werden, desto weniger Zeit haben wir. Wir müssen einen Weg finden, der es uns erlaubt, neues Terrain zu erkunden – ohne dabei uns oder unsere Fans vor die Köpfe zu stoßen.
Furuholmen: Am Schmerzhaftesten war es daher immer, sich darauf zu einigen, wie unser jeweils nächstes Album klingen sollte. Eben weil Alben im Zweifelsfall ewig bleiben.

Wie gehen drei Musiker, die über Kontinente hinweg verstreut leben, die Arbeit an einem neuen Album an, das zum Erfolg verdammt ist?
Harket: Die Songs schreiben wir immer und überall. Wir haben uns drei oder vier Mal in Oslo und in New York getroffen, um uns gegenseitig unsere Ideen vorzuspielen. Ideen freilich, die gar nicht unbedingt für unser neues Album vorgesehen waren. Wir haben uns einfach vorgespielt, was in unseren Köpfen so herumspukte.
Waaktaar-Savoy: Da kein Vertreter der Industrie um uns herumlungerte, konnten wir uns unsere Ideen befreit vorspielen.
Harket: Pål spielte mir Songs vor, um zu hören, wie meine Stimme dazu passen würde.
Furuholmen: Man sollte dazu wissen, dass Songs einem ja nicht gehören. Songs gehören „sich selbst“, wenn man so will. Der Philosoph Sören Kierkegaard sagt, dass der Mensch eine latente Verzweiflung in sich trägt, weil er nicht er selbst ist, sondern von Äußerlichkeiten bestimmt wird. In diesem Sinne muss man auch den Prozess des Songwritings verstehen: Der Song sagt uns, wer wir sind.
Harket: Pål spielte mir Songs vor, die er eigentlich für eine junge Sängerin geschrieben hatte. In dem Moment, in dem ich denselben Songs meine Stimme lieh, veränderten sie sich genuin. Jeder Sänger entbirgt eine andere Ebene eines Songs. Neil Young wurde mal gefragt, ob er eine Methode des Songwritings entwickelt hätte, und er antwortete, dass Songs zu schreiben kein Beruf sei, den man erlernen kann. Die Songs würden zu einem kommen – oder eben nicht. Sie sind wie flüchtige Gase, schwer zu fangen, noch schwieriger auf den Punkt zu bringen. Das ist dann die Arbeit: Etwas, das man erkannt hat, gewissermaßen zu kanalisieren, niederzuringen, zu materialisieren.

Sie sprechen vom Songwriting wie Traumforscher von der Schwierigkeit, einen Traum festzunageln.
Waaktaar-Savoy: Ich habe Songwriting immer wie Alchemie empfunden. Man weiß, es gibt eine geheime Formel, aber man muss ihrer habhaft werden. Im Laufe des Prozesses können so viele Dinge schieflaufen, und das weiß man. Also ist man vorsichtig. Es gibt viele Songs, die wir beim Versuch, sie zu a-ha-Songs zu machen, verloren haben. Songs sind wie junge Schildkröten, die, nachdem sie geschlüpft sind, noch den Weg über den Strand überleben müssen, bevor sie in den Ozean eintauchen dürfen.
Harket: Ich entschuldige mich kurz. Ich muss eine Seemöwe erledigen.
Waaktaar-Savoy: Wenn man zu viel Augenmerk auf einen Song gibt, ruiniert man ihn, gibt man zu wenig, fehlt etwas.
Furuholmen: Von jedem a-ha-Song gibt es viele Versionen – in verschiedenen Tonarten, mit unterschiedlichen Instrumentierungen. Man kann manchmal wahnsinnig werden. Ich habe in den vergangenen Jahren mein Ausdrucksgebiet permanent erweitert. Ich arbeite als bildender Künstler und als Bildhauer. Zunehmend ist mir egal, welches Medium ich benutze, denn der Prozess ist immer derselbe: Es geht immer um eine Art von Entkernung. Eine flüchtige Idee will festgehalten werden, und dieser Prozess erfordert stets die volle, hundertprozentige Konzentration. Nichts anderes zählt in einem solchen Moment. Ich fühle mich dann immer wie ein Forscher, der gewahr wird, dass er im Schattenreich des Echos eine Entdeckung macht. Geduld – aber nicht unendlich viel Geduld – und Empathie sind der Schlüssel zur Kunst, die Eitelkeit gehört verbannt. Sie darf dann später wieder hineingelassen werden, wenn Interviews, Fotos, Konzerte anstehen. Aber sie hat beim Schaffensprozess nichts verloren. In diesem Sinne sind Songs Container. Sie tragen ein Geheimnis in sich. Jedes Mitglied einer Band muss dieses Geheimnis respektieren.

Ist man als Band eher eine Familie – oder eine Gang?
Furuholmen: Eher eine Familie.
Waaktaar-Savoy: Sowohl die Familie als auch eine Band sind Zeitfresser. Kaum hat man sich versehen, ist schon wieder ein Jahr um. Es ist ein delikater Drahtseilakt alles auszubalancieren. Vielleicht braucht der Mensch auch Rückzugsmomente der Meditation und der Einkehr. Wir drei haben uns darauf geeinigt, dass wir nur ein Zeitfenster miteinander verbringen wollen. Das verpflichtet uns umso mehr, mit dieser kostbaren Zeit sorgsam umzugehen. Und das ist der größte Unterschied zu früher, wo wir gar nicht gemerkt haben, wie uns die Zeit zwischen den Fingern zerronnen ist. Es gab ja so viel Ablenkung. Was tut man aber, wenn die Ablenkung als solche erkannt wird?
Furuholmen: Ein Traum ist oft eine lose Folge von Ereignissen – Dinge, die wir als Mensch im Unterbewusstsein während des Schlafs verarbeiten müssen. Ein Song, auch wenn er manchmal Traumqualitäten haben mag, muss einen konkreten Fingerabdruck haben, sonst bleibt er flüchtig – selbst wenn er aufgenommen wurde. Ein Song ist viel präziser als ein Traum. Das macht es so schwer, einen guten Song zu schreiben, schließlich ist das Präzise eben oft zugleich ohne Geheimnis.

Hören Sie die Zukunft, wenn Sie eine Melodie im Kopf hören?
Waaktaar-Savoy: Ich höre im Idealfall eine Persönlichkeit. Ein Song ist dann wie ein Mensch: Man trifft eine eigene, zuvor unbekannte Identität. Man muss dieses Individuum von Song festhalten.
Furuholmen: Wenn Sie von der Zukunft sprechen, sage ich, dass ich im Leben vielleicht noch 60 000 Stunden zu leben habe, in denen ich nicht den Bedürfnissen des Lebens nachgehe – Schlafen, Essen, Verdauen –, sondern kreativ sein kann. Als Bildhauer oder Musiker verrinnt so eine Stunde nach der anderen. Und was bleibt übrig? Ein Song. Ein Album von knapp unter einer Stunde Spielzeit. Eine Skulptur, die für ein paar Tage in einer Edinburgher Galerie zu sehen ist. Unsere Zeit auf diesem Planeten ist kostbar.

60 000 Stunden – können Sie das kurz übersetzen in verbleibende Lebensjahre?
Furuholmen: Also, wenn ich die Zeit abziehe, die ich auf dem Klo verbringe, im Bett und am Esstisch, dann werde ich hoffentlich diese 60 000 Stunden der Kreativität nutzen können, bis ich 70 Jahre alt sein werde – und zudem gesund bleiben.
Waaktaar-Savoy: Ein Malerfreund von mir malt jeden Tag ein Bild für seinen Sohn. Das ist auch eine gute Herausforderung, die restlichen, einem verbleibenden Stunden der Kreativität mit Sinn zu füllen.

Interview: Max Dax

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