+
Mehr Raum für die „emotionale Auseinandersetzung mit dem Verlust“, fordert Grünen-Vizefraktionschef Konstantin von Notz.

Angehörige

Angehörige: Keine Zeit zu trauern

  • schließen

Zwei Sonder-Urlaubstage bleiben Hinterbliebenen nach dem Tod Angehöriger zum Innehalten. Zu wenig, sagen einige Politiker und Geistliche.

Es war ein besonders persönlicher Moment. Angesprochen auf die Hektik der vergangenen Wochen, auf den Tod ihrer Mutter, auf das ständige Rampenlicht, gewährte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen äußerst seltenen Einblick in ihr Seelenleben. Sie wünsche sich einen Raum, in dem „ich auch traurig sein kann, ohne dass ich nun der gesamten Öffentlichkeit darüber Bericht erstatten muss“, sagte sie bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der Sommerpause am Dienstag in Stralsund.

Für Trauerarbeit bleibt in der hektischen deutschen Gesellschaft offenbar kaum noch ausreichend Platz. Hannovers Landesbischof Ralf Meister beobachtet den Umgang der Deutschen mit Tod und Trauer seit Jahren kritisch. „Aufmerksamkeit und Zeit fließen inzwischen fast nur noch in die Phase vor dem Tod eines Angehörigen. Danach gehen viele viel zu schnell zur Tagesordnung über, auch weil ihnen die Gesellschaft kaum Zeit zum Innehalten lässt“, sagte Meister auf Anfrage.

Laut dem Bischof sollten Betriebe betroffenen Mitarbeitern im Falle des Todes naher Angehöriger mehr Zeit zum Trauern einräumen. „Für viele Menschen reichen zwei freie Tage nicht. Vorgesetzte sollten eine besondere Großzügigkeit walten lassen“, sagte Meister. Er höre von Angehörigen immer häufiger den Satz: „Ich bin zum Trauern nicht gekommen, weil ich den Tod organisieren musste.“ Der Tod sei inzwischen fast vollständig „ökonomisiert“. Alles müsse schnell gehen und billig sein.

Bislang haben deutsche Arbeitnehmer Anspruch auf zwei Sonderurlaubstage nach dem Tod eines Kindes, Elternteils oder Ehepartners. Der Hintergrund für die verloren gehende Trauerkultur liegt nach Ansicht Meisters in gravierenden Umwälzungen. „In unserer Gesellschaft ist der Glauben an die Ewigkeit verloren gegangen“, sagte Hannovers Landesbischof. „Ohne an den Glauben an ein Leben danach endet mit dem Tod alles. Und dann brauchen wir eines Tages auch keine Friedhöfe mehr.“

Vizefraktionschef Konstantin von Notz von den Grünen nannte den Umgang mit Tod und Trauer „eine höchst persönliche und sehr individuelle Frage“. Alle seien „politisch und gesellschaftlich in der Verantwortung, Trauernden den notwendigen Raum für die Organisation wichtiger familiärer und behördlicher Belange, vor allem aber für eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Verlust einzuräumen“, sagte von Notz auf Anfrage. Linksfraktionschef Dietmar Bartsch erklärte, es sei „wert, über das Thema Trauer eine öffentliche Debatte anzustoßen“.

Die frühere Grünen-Chefin Claudia Roth sprach vom „schwersten Moment“ ihres Lebens, als sie mitten im Bundestagswahlkampf 2013 die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erhalten habe. Nur widerwillig sei sie bereits einen Tag nach der Beerdigung wieder auf Wahlkampftour gegangen. „Ich habe das alles einfach nicht mehr zusammengekriegt. Ich habe mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Ich habe ja nicht mal Zeit zu trauern“, sagte Roth dem Magazin „Stern“.

Erst Monate später sei die Trauer gekommen, „sie hat mich überwältigt. Plötzlich spürte ich, dass mir die Kraft ausgeht.“ Eine „unendliche Einsamkeit“ sei über sie gekommen, sagte sie. „Ich hatte Angst davor, durch den Druck weiter funktionieren zu müssen, mich allmählich aufzulösen.“ Roth erklärte, dass ihre Entscheidung, unmittelbar nach der Bundestagswahl im September 2013 vom Vorsitz der Grünen zurückzutreten, auch mit dieser schwierigen Lebensphase zu tun hatte. „Ich dachte, die Grünen brauchen jetzt einen Neuanfang – aber ich auch. Für mich!“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion