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Essen am Strand, Sommer 1990: Aus einer Gulaschkanone wird den Urlauberinnen und Urlaubern am Strand im Ostseebad Prerow Kartoffelsuppe ausgegeben.

Sommer 1990

Zwischen Mauerfall und Einheit: Ein Urlaub in Zeiten der Wende

  • vonHarald Biskup
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Vor 30 Jahren haben die Menschen in Deutschland schon einmal erlebt, was es heißt, wenn plötzlich alles anders ist – nicht nur der Urlaub. Erinnerungen an einen Sommer des Übergangs.

  • Der Sommer 1990 war aufgrund des Übergangs von DDR und BRD geprägt von zahlreichen Veränderungen.
  • Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark in der DDR eingeführt.
  • Die neue Freiheit verunsicherte einige DDR-Bürger.

Kühlungsborn – Er hatte es in sich, der Sommer 1990, in der Noch-DDR und Noch-nicht-BRD. Eine merkwürdige Übergangsphase, die geprägt war von Unsicherheit durch Firmenkonkurse und Entlassungen. Und durch diesen Schwebezustand, politisch wie sozial. Niemand wusste, wie lange es den deutschen Zweitstaat noch geben und welche Eigendynamik der schleichende Zusammenbruch östlich der Elbe entwickeln würde. Die erste und letzte freie Volkskammerwahl liegt fünf Monate zurück. Für die Ostdeutschen ist 1990 der letzte Sommerurlaub in Gewerkschafts-Ferienheimen und der erste, in dem sie mit der am 1. Juli eingeführten D-Mark die neue Freiheit genießen und zugleich das vertraute Rundum-Sorglos-Paket der Planwirtschaft missen lernen.

Sommerurlaub in der DDR selbst

Nummer eins bei den Traumzielen der DDR-Bürger im eigenen Land ist auch 1990 die Ostseeküste – mit weitem Abstand vor Thüringer Wald, Harz und Sächsischer Schweiz. So schnell ändern sich Vorlieben nicht, und den theoretisch möglichen Trip nach Mallorca oder an die Adria gönnen sich nur wenige. Zu teuer. Eher schon riskiert man einen Sprung über die unsichtbare Grenze an die Ostsee West, in den Schwarzwald oder nach Bayern.

Kühlungsborn im Hochsommer 1990. Alles ist fast wie immer – und doch ganz anders. Die Ferienheime heißen immer noch „Waldkrone“, „Blinkfeuer“, „Strand-idyll“ und „Maxim Gorki“, aber sie nennen sich jetzt Ferienhotels. An der Rezeption liegen neben dem zur linken Tageszeitung mutieren Ex-Zentralorgan „Neues Deutschland“ die „Bild“ aus und, wenn man Glück hat, sogar die „Cosmopolitan“.

Alte Pracht aus den früheren Sommern fehlt noch

So polyglott sich einige der buchstäblich über Nacht zum Hotelier aufgestiegenen Heimleiter auch zu geben versuchen: Der größte und beliebteste mecklenburgische Badeort ist im Sommer vor 30 Jahren noch meilenweit davon entfernt, wieder seine alte Pracht mit Villen und Bäderarchitektur zu entfalten. Anders als bei den „Hoteliers“ selbst macht die neue Bezeichnung aus einstigen Unterkünften für Massenbetrieb – mit Duschen und Toiletten auf dem Gang, über dessen Linoleumböden immer Bohnerwachsgeruch hing – über Nacht eben keine Herbergen, die im Mindesten westlichem Standard entsprächen.

Die in jedem Zimmer ausliegenden Informationsmappen im FDGB-Ferienheim „Ernst Grube“ sind noch nicht auf der Höhe der Zeit. Da werden die „werten Gäste“ noch darauf hingewiesen, dass sie „in den Bereich der Grenzzone eingereist“ seien und sie deshalb ständig ihren Personalausweis bei sich zu tragen hätten, auch am Strand. Vor allem aber sei zu beachten, „dass das Schwimmen nur innerhalb der Badebegrenzung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gestattet ist, Tauchen und die Benutzung von Luftmatratzen grundsätzlich verboten“ sei. Überall wo in Stoßzeiten mehr als drei Millionen Urlauber unbeschwert Sonne, Sand und Meer genießen wollten, waren bis vor kurzem noch Patrouillenboote der „Grenzbrigade Küste“ in Bereitschaft.

Urlauber hadern mit der neuen Freiheit

So reizvoll es sein mag, sich nun ganz legal bei Mondschein in die Fluten zu stürzen: Nicht wenige Urlauber auf der Kühlungsborner Promenade hadern noch mit der neuen Freiheit und denken wehmütig an die gerade erst zu Ende gegangenen alten Zeiten zurück. „Wir waren zwar eingesperrt“, sagt ein Schweißer aus Erfurt auf dem Weg zur Meerwasserschwimmhalle, „aber man brauchte sich um nichts zu kümmern.“ Wo an der grauen Fassade des Hallenbads bis vor kurzem das Emblem des allmächtigen, nun aber auch um seine Zukunft bangenden Gewerkschaftsbundes prangte, ist ein dunkler Fleck zu sehen. Sinnbild der Zeitenwende. Erst 2017 wurde die hässliche Ruine im neuen schicken „Baltic Park“ abgerissen.

Dass die Ferienheime keine Zukunft haben würden, ist Machertypen wie dem stellvertretenden „Ernst Grube“-Direktor schon in diesen kühlen Augusttagen klar. Manfred Löhne, einst Korvettenkapitän und Kampfschwimmer bei der DDR-Volksmarine, macht den Eindruck, als werde er sich sehr bald unter den neuen Bedingungen freischwimmen. „Mittelfristig geht unsere Philosophie dahin“, sagt er in lupenreinem westdeutschen Marketing-Sprech, „das Haus zu einem Hotel für mittlere bis gehobene Ansprüche umzuwandeln.“ Einen Wirtschaftsprüfer, einen Steuerberater und einen Anwalt, alle drei aus Kiel, hat er schon ins Boot geholt.

Massenansturm im Sommer 1989

„Mitten in der Saison freie Plätze auf der Terrasse, das gibt es doch gar nicht“, stellt Petra Müller fest, Vizechefin im Ferienheim „Jochen Weigert“. Im letzten Sommer des Wendejahres ’89 wussten sie und ihre Kollegen nicht, wie sie den Massenansturm bewältigen sollten. Das Zauberwort zur Vermehrung der Unterbringungskapazitäten hieß Aufbettung. Eine Couch oder ein Klappbett machten das Doppel- zum Dreibettzimmer. In seinen etwa 50 Heimen in Kühlungsborn bot der Feriendienst des FDGB jährlich bis zu 90 000 Werktätigen Unterkunft und Verpflegung. Republikweit standen etwa 1500 Häuser zur Verfügung. Einen Ferienplatz zu ergattern, war für viele ohne Zweifel das Hauptmotiv, in die Gewerkschaft einzutreten. Seit die SED dem FDGB das Monopol in der sozialistischen Urlaubsgestaltung zugedacht hatte, ging ohne ihn praktisch nichts. In der Praxis der eigentlich klassenlosen Gesellschaft waren einige gleicher als die anderen, schafften es zum Beispiel dreimal hintereinander an die Ostsee, obwohl sie eigentlich erst in zehn Jahren wieder dran gewesen wären. Im Volksmund hieß FDGB deswegen „Für die guten Bekannten“.

Auch in diesem besonderen Sommer 1990 fängt alles mit dem Ferienscheck an, der vom FDGB an Betriebe ausgegeben wird. Nach einer geheimnisvollen „Schlüsselsystematik“ werden Reisegebiete und Urlaubszeiten aufgeteilt. Eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. In diesem Jahr lassen aber offenbar Tausende, die bis vor kurzem noch heiß begehrten Schecks verfallen.

Urlauber müssen sich durch Umschwung auf die D-Mark selbst versorgen

Für alle, die sich trotz mancherlei Hiobsbotschaften auf den Weg gemacht haben, gibt es gleich bei der Ankunft eine kalte Dusche. Der Anfang des Jahres erworbene Ferienscheck gilt nach dem „Umrubeln“ auf die D-Mark am 1. Juli nur noch für Halbpension. Ohne Vorwarnung ist den Urlaubern Selbstbeteiligung verordnet worden. „Von wegen Frühbucherrabatt“, schimpft Bernd Stemmler, Instandhaltungs-Mechaniker aus Torgau, mit westdeutschen Usancen offensichtlich gut vertraut. „Solange die Gehälter nicht raufgehen, ist das doch alles Wucher.“ Thorsten, sein Zehnjähriger, kostet die neue Vielfalt aus. Er schiebt sich das unter einen dicken Ketchup-Mayo-Haube versteckte letzte Fischstäbchen genüsslich in den Mund und erbettelt sich erfolgreich noch eine zweite Portion Pommes .

Und nochmal 30 Jahre zurück: Kühlungsborn im Sommer 1960.

Früher war der FDGB-Urlaub spottbillig. Jetzt mussten die Stemmlers. Immer noch sehr günstig, Anfang des Jahres für 13 Tage Küste 520 Ost-Mark für zwei Erwachsene und zwei Kinder berappen, alles inklusive. Eigentlich. Bislang ließ sich der fürsorgliche Staat die schönste Zeit des Jahres seiner Werktätigen etwa eine halbe Milliarde Mark kosten,

Bemühung um mehr Flexibilität für die Urlauber

So alt wie der Feriendienst sind die Klagen über Gängelung und Reglementierung, über Schlangestehen vor dem Speisesaal statt vor der heimischen Fleischtheke. Im Juli und August waren 35 Minuten Zeit fürs Abendessen „pro Durchgang“ das höchste der Gefühle. Zuletzt bemühten sich immer mehr Heime um etwas mehr Flexibilität, wenn Leute aus der Massenverköstigung ausscheren wollen. „Freizügigkeitsverkehr“ heißt im weiter gültigen DDR-Jargon die Möglichkeit, die Essensmarke nicht nur im hauseigenen Restaurant einzulösen.

Harald Seymer, Vizedirektor des FDGB- Feriendienstes mit 17 000 Angestellten, will nicht wahrhaben, dass die Urlauber 40 Jahre lang an der kurzen Leine gehalten worden seien. An der organisierten Wanderung mit Pilzsammeln habe man teilnehmen können – oder auch nicht. „Da stand keiner mit der Trillerpfeife.“ Dem Gros der Gäste war mangels Alternativen fast jede Abwechslung recht. Marlies Kalweit, die „Ernst Grube“-Chefin, berichtet, der „Maritim-Abend“ mit „Barde Hein“ aus Warnemünde und die Bademodenschau fänden immer noch ihr Publikum. Nur das „Urlauber-Forum“, bei dem „auch gemotzt“ werden durfte, ist mangels Interesse abgeschafft.

Missbrauch des Urlaubs für Agitprop-Veranstaltungen

In der Frühzeit des staatlich gelenkten und gesponserten Urlaubs hat man mit mäßigem Erfolg versucht, die Gäste daran zu erinnern, wem sie dies alles zu verdanken hatten. Ausgerechnet der allmächtige Gewerkschaftsboss Harry Tisch rügte jedoch allzu beflissene Ferienheim-Chefs, sie missbrauchten den Urlaub der Menschen für Agitprop-Veranstaltungen.

Gerd Schröter ist im Sommer ’90 Direktor der FDGB-Vorzeige-Anlage Klink an der mecklenburgischen Seenplatte. „Es kotzt einen an, wenn der sozialistische Wettbewerb auch im Urlaub weitergeht“, ereifert er sich. Der langjährige SED-Genosse ist längst mehr Manager als Objektleiter. Weil der Ferienscheck mit sofortiger Wirkung abgewertet wurde, müsse er rechnerisch mit 4,15 DM pro Gast für zwei Mahlzeiten hinkommen. „Wenn ich das durchkalkuliere, machen wir Miese hoch drei.“

Trotzdem müssen viele seiner Gäste ebenso wie in Kühlungsborn mit dem neuen Geld knapsen. Am Empfang im „Jochen Weigert“ liegt ungelesen die „Cosmopolitan“. Zwei ältere Paare bringen ihre private Thermosflasche mit in den Frühstücksraum. Der Kaffee (1,50 DM die Tasse) ist ihnen zu teuer. Wendezeiten in Kühlungsborn. (Harald Biskup)

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