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Wenn sich die Wellen beruhigt haben: Manchmal ist die gespiegelte Erkenntnis die wirklich wichtige.

Interview

Zukunftsforscher: Die Zeit der Alphatiere ist nach der Krise vorbei

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Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski glaubt, dass sich die deutsche Gesellschaft nach der Corona-Pandemie grundlegend wandelt. Er prognostiziert, dass sich die Bürger stärker politisch engagieren werden.

Wird die deutsche Gesellschaft gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen? Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski, der schon Willy Brandt, Helmut Kohl und Angela Merkel beraten hat, ist davon überzeugt. Der 79-Jährige glaubt, dass die Zeit der Alphatiere nun endgültig zu Ende geht und sich das Bild einer Selbsthilfegesellschaft abzeichnet, sagt er im Telefoninterview .

Herr Opaschowski, Sie gehören als 79-Jähriger zur Risikogruppe. Wie gehen Sie mit der Pandemie um?

Ich befinde mich in Quarantäne zu Hause. Nicht nur, weil ich es will. Auch meine Kinder legen darauf Wert. In Zeiten von Internet und Videotelefonie ist familiäre Nähe ohne persönlichen Kontakt möglich – auch wenn das nicht so schön ist.

Sie sind von Haus aus Historiker, arbeiten aber mittlerweile als Zukunftsforscher. Erleben wir mit der Corona-Pandemie jetzt eine Zeitenwende oder ist es nur ein Themenwechsel?

Das lässt sich noch nicht zuverlässig einschätzen. In Krisenzeiten denkt jeder zunächst einmal an sich selbst. Gleichzeitig macht es erwiesenermaßen glücklich, für andere da, also solidarisch zu sein. Der Solitär wird gewissermaßen zum „Solidär“ – und damit kommen zwei Verhaltensweisen zusammen, die Kraft für Veränderungen in sich tragen.

Sie meinen das berühmte Wir-Gefühl.

Nicht ganz. So würde es vielleicht ein Bundespräsident ausdrücken. Ich spreche von einem starken Ich in einem starken Wir. Das Ich im Wir ist das Besondere – es spricht für starkes Selbstvertrauen, das man aber erst im Wir verwirklicht. Die Zeiten der Alphatiere werden nach dieser Krise endgültig vorbei sein.

Dann bricht die Zeit der Samariter an?

Nein. Wir werden jetzt nicht alle zu Mutter Theresa oder Albert Schweitzer. Es entwickelt sich eine Geben-und-nehmen-Gesellschaft. Motto: Ich helfe dir jetzt, beim nächsten Mal hilfst du mir aber. Es geht um kalkulierte Hilfsbereitschaft – ohne die wäre Solidarität übrigens nicht möglich.

Fangen wir mal mit der Familie an. Sie ist ja nun für viele plötzlich der Lebensmittelpunkt …

Ja, gezwungenermaßen. Das enge und lange Zusammenleben muss in vielen Familien jetzt erst wieder geübt werden. Einfach ist das nicht: das Miteinanderreden, das Erzählen zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, die Wohnung als Nest der Geborgenheit und Sicherheit wahrzunehmen. Das widerspricht den zurückliegenden Zeiten, in denen viel Zeit für Arbeitswege und Job aufgebracht wurde und Wohnungen eher als Boxenstopp dienten. Das wäre ja nicht das Schlechteste, oder?

Sehen Sie Parallelen zu anderen Situationen in den vergangenen Jahren?

Ich muss in diesen Tagen häufig an die Flut an Elbe und Oder denken. Da war die junge Generation plötzlich da, schleppte Sandsäcke, packte an. Das hat diese Menschen für immer verändert. So wird es auch diesmal sein.

Wagen Sie eine Prognose?

Für die nahe Zukunft zeichnet sich ein Bild der Selbsthilfegesellschaft ab. Die hat es in der Zeit nach 1968 im Westen schon einmal gegeben: Es gab Proteste gegen staatliche Vereinnahmung, es bildeten sich Wohngruppen, selbstorganisierte Jugendzentren entstanden. Das ist jetzt etwas anders: Jetzt bildet sich eine Selbsthilfegesellschaft aus der Einsicht, aufeinander angewiesen zu sein. Dahinter steht eine Bedrohung.

Die Regierung sagt: Wir sitzen jetzt alle in einem Boot. Ist das nicht beruhigend?

In einem Boot? Ja, das gilt für Notzeiten. Die Politiker müssen aber für die Zeit danach wissen, dass die Bürger, die jetzt zur Selbsthilfe aufgerufen werden, anschließend das Steuer dieses Bootes nicht so schnell mehr aus der Hand geben.

Mehr politisches Engagement des Bürgers ist doch eine gute Botschaft.

Das finde ich auch. Eine größere Mitmach-, Zusammenhalts- oder Mitbestimmungsgesellschaft wäre ein Gewinn aus dieser Krise. Die Politik kann dann nicht mehr machen, was sie will.

Welche Werte werden die größte Rolle spielen?

Die spontane Hilfsbereitschaft, die Übernahme sozialer Verantwortung und vielleicht kehrt endlich wieder mehr menschliche Wärme ein.

Sind das alles nicht eher Träume als realistische Prognosen? Viele schauen doch gerade zum Staat und warten ab, was er in der Krise tut.

Horst Opaschowski ist Historiker und Berater. 2014 gründete er mit seiner Tochter Irina Pilawa das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung.

Richtig ist, dass es bis heute eine gewisse Versorgungsmentalität der Bürger gegenüber dem Staat gibt. Das lässt sich jedoch nicht mehr durchhalten. Durch Umfragen, die auch mein Institut durchführt, wissen wir, dass die Bürger zunehmend den Eindruck haben, Politiker sind Getriebene. Das ist gerade gut zu beobachten: Wenn das Robert-Koch-Institut etwas sagt, reagiert die Politik sofort. Das gilt im Übrigen ebenso für die Wirtschaft. Sie muss und wird sich gemeinwohlorientierter aufstellen. Es wird künftig nicht weniger konsumiert, dafür aber anders. Bewusster vielleicht.

Was wird aus den sogenannten systemrelevanten Berufen, die häufig schlechter bezahlt sind als andere Jobs – und größtenteils von Frauen ausgeübt werden?

Nach dem Krieg war die Wiederaufbauarbeit weiblich. Notgedrungen. Das ist heute anders, doch jeder spürt plötzlich ziemlich nah, wie ungerecht es zugeht bei der Bezahlung der Berufe, die unsere Strukturen unter hohem persönlichem Einsatz aufrechterhalten. Spätestens nach Ende dieser Krise werden diese Berufsgruppen – also Pflege- und Laborkräfte, Polizisten und Feuerwehrleute oder Verkäuferinnen – auf Veränderungen zu ihren Gunsten pochen. Zu Recht!

Setzt sich in Zukunft nun auch die Arbeit im Homeoffice durch?

Diese Möglichkeit für Arbeitnehmer ist ja bislang eher deklariert als realisiert worden – auch aus Misstrauen den Arbeitnehmern gegenüber. Das ändert sich grundlegend mit dieser Krise. Arbeitgeber werden feststellen, dass es genauso effektiv oder sogar noch effektiver ist, wenn Beschäftigte diese Möglichkeit wahrnehmen können.

Sie klingen ein bisschen, als glaubten Sie an einen neuen Menschen. Ist das so?

Nein, daran glaube ich nicht. Aber die Fähigkeiten der Menschen werden erweitert und es steigt die Bereitschaft, an einer verbesserten Gesellschaft mitzuarbeiten – um dies nicht, wie bislang, Politikern oder Managern zu überlassen.

Und was wird aus dem Megathema des vergangenen Jahres, dem Klima- wandel?

Das löst sich ja nicht wegen dieser Pandemie auf. Ich glaube, dass nun viele im Zuge der Corona-Krise merken, wozu wir fähig sind, wenn wir als Gemeinschaft mit Herz handeln. Die Pandemie werden wir auch emotional bekämpfen. Die Fridays-for-Future-Bewegung begegnet der Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel ebenso emotional – und ist damit sehr erfolgreich. Wenn die Corona-Krise bewältigt ist, wird die Schülergeneration das Umweltthema umso stärker vorantreiben.

Als eine Art 68er-Bewegung?

Diese Generation wächst nun unter veränderten Bedingungen auf. Sie weiß: Überall hinzufliegen ist nicht selbstverständlich. Sie weiß auch: Nicht alles ist käuflich. Es entsteht so ein Wertewandel gegenüber den vorhergehenden Generationen, der sehr tiefgreifend ist.

Ist das die „Generation Corona“?

Zu viel Ehre für dieses schlimme Virus. Ich würde diese jungen Leute als „Generation Krise“ bezeichnen. Krise wird zur Alltagserfahrung. Und wenn Sie Jugendliche heute fragen, sagen die: Wir kennen gar nichts anderes mehr als Krise.

Interview: Thoralf Cleven

Die Serie: Die Welt nach Corona

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zur grundlegenden Gestaltung der Wirtschaftsordnung. Im Auftakttext von FR-Autor Stephan Hebel geht es um die öffentliche Daseinsvorsorge.

Viele Gastautorinnen und -autoren haben ihre Teilnahme zugesagt, darunter die Philosophinnen Nancy Fraser (New York), Rahel Jaeggi (Berlin), der Erfolgsautor Paul Mason (London) sowie die Gesellschaftswissenschaftler Stephan Lessenich (München) und Hartmut Rosa (Jena). (FR)

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