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Küsschen statt Abstand: Paradiesvogeldamen bei der Weiberfastnacht 2020. AFP
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Küsschen statt Abstand: Paradiesvogeldamen bei der Weiberfastnacht 2020. AFP

Mainzer Fastnacht 2021

„So tief kann mein Narrenherz nicht sinken“

  • vonNicole Schmidt
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Bevor sie sich alte Umzüge in der Glotze ansieht, verzichtet unsere Autorin Nicole Schmidt lieber ganz auf die Mainzer Fastnacht.

Stell dir vor, es ist Fassenacht in Mainz und keiner geht hin!? Hätte ich das vor einem Jahr in einer Kneipen-Runde gesagt, alle wären in schallendes Gelächter ausgebrochen. Aber es stimmt. Nix mit „wolle mer se noilasse“. Schon zum Auftakt, am 11.11., war das so. Wo sich sonst Tausende ausgelassener Verkleideter auf dem Schillerplatz tummeln, nahmen sich zwar trotz Verbots ein paar versprengte Narren die Freiheit, wenigstens einen Hauch von Fastnachtsgefühl zu verbreiten. Aber die Stimmung war wie bei einem Date, auf das man sich total freut – und dann versetzt wird.

Seit Anfang Januar würde die Kampagne in Mainz richtig toben. In den Sälen würden Sitzungen steigen, die Gardeballerinen ihre Beine schwingen, Redner und Rednerinnen in der Bütt ihre Verse schmettern, es würde „Uiuiuiuiui“ gerufen, „Worscht gegesse, Woi getrunke“. Nichts davon. Die Mainzer Fastnachter und Fastnachterinnen leiden unter Entzugserscheinungen. Definitiv. Massiv. Und ich leide mit. Obwohl ich gar keine Mainzerin bin, aber wenn man hier seit Jahren wohnt, so wie ich, kann man gar nicht anders.

Natürlich gibt es auch Landstriche in Deutschland, in denen sich die Menschen fragen: Was wäre daran so schlimm, die ohnehin vermasselte Fassenacht in diesem Jahr ausfallen zu lassen? Aber das ist in Mainz undenkbar. Wer das vorschlägt, der könnte auch vorschlagen, nach Samstag gleich mit Montag weiterzumachen oder nach dem Frühling mit dem Herbst. Die Fassenacht gehört zu Mainz wie der Dom, steht fest im Kalender wie Weihnachten, ist Teil des Mainzer Lebensgefühls.

Und deshalb ist sie auch nicht ganz abgesagt worden. Die Karnevalsvereine geben sich alle Mühe, heilendes Balsam zu verteilen: „Streamung“ statt „Sitzung“ ist ihr Motto, und sie versprechen ein „abwechslungsreiches Programm mit viel Witz, Gesang und Unterhaltung“. Aber Fassenacht online anschauen? Mit aufgezeichneten Clips und Pappkameraden statt Publikum? Und ich sitz‘ zuhause mit zwei Luftschlangen, einer Tröte und der Kapp auf dem Kopf? Man könnte ja, so der gutgemeinte Ratschlag eines befreundeten Narren, parallel zur Sitzung das Video-Telefonie-Programm am Computer laufen lassen oder sich hinterher beim Wein im Chat über die Sitzung austauschen. Ohne mich! Da gehöre ich lieber zur Jammergruppe und verzichte. Ich will so eine Sitzung live erleben! Die Laune steigt mit jeder Nummer, mit jedem Schoppe, bei allen. Und am Ende, wenn es Konfetti und Luftschlangen regnet und sich Zebras, Piraten und Matrosen in den Armen liegen, Arsch an Arsch tanzen und inbrünstig „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ singen, dann macht einen das einfach selig.

Und erst der Rosenmontagszug! Der Mainzer Carneval-Verein hatte sogar schon drei große Motivwagen bauen lassen und wollte sie irgendwie in der Stadt aufstellen. Letztlich auch abgesagt, wegen gefürchteter Menschenmengen. Aber so tief kann mein Narrenherz nicht sinken, dass ich mir alte Umzüge vor der Glotze ansehe. Wie habe ich es geliebt, am Straßenrand zu stehen, mit einer halben Million anderer Menschen, und habe mir zuraunen lassen: „Ein echter Mainzer bückt sich nicht für Bonbons. Zumindest nicht, wenn er älter ist als zehn.“ Ich weiß heute; Profis warten auf Fleischwurst und Trinkbares. Trotzdem kann ich es nicht lassen, denen da oben auf den Wagen zuzuzwinkern, dass sie mir da unten was zuwerfen.

Aber am meisten trauere ich um die Straßen- und Saalfastnacht. Da lassen die Mainzerinnen und Mainzer vollends und mit Wonne die Sau raus. Und meine Freundin und ich mit. Jedes Jahr an Altweiber mit der gleichen Frage: Wie ziehen wir diesmal los? Meistens doch wieder sie als Kätzchen oder leicht abgewandelt als Tiger, ich als Vamp oder Madonna. Dann: Schunkeln! Polonaise! Das Kribbeln, wenn sich Katz und Kater beim Tanzen tief in die Augen blicken… Auch wenn jetzt viele NichtNärrinnen und Nicht-Narrhalesen mit den Augen rollen und abwinken: Es fehlt mir!

Und so hänge ich meine online erworbene Zugplakette zwischen Blinke-Ente, Bajazzo, närrischen Dom und all die anderen, die ich in den Jahren gesammelt habe. Auf der Rückseite steht: „Trotz Corona segelt heiter – das Narrenschiff voll Hoffnung weiter!“ Und mir bleibt nur, in diesen tristen Tagen hoffnungsvoll einen Gassenhauer von Margit Sponheimer anzustimmen: „Heile heile Gänssche, ’s wird bald wieder gut!“

2022 wieder dabei: Nicole Schmidt. juelich

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