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So still: Die leisesten Orte der Welt

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In Bibliotheksräumen – hier in Stuttgart – ist es mit durchschnittlich 40 Dezibel schon recht leise.
In Bibliotheksräumen – hier in Stuttgart – ist es mit durchschnittlich 40 Dezibel schon recht leise. © Imago Images

Orte, an denen man nur den eigenen Herzschlag und das Blut in den Adern rauschen hört? Gibt es. Ein Blick in die leisesten Winkel des Planeten.

Guovssahasat: So heißt das Nordlicht bei den Saminnen und Samen hoch oben im Norden Skandinaviens. Sie nennen es „das Licht, das man hören kann“. Was lange als Mythos abgetan wurde, konnte ein Forschungsteam um Unto Laine von der Aalto-Universität in Finnland mittels Audioaufnahmen Anfang des Jahrtausends nachweisen. „Die Geräusche sind normalerweise kurz und schwach, und sie treten auch nicht immer auf“, sagt der heute emeritierte finnische Akustikprofessor. „Vor allem aber erfordern sie ein sehr genaues Hinhören.“

Es gibt laut den Forschenden eine wichtige Voraussetzung, um die Geräusche der Aurora borealis wahrnehmen zu können: „Störende Hintergrundgeräusche müssen auf ein Minimum reduziert sein“, weiß Laine. Hätten die Menschen dort unseren Stadtverkehr, könnten sie ihr Guovssahasat wohl nie hören. Aber im einsamen Norden Skandinaviens ist es sehr leise.

Aber wie leise kann es eigentlich überhaupt werden? Die Suche nach den leisesten Orten der Welt könnte man in einer Bibliothek beginnen. 40 Dezibel herrschen dort im Schnitt, haben Akustiker:innen festgestellt. Das ist etwa die Lautstärke, die eine Klimaanlage verursacht. Im heimischen Schlafzimmer kann es noch leiser zugehen. 30 Dezibel sind durchaus drin. Das ist spürbar leiser, denn eine Abnahme um zehn Dezibel nehmen wir als eine Halbierung der Lautstärke wahr. Dennoch: Da unsere Hörschwelle bei null Dezibel verortet wird, bedeuten 30 Dezibel immer noch eine ganze Menge Hintergrundgeräusche. Auch wenn wir diese vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen. Doch welche Orte sind noch leiser als das heimische Schlafzimmer?

Der US-Akustiker Gordon Hempton kennt die Antwort, seit 35 Jahren ist er auf der Suche nach richtig leisen Orten. Für ihn steht fest: Der leiseste Ort der USA befindet sich im Hoh-Regenwald im Washingtoner Olympic-Nationalpark. Im ebenso als sehr leise gehandelten Yellowstone-Nationalpark und Great-Sand-Dunes-Nationalpark in Colorado werde es kaum leiser als 20 Dezibel. Entlegene menschenleere Gebiete, weit abseits von Straßen sowie Bahn- und Flugrouten, sind immer eine gute Adresse für wirkliche Stille. Doch selbst in unzugänglichen Gegenden wie dem Grassland-National-Park in Kanada, laut Hempton dem „leisesten Grassland-Ökosystem der Welt“, kann man noch Naturgeräusche vernehmen: den Wind, das Prasseln des Regens.

WAS IST LEISE, WAS IST LAUT?

Minus 20,35 Dezibel: Der leiseste Ort der Welt: das Microsoft-Labor in Redmond, Washington

0 Dezibel: Hörschwelle

10 Dezibel: Ruhiges Atmen, Schneefall

20 Dezibel: Gehen auf weichem Teppich, schalltote Kammer

30 Dezibel: Flüstern, Schlafzimmer

40 Dezibel: Wohnraum mit geschlossenem Fenster, Bücherei, Klimaanlage

55 Dezibel: Grenze zur Lärmbelästigung: Kühlschrankbrummen (aus einem Meter Entfernung)

60 Dezibel: TV und Radio bei Zimmerlautstärke (ein Meter Entfernung), Sprechen in Zimmerlautstärke

65 Dezibel: Grenze, die schädlichen Stress verursachen kann: Schnarchen, Rasenmäher in Arbeitsentfernung

70 Dezibel: Verkehrslärm in zehn Meter Entfernung, Föhn

75 Dezibel: Schleudernde Waschmaschine (ein Meter Entfernung)

80 Dezibel: In der Arbeitswelt wird Gehörschutz empfohlen

85 Dezibel: Unser Gehör kann bei längerer Einwirkung geschädigt werden

90 Dezibel: Starker Verkehrslärm (zehn Meter Entfernung)

100 Dezibel: Laubbläser, Discothek, Autohupe (fünf Meter Entfernung)

110 Dezibel: Kreissäge, Kettensäge

115 Dezibel: Kinderrassel in Ohrnähe, Spitzenpegel einer Trompete

120 Dezibel: Das menschliche Gehör kann bei kurzer Einwirkung dauerhaft geschädigt werden: Presslufthammer, Rockkonzert, Babygeschrei

125 Dezibel: Trillerpfeife

129 Dezibel: Lautester je gemessener menschlicher Schrei von Jill Drake im Oktober 2000

130 Dezibel: Schmerzgrenze: Millisekunden reichen aus, um das Gehör dauerhaft zu schädigen: startendes Düsenflugzeug (100 Meter Entfernung)

170 Dezibel: Silvesterböller nahe am Ohr, Ohrfeige

180 Dezibel: Tödlicher Schalldruck für Menschen: Kinderspielzeugpistole am Ohr abgefeuert

190 Dezibel: Supertanker

200 Dezibel: Einrammen der Stützpfeiler für Offshorewindkraftanlagen

235 Dezibel: Sonarsysteme der Militärs

260 Dezibel: Airguns zur Ortung von Öl- und Gasvorräten

Doch es gibt Orte, wo auch diese verstummen. Trevor Cox, Akustikprofessor an der britischen Universität von Salford, Manchester, hat sich zu den Kelso-Dünen in der Mojave-Wüste aufgemacht und dort – wie zu erwarten – kein Regenprasseln vernommen und nicht einmal Tierlaute gehört, aber immer noch Windgeräusche registriert. Die gibt es auch in anderen Wüsten oder auch in der Antarktis, der größten Eiswüste der Welt. Dennoch: Schnee schluckt Schall. Schneefall ist lediglich 10 Dezibel leise. Auch Vulkanasche und zu löchrigem Gestein erstarrte Lava absorbieren Geräusche gut. Das hat Gordon Hempton festgestellt, als er den Haleakala-Vulkan auf der Hawaii-Insel Maui untersucht und dort sogar negative Dezibelwerte gemessen hat. Für ihn ist der 3000 Meter hohe Vulkan, dessen Krater 800 Meter tief ist, daher auch „der letzte leise Ort auf der Erde“.

Steven Orfield in seiner Testkammer.
Steven Orfield in seiner Testkammer. © Imago Images

Doch es geht noch leiser: In sogenannten „schalltoten Kammern“. Typischerweise herrschen in diesen schallreflexionsarmen Laborräumen 20 bis 30 Dezibel, in einigen auch nur zehn Dezibel. Die Testkammer der Orfield-Laboratorien in Minneapolis stellte 2004 einen Weltrekord auf mit einem negativen Wert von minus 9,4 Dezibel. Das ist derart leise, dass es manchen Menschen unangenehm ist. Man hört absolut gar nichts. Laborleiter Steven Orfield sagt nicht ohne Stolz über seine schalltote Kammer: „Hier bist du das Geräusch!“ Das hat seinen Grund, denn im Orfield-Labor ist es so leise, dass man seinen eigenen Herzschlag hören kann. Trevor Cox urteilt: „Man hört das Blut in den Adern rauschen.“

Wer nun glaubt: Leiser geht es wirklich nicht mehr, der irrt. Am 2. Oktober 2015 musste Orfield seinen Weltrekord abgeben. Seither gilt die schalltote Kammer des Microsoft-Labors in Redmond, Washington, als „leisester Ort der Welt“, laut Guinessbuch der Rekorde mit einem negativen Wert von minus 20,35 Dezibel.

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