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1829 Poker-Karten in einer Stunde auswendig lernen? Kein Problem für Andrea Muzii. 

Gedächtnisweltmeitser

Ein smarter Boxer

Eigentlich wollte Andrea Muzii nur sein Gedächtnis trainieren,nun ist der italienische Student Gedächtnisweltmeister.

Es fing damit an, dass sich Andrea Muzii Dinge einfach besser merken wollte. Heute, nur knapp ein Jahr später, ist der 20-jährige Italiener ein neuer Star des internationalen Gedächtnissports. Lange Reihen von Zahlen, Wörtern, Spielkarten oder Bildern – kein Problem für den schlaksigen Medizinstudenten. Im Dezember setzte sich Muzii bei den Weltmeisterschaften des Verbands International Association of Memory (IAM) im chinesischen Zhuhai gegen etwa 150 andere Wettbewerber durch.

Sein Geheimnis? „Das ist etwas, das ich nur durchs Üben erreicht habe. Ich habe keine besondere Veranlagung dafür“, sagt Muzii der Deutschen Presse-Agentur. „Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes.“

Während der IAM-Wettbewerbe im Dezember stellte Muzii außerdem gleich zwei Weltrekorde auf: Er merkte sich 572 Zahlen in fünf Minuten und 1829 Poker-Spielkarten in einer Stunde. „Dir werden all diese Zahlen über einen bestimmten Zeitraum gezeigt, du merkst sie dir und dann schreibst du sie in den Computer oder auf Papier auf und versuchst, keine Fehler zu machen“, erklärt er.

Seit 1991 finden ähnliche Wettbewerbe statt. IAM ist nach eigenen Angaben die größte, aber nicht die einzige internationale Organisation, die Gedächtniswettbewerbe veranstaltet. Dieser Sport sei eine Nischendisziplin, wachse aber jedes Jahr, so der in München ansässige und 2016 gegründete Verband. „Alleine 2019 gab es 15 Turniere in 13 Ländern“.

Ein Nerd sei er aber keinesfalls, betont Muzii. Im Gegenteil, in seiner Freizeit ist der Italiener – seine schmale Silhouette lässt es nicht unbedingt erahnen – Amateurboxer. „Tatsächlich war ich in der Schule nicht besonders gut.“ Jeder könne versuchen, durch Üben so weit zu kommen wie er. Sogar auf seinem Niveau „geht es vielleicht um etwa 20 Prozent Talent, das meiste ist aber Training“.

Bislang dominieren Mongolen die internationale Szene des Gedächtnissports: Alleine fünf Frauen aus der Mongolei führt die IAM in der aktuellen Liste der zehn Besten. „In Europa sind die Deutschen die Besten“, sagt Muzii auch mit Blick auf IAM-Präsident Simon Reinhard und Johannes Mallow, die auf Rang sechs und acht der Liste liegen. Zwei Männer aus Indien und Frankreich komplettieren dieses Ranking – und seit Dezember steht Muzii an erster Stelle.

Für manchen Konkurrenten kam Muziis Sieg auch wegen der bisherigen geografischen Verteilung der IAM-Besten überraschend – und so einige hätten sich auch etwas geärgert, erinnert sich der Italiener: „Sie rechneten nicht damit, dass ich gewinnen würde. Sie machten das alle schon seit Jahren, und ich kam da so ein bisschen wie aus dem Nichts dazu.“

Erst im März 2019 entdeckte Muzii diese neue Welt des mentalen Hochleistungssports für sich. Damals war der Zauberwürfel des Ungarn Erno Rubik seine große Leidenschaft. Muzii nahm an Wettbewerben teil, bei denen Teilnehmer mit verbundenen Augen und mit Hilfe ihres Gedächtnisses den dreidimensionalen Würfel richtig zusammendrehten. Dafür wollte er seine Gedächtnisleistung verbessern. „Doch ich habe die anderen Gedächtnisspiele dann lieber gemocht und den Würfel aufgegeben“, sagt er.

Auf die Weltmeisterschaft bereitete er sich stundenlang vor dem Computer vor. So übte er, sich lange Reihen von Zahlen und Spielkarten zu merken. Positiver Nebeneffekt: Muzii kommt nun mit allen Situationen besser zurecht, in denen Dinge gelernt werden müssen, sagt er – Prüfungen an der Uni, eine neue Sprache, Namen und Gesichter von Menschen.

Der Weltmeistertitel hat in seinem Alltag aber auch den Druck erhöht, immer zu liefern. Irgendetwas zu vergessen, kann er sich kaum leisten, ohne Spott von Freunden und Familie zu ernten. „Dann kommen Kommentare wie ‚Was??? Aber du bist doch der Weltmeister!’“

Immerhin hat seine Familie mittlerweile mehr Verständnis für seine Leidenschaft. Zu Beginn waren seine Eltern davon nicht gerade begeistert. „Das schien Zeitverschwendung zu sein und keinen praktischen Nutzen zu haben“, erinnert sich der 20-Jährige, der Single ist und zu Hause im Norden Roms wohnt. Doch mittlerweile hat er zwei Geschäftspartner gefunden, mit denen er Video-Tutorials zum Schärfen des Gedächtnisses entwickelt – das habe seine Eltern besänftigt, sagt Muzii mit einem Lächeln. „Jetzt sind sie ein bisschen mehr von dem überzeugt, was ich mache. Denn es wird so langsam ein Job daraus.“ 

Alvise Armellini, dpa

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