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Und das Atmen nicht vergessen. 

Reise

Ski-Yoga und Prickelzeug

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Eine Winter-Auszeit mit Freundinnen in der Steiermark ist eher ein Work-out in unberührter Natur als ein Wellness-Paket.

Wie Flamingos stehen sie oben am Berg auf einem Bein. Die Skier abgeschnallt, die Stöcke liegen verstreut im Schnee. Das rechte Knie zeigt im 90-Grad-Winkel vom Körper weg und der Fuß lehnt gegen den linken Oberschenkel knapp über dem Knie. So weit die Theorie. In der Praxis hat eine den falschen Fuß oben, die nächsten beiden verlieren das Gleichgewicht und die Vierte vergisst das Atmen. Alle lachen. Es ist die erste Ski-Yoga-Stunde ihres Lebens, für einige sind es die ersten Yoga-Versuche überhaupt.

Karin Seebacher betont wohlwollend: „Ihr dürft, ihr müsst nicht.“ Jede soll so mitmachen, wie sie kann. Grenzen setzen schon allein die schweren Skischuhe, die bei den Übungen wie Betonklötze an den Beinen hängen, und die vielen Schichten Funktionskleidung, die geschmeidige Bewegungen geradezu unmöglich machen. Auch die entspannend anmutende Begleitmusik friert irgendwann ein – oben auf der Hochwurzen ist es heute einfach zu kalt. Die vier Freundinnen lassen sich ihre Laune trotzdem nicht verderben. Sie haben einen Mädels-Tag gebucht und werden ihn genießen – Nebel hin, Schneeregen her.

Die Tour führt sie vom Sektfrühstück bis zum Wellnessausklang über die Skiberge Reiteralm, Hochwurzen, Planai und Hauser Kaibling der Schladminger Vier-Berge-Skischaukel. Die besondere Yoga-Stunde in den Bergen ist Teil der „Ladies Week“ des Skiverbunds Ski amadé, die jedes Jahr extra für Frauen ein Programm mit Partys, Konzerten und weiteren Veranstaltungen bietet. Damit sich niemand diskriminiert fühlt – das soll tatsächlich vorgekommen sein – gelten die Angebote ausdrücklich auch für „Gentlemen“. Maria, Christine, Monika und Ursula sind jedoch unter sich, als sie versuchen, gelenkig die Sonne zu grüßen, den herabschauenden Hund zu machen oder einfach nur ein Baum im Schnee zu sein. „Yoga ist für die Konzentration super, damit man gut am Ski steht“, sagt Karin Seebacher, die normalerweise in ihrem Hotel Bergkristall Yogastunden ohne Ski anbietet. Auflockern und dehnen sei zudem wichtig, um Verletzungen zu vermeiden. „Zugegeben, es ist mit den Skischuhen eine Herausforderung“, sagt sie. Doch sie passt die Übungen an: Beim Baum müssen die Mädels den rechten Fuß nur auf den linken Fuß stellen – wer möchte, darf ihn bis zum Oberschenkel heben. „Aber erst, wenn ihr einen sicheren Stand habt.“ Und: atmen.

Den ersten seligen Moment gab es schon vor dem Frühstück. Das frühe Aufstehen und die Fahrt mit der ersten Gondel haben sich gelohnt. Die Vierer-Clique gehört mit den Slalom trainierenden Rennfahrern zu den Ersten auf der Piste. Noch ist der frische Pulverschnee spurenlos. Auf diesem Teppich fühlen sich die Mädels schwerelos und fordern: „Noch eine Runde.“ Das Sektfrühstück mit Blick auf das Dachsteinmassiv kann warten. Sie sind heute aus Kleinarl, Altenmarkt und Kärnten angereist und fahren abends auch wieder heim. „Es war schwierig genug, dass wir alle diesen einen Tag frei bekommen“, erklärt Maria. Drei der vier sind Arbeitskolleginnen.

Eigentlich ist Monika Felsinger Flugbegleiterin, in ihrer zweiten Funktion als Skilehrerin bei Trittscher begleitet sie die Frauen heute und zeigt ihnen den Weg über die vier Berge. Beim Besuch in Schladming darf die legendäre WM-Abfahrt der Planai nicht fehlen. Einmal dort langfahren, wo die Profis bejubelt werden. „Viele purzeln die Abfahrt runter, weil sie sich überschätzen“, sagt Marion Omulec von der Schladming-Dachstein Tourismusmarketing GmbH. „Es ist eine schwarze Piste und wenn schon viele dort runtergefahren sind, entstehen viele Hügel. Vor allem im Frühling.“ Ihr Tipp: Die Strecke früh morgens fahren. Umfahren lässt sich der Zielhang auch mit einer roten Piste. Doch die fröhlichen vier winken ab: „Im Tal ist der Schnee heute eh nicht gut, wir wollen lieber einen Kaffee trinken.“

Apfelstrudel zum Abstieg

Spätestens beim Mittagessen in der Schafalm sinkt die Motivation, die am Morgen im Pulverschnee grenzenlos schien. Und mit jedem Schluck des „Ski amadé“-Weins sinkt sie ein kleines bisschen mehr. Sie sehnen sich schon nach dem Natur- und Wellnesshotel am Ende der Tagestour und wollen so schnell wie möglich rüberfahren. Ursula bestellt sich zum Nachtisch aber erst noch Apfelstrudel: „Ich muss gleich eh im Schneepflug runter.“

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, als die Freundinnen Hauser Kaibling erreichen, der mit seinen breiten, aber steilen Pisten eher als Könner-Berg gilt. Auch die letzte Stunde fahren sie mit zügigen Schwüngen der Entspannung entgegen. Doch es steht noch ein Punkt auf ihrer Liste: „Wir fahren nicht heim, ohne in einer Après-Ski-Hütte gewesen zu sein.“ Im Tal ist das auch zu späterer Stunde kein Problem. Seit März 2019 müssen die Après-Ski-Hütten auf dem Berg aus Sicherheitsgründen nachmittags schließen. Aber: „Jeder Berg hat unten eine große Après-Ski-Arena“, betont Marion Omulec.

Wer mit seinen Freundinnen eine ruhigere Auszeit erleben möchte, ist bei Helmut Rettensteiner in besten Händen. Der Bergsteiger, der sich als Heli vorstellt, führt seine Gäste abseits der gängigen Wege hinein in die tiefverschneite Winterwelt. Das Auto wird auf etwa 1500 Metern abgestellt, die Schneeschuhe verschnürt und nach wenigen Schritten findet man sich im weißen Nirgendwo wieder. „Im Gelände sind wir fast immer allein. Auf den präparierten Strecken trifft man Hunderte, aber wir Bergführer kennen viele Wege und gute Plätze.“ In der Tat treffen die Wanderinnen heute nur einen Hund mit seinem Herrchen. Ansonsten ist es still auf dem Weg zum Brandriedl, einem Aussichtsberg hoch über der Ramsau. Mit jedem Schritt, den man am Fuße des knapp 3000 Meter hohen Dachsteins in die unberührte Natur setzt, fällt ein bisschen vom Alltagsstress ab. Die Stöcke folgen Helis Rhythmus. Der Kopf wird frei für das Glitzern des Schnees und das stete Knirschen unter den Füßen.

Hoch oben auf dem Gletscher ist eine Spur im Schnee zu erkennen. Skitourengeher machen sich auf den Weg. „Heute ist ein idealer Tag dafür: Harter Schnee drunter, drüber ein paar Zentimeter Pulver und die Lawinengefahr ist eigentlich gleich null“, erklärt Heli. Auf der anderen Seite sind die Schladminger Tauern in Nebel gehüllt. „Wir sind im Sonnenloch. Drei Kilometer weiter schneit es.“

Auf dem Brandriedl in 1800 Metern angekommen, warnt Heli vor den Schneewechten, die drei, vier Meter über den Berg hinausragen. „Das übersieht man manchmal. Dann gehen die Leute vor, schauen runter und plötzlich bricht das Ganze. Das überlebt man nicht. Aber das passiert Gott sei Dank fast nie“, sagt Heli. Die Gruppe wagt sich also nicht zu sehr an den Abgrund, um das Plateau der Ramsau zu erblicken, das sich unten über vier Kilometer Breite und sechs Kilometer Länge erstreckt.

„Wir schaffen den anspruchsvollen Weg runter, oder?“ Es ist nicht wirklich als Frage gemeint. Als es steiler wird, tritt Heli etwas fester in den Schnee, so dass kleine Stufen entstehen, die seine Verfolgerinnen hinuntersteigen können. „Der Schnee ist schon etwas kompakt, nicht mehr so pulvrig. Deshalb rutschen wir leichter ab.“ Nur ein Teil der Bergführer in der Region macht es hauptberuflich, Heli ist einer der jüngsten. „Früher habe ich mich nicht getraut zu sagen, wie alt ich bin, weil ich Angst hatte, dass man mich nicht ernst nimmt“, sagt der 45-Jährige, der mit 19 die ersten Gruppen angeführt hat. Er lacht. „Jetzt fängt die Zeit wieder an, in der ich es nicht gern sage, weil ich zu alt werde.“

Heli kommt von hier und hat immer hier gearbeitet. Kein Wunder, dass Christine Unterberger ihr Dachsteinhaus auch am Ruhetag für ihn öffnet. „Wir haben nie zu, wir wohnen hier“, sagt die Gastwirtin, die immer eine Suppe für vorbeiziehende Wanderer übrig hat. Während der gewohnten Öffnungszeiten bietet sie in ihrem Ein- bis Zwei-Mann-Betrieb bodenständige Kost. „Bei mir gibt es keine Spareribs, sondern Ripperle“ – außerdem regionale Produkte wie Schafs- und Ziegenkäse sowie selbst gebrannte Schnäpse.“ Natürlich lädt sie Helis Gäste auf ein Gläschen ein. Während sich die vier Damen zwischen Ingwer, Zirbe, Heidelbeere und Preiselbeere entscheiden müssen, stiefelt er zurück, um das Auto zu holen. Ein echter Gentleman eben.

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