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Ikone aus Fels: das Matterhorn.

Schweiz

Ski-Abfahrt: Von einem der auszog, das Matterhorn zu bezwingen 

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Vor 30 Jahren hat André Anzévui auf Skiern das Matterhorn bezwungen. Bis heute ist er der einzige, der die Abfahrt wagte.

André Anzévui schwebt von oben herab auf den Gipfel. Es ist kurz vor 8 und er hängt in einem papageienbunten Overall an einem Seil unter einem Helikopter. Die historische Filmaufnahme zeigt, dass er an diesem Tag im Jahr 1989, an dem er als erster Mensch die Nordwand des Matterhorns herunterfahren wird, statt eines Helms ein Stirnband in pink und mint trägt, dazu eine verspiegelte Sonnenbrille. Anzévui nähert sich von oben dem Schnee, setzt den rechten Ski vier Meter unterhalb des Gipfelgrats auf. 

Er löst das Seil, mit dem er am Helikopter befestigt ist. Für einen Moment behält er das Ende mit dem Karabiner in der Hand, blickt in den Abgrund vor sich, als ob er gerade noch mal überdenkt, ob er wirklich los lassen soll. Dann öffnet er die Hand, der Helikopter schwebt mit dem Seil davon. André Anzévui steht jetzt auf seinen 2,07 Meter langen Skiern auf dem Gipfel des Matterhorns – allein und ohne Sicherung.

Das Matterhorn, das Wahrzeichen der Schweiz, ist ein schöner, aber auch ein gefährlicher Berg. Jedes Jahr sterben Menschen an seinen Flanken. Die Nordwand wurde erst 1932 zum ersten Mal durchstiegen und ist bis heute als sehr schwierige Hochtour mit Felskletterei klassifiziert. 

Auf die Idee, hier mit Skiern herunterzufahren, war vor André Anzévui niemand gekommen – und auch danach nicht. Obwohl das Befahren steiler Hänge in den letzten Jahren populär geworden ist. Die Walliser Freerider Samuel Anthamatten und Jérémie Heitz erregten 2016 Aufsehen mit dem Film „La Liste“, in dem sie Abfahrten über elf Hänge machen, die nahezu senkrecht wirken – die Matterhorn-Nordwand war nicht dabei.

Matterhorn-Abfahrt: "Wer Angst hat, soll im Bett bleiben"

Was muss man für ein Charakter sein, um einen so ein Unternehmen in Angriff zu nehmen? „Wer Angst hat, sollte im Bett bleiben“, knurrt Anzévui. 30 Jahre nach seiner Abfahrt steigt er in seine Ski. Es hat frisch geschneit in seinem Heimatort im Wallis, dem 50-Einwohner-Dorf Arolla auf 1800 Metern. Der heute 63-Jährige ist klein und drahtig. Sein Gesicht hat tiefe Furchen, zeigt aber immer noch die gleiche ernste Bestimmtheit, die auch auf dem Video von 1989 zu sehen ist. 

Zum Abendessen nimmt er die Entenkeule, Salat bestellt er ab, das Gemüse rührt er nicht an, den Rotwein trinkt er, das Wasser lässt er stehen. Zwischendrin geht er nach draußen, rauchen. Mit Schneeflocken auf der Jacke kommt er wieder rein. „Heute Nacht muss ich noch mal raus“, sagt er. Anzévui ist mit seiner kleinen Firma dafür verantwortlich, die Straße nach Arolla zu räumen, das bedeutet kaum Schlaf. Man merkt schnell, dass er seinen Körper bis heute nicht schont.

Ikone am Fels: André Anzévui.

Zwei Tage später, unterwegs mit André Anzévui, den hier alle nur Dédé nennen, zu Air Zermatt. Zum ersten Mal seit 1989 wird er wieder mit einem Helikopter zum Matterhorn fliegen. Ohne links und rechts zu gucken, geht er zu einer schmucklosen Tür, drückt eine Klingel. Ungeduldig wartet er auf den Aufzug, der Passiergiere und ganze Krankenwagen vom Erdgeschoss zum Landeplatz oberhalb des vierten Stockwerks bringen kann, gerade jedoch nur zwei Fahrgäste aufnimmt. Auf dem Flachdach des Betonklotzes: Höllenlärm, ein Helikopter hebt gerade ab. Anzévui führt die Hand zur Stirn, dreht den Zeigefinger. „Jetzt ist alles wieder da“, sagt er mit rauer Stimme.

Als erstes kommt ihm der Tag vor der Matterhorn-Abfahrt in den Sinn. Er ist mit einem Piloten und dem damaligen Rettungschef von Zermatt, Bruno Jelk, im Helikopter unterwegs. Die drei wollen erkunden, ob wirklich genug Schnee für die Abfahrt auf den Felsen des Matterhorns liegt. Als sie über der steilen Nordwand schweben, sehen sie an ihrem unteren Ende einen abgestürzten Bergsteiger. Nach der Landung organisiert Jelk die Bergung des Toten. Anzévui fährt mit dem Auto in seine Heimat, das Val d’Hérens . Zwei Stunden Fahrt, in denen er über sein riskantes Vorhaben nachdenkt. „Der Tod des Bergsteigers hat mir noch mal gezeigt, dass ich keinen Fehler machen durfte“, sagt er.

André Anzévui ist ein gestandener Ski-Profi

Anzévui ist Profi. Er kennt das Hochgebirge seit frühster Kindheit, sein Großvater und sein Vater waren schon Bergführer und nahmen ihn mit ins Gebirge. Auch André Anzévui macht sein Bergführer-Patent. 1989 ist er 34 Jahre alt und einer der besten, vielleicht sogar der beste Steilwandfahrer der Welt. Die Disziplin ist besonders in Frankreich populär und bleibt in den deutschsprachigen Gebieten der Alpen damals jedoch weitgehend unbekannt. 

Unter Kennern sind Anzévuis Erstbefahrungen dagegen bis heute legendär, die Nordwand der Pigne d’Arolla 1973, die Südwestflanke des Dent Blanche 1985, die Nordwand des Mont Blanc de Cheilon 1987. 1989 meldet sich die französische Skifirma Lacroix bei ihm. Das Unternehmen sucht nach einer spektakulären Marketing-Aktion, mit der sich der Verkauf seiner Produkte ankurbeln lässt. Sie fragen Anzévui, ob er sich vorstellen könne, 8000er im Himalaya herunterzufahren oder steile Rinnen am Mont Blanc.

Anzévui kann sich ziemlich viel vorstellen, aber er ist Bergführer, er weiß, dass man das Terrain sehr gut kennen muss, damit ein solches Projekt funktionieren kann, dass man manchmal lange warten muss, bis die Bedingungen so gut sind, dass man überhaupt daran denken kann, eine Steilabfahrt in Angriff zu nehmen. Er schlägt deshalb das Matterhorn vor, zwei Stunden von seinem Wohnort entfernt, so dass er die Konditionen regelmäßig überprüfen kann. 

Nur der Sommer kommt in Frage – nur dann taut der Schnee während des Tages an und friert nachts zu einer Schicht auf den Felsen, die Schwüngen mit Skiern standhält. Die Ikone Matterhorn? Lacroix stimmt zu. Ein Sponsoring-Vertrag wird abgeschlossen. Doch Anzévuis erster Pakt mit dem großen Geld soll ihm kein Glück bringen.

Kleiner Punkt am Berg: Die Abfahrt 1989.

Am 14. Juli 1989 geht es los. Der Film von damals zeigt André Anzévui vor dem Hangar der Air Zermatt, er hält ein paar schwarze Ski in der Hand, darauf und auf seinen bunten Klamotten prangt überall der Name „Lacroix“. Die Aufnahme ist Minuten aufgenommen, bevor er in den Helikopter steigt – und es ist der Zeitpunkt, an dem er normalerweise als Bergführer das Projekt abgesagt hätte. Er zeigt nach oben zum Matterhorn, erklärt den Zuschauern, was er vorhat. Er will die Nordwand fahren bis zu einem Felsabsatz, der so genannten Schulter, unterhalb ist die Felswand nahezu senkrecht – dort kann man beim besten Willen nicht Skifahren, deshalb will er quasi um die Ecke auf die Ostwand wechseln. 

Aber dort, unterhalb der Solvayhütte, einer kleinen Schachtel für in Not geratene Bergsteiger, kommt ein Abschnitt ohne Schnee. „Eine Lawine hat ihn über Nacht weggerissen“, sagt Anzévui in die Kamera. Er wirkt ernst und steif. Die Vermarktungsmaschinerie läuft, er kann die Sache nicht stoppen. „Wenn der Pilot es schafft, wird er mich von hier 200 Meter tiefer auf die Nordseite fliegen. Dort ist wieder Schnee – ich werde dort weiter fahren. Und wenn ich dort unten bin, dann ist das Matterhorn bezwungen.“ Er zwinkert in die Kamera, und deutet zum ersten Mal ein Lächeln an. „Auf Wiedersehen – wenn alles gut geht.“

Matterhorn: 2019 steht Anzévui vor dem gleichen Hangar

2019 steht Anzévui vor dem gleichen Hangar wie damals. Bei laufendem Rotor steigt er in den Helikopter. Es geht an der Südwand des Weisshorns vorbei. Dann zieht der Pilot dicht über den Hohlicht Gletscher, weiß gleißend liegt das zerklüftete Eis fünf Meter unter der Maschine. Anzévui nickt anerkennend. „Ein sehr guter Pilot.“ Dann kommt das Matterhorn in Sicht. Anzévui wirkt ergriffen, nimmt sein Handy heraus und macht Bilder. „Auf dem Grat habe ich gestanden“, sagt er. „Ich fühle mich, als könnte ich hier aussteigen und los fahren wie damals.“

An jenem Tag tritt er auf dem Gipfel des Matterhorns mit den Skiern den Schnee etwas platt, um eine bessere Standfläche zu haben. Er blickt gen Himmel, atmet einmal tief durch. Dann greift er hinter sich und zieht zwischen seinem Rücken und seinem Rucksack einen Eispickel hervor. Genau dorthin steckt er stattdessen einen Skistock. Dann rutscht er los, quert den Hang, der fast senkrecht und mit Felsen durchsetzt unter ihm abfällt. Es ist wie in einem Boxkampf, ein vorsichtiges abtasten mit einem übermächtigen Gegner. Dann der erste Schwung – Anzévui springt, dreht die Ski in der Luft um 180 Grad und kommt einen halben Meter weiter unten wieder auf. 

Er steht und tastet sich weiter zwischen Steinen hindurch, wechselt den Eispickel von der einen in die andere Hand. Immer hält er ihn bergseitig, als Sicherung. Falls er fällt, so hofft er, kann er sich damit im Eis Halt verschaffen und einen Absturz verhindern. Das Ganze wirkt weniger wie Skifahren, eher wie ein Balance-Akt am Abgrund. Wenn man den Film von der Abfahrt jemanden zeigt, wispern Zuschauer durchgehend „Oh Gott oh Gott“ oder „Mama Mia“.

Bruno Jelk, der ehemalige Rettungschef von Zermatt, sitzt in einem Café in Zermatt. Der Bart des heute 76-Jährigen ist ergraut. „Der Anzévui war einer der besten Extremskifahrer in den 80ern“ sagt er. „In der Nordwand ist außer ihm meines Wissens niemand gefahren, durchgehend ist das auch gar nicht möglich – es gibt darin einfach senkrechte Felswände.“

Auf den Filmaufnahmen von damals – gedreht aus einem Hubschrauber – ist zu sehen, wie Anzévui diese Passage überwindet. Es ist ein fixes Seil in der Wand, das umpackt er und lässt sich daran herunter, die Ski, quer zum Hang gestellt, rattern dabei über den Fels. Was nicht zu sehen ist (was Anzévui aber nie verschweigt): die 150 Meter, die er auf der Ostseite gar nicht fahren konnte, wegen des Lawinenabgangs in der Vornacht, und die er deshalb per Hubschrauber umgesetzt wurde. Unterhalb der Felswand fährt er wieder Ski, einmal brüllt jemand aus dem Hubschrauber wie von Sinnen, dass er einen anderen Weg nehmen soll, als den, den er eingeschlagen hat.

Dann macht er einen Stoppschwung genau vor einem Abgrund. Als Zuschauer ist man erleichtert, als Anzévui auf dem Eisfeld am Fuße des Matterhorns angekommen ist und endlich ein paar schöne Schwünge in den Schnee ziehen kann, ohne dass die Gefahr besteht, dass er abstürzt. Heute könnte man dort gar nicht mehr fahren, denn der Matterhorn-Gletscher ist durch den Klimawandel geschrumpft. Mit Anzévuis elegantem Wedeln endet der Film – und auch Anzévuis Zeit im Rampenlicht.

Matterhorn: In Zwermatt erinnert sich heute kaum jemand an die Ski-Abfahrt

Fragt man heute in Zermatt, findet man kaum Menschen, die sich an Anzévuis Fahrt erinnern. Das deutschsprachige Magazin „Prime Skiing“, Redaktion in München, widmete Ende 2018 eine Story den Pionieren des Steilwandfahrens – und Anzévui wird nicht einmal erwähnt. Im Internet findet man den Film seiner Matterhorn-Abfahrt nicht. Wie kommt es, dass seine Pioniertat vergessen ist?

Bruno Jelk lächelt und zieht die Augenbrauen nach oben. „Der Anzévui ist keiner, der mit Vorträgen durchs Land reist“, sagt er. „Er ist ein einfacher Bergführersohn, der diese extremen Abfahrten eher für sich gemacht hat.“ Aber der Sponsor von einst? Jelk zuckt die Schultern, als verstehe er bis heute nicht, wie das zu Anzévui gepasst hat.

So kam es, dass die Matterhorn-Abfahrt für die Bergführer als Marketing-Gag galt, dem man keine Beachtung schenkte. Für den Sponsor war es ein Werbemaßnahme, die nicht aufging. Lacroix war bereits im Niedergang, kurze Zeit später wurde die Firma verkauft, ging dann in Konkurs – die gleichnamige heutige Firma hat neue Eigentümer und ist nicht der rechtliche Nachfolger. Das für die Matterhorn-Abfahrt versprochene Geld bekam Anzévui nie. Sogar die Original-Ski wurden ihm genommen, um damit Werbung zu machen. Anzévui will über diese Ungerechtigkeit heute nicht mehr reden. „Ich kann ruhig schlafen.“

Wiederentdeckt von der jungen Generation

Es war die junge Generation, die Anzévui wieder entdeckte. Samy Anthamatten und Jérémie Heitz versuchten sich an Steilwänden – und auf einmal hörten sie, wie viele davon Anzévui schon gefahren hatte. Im Film „La Liste“, wird er denn auch gewürdigt. „Da oben auf dem Matterhorn auf Skiern zu stehen, das alleine ist schon krass“, sagt Samy Anthamatten. Die Nordwand des Matterhorns sei für ihn heute weniger interessant, weil man sie gar nicht komplett fahren könne. „Aber ich bin stolz, dass wir die Tradition von Dédés Abfahrten fortführen und er uns dafür schätzt.“ Seitdem sie sich kennenlernten, sehen sie sich etwa einmal im Jahr.

Später am Abend, zurück beim Abendessen im Hotel du Pigne. Drei mal, erzählt Anzévui, sei er verheiratet gewesen. Er lacht. „Das reicht.“ In seinem Leben gebe es keinen Platz für eine Frau. „Nach der Tour mit den Gästen geht man noch in die Bar – und dann muss ich auch noch ständig nachts den Schnee räumen.“ Er schüttelt den Kopf. „Jérémie und Samy, sie sind in meinem Herzen – sie sind meine Familie.“ Er sagt, er wolle sich wieder gut in Form bringen, mit Jérémie und Samy würde er noch mal eine Abfahrt wagen – sogar vom Matterhorn.

Vor rund 155 Jahren wurde das Matterhorn zum ersten Mal von Menschen bestiegen. Zum 150. Jubiläum gab es ein Theaterstück.

Außerdem ziert das Matterhorn eine Fülle von Produkten.

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