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Wenn sich die Rap-Geschichte als Farce wiederholt: Bushido.

Bushido

Die Skandalisierungsmasche funktioniert

Der Berliner „Gangsta-Rapper“ Bushido zelebriert ganz offen Gewaltfantasien, Homophobie und Antisemitismus. Klaus Wowereit will ihn deswegen anzeigen.

Von Thomas Rogall und Markus Schneider

„Was stört es die Eiche, wenn sich ein Wildschwein dran schubbert“, hätte Klaus Wowereit sagen können. Oder: „Bushido? Der soll doch in seiner Villa in Kleinmachnow bleiben, statt hier in Berlin den sozial abgehängten Gangsta-Rapper zu mimen. Ich werde den Dreck, den der Herr produziert, nicht mit einer Stellungnahme aufwerten.“

Hätte der Regierende Bürgermeister alles sagen lassen können zu einem, dieser Tage per Video veröffentlichten Bushido-Text, in dem Dummheit und Aggression, namentlich gegen Politiker und Schwule, auf das Unangenehmste vereint sind. So klingt das dann in dem zusammen mit Rapperkollegen Shindy aufgenommenen Stück: „Ich schieß’ auf Claudia Roth, und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz.“ Das findet die Grünen-Politikerin natürlich „menschenverachtend“, lässt es aber dabei bewenden.

Youtube hat Video entfernt

Der Regierende SPD-Oberbürgermeister der Hauptstadt wird – quasi als Drohpotenzial gegen den Rapper Kay One, mit dem Bushido in Fehde liegt (ein ebenso hohles wie ritualisiertes Muss in HipHop-Kreisen, Direkt-Import aus den USA, wo das dann auch tatsächlich tödlich enden kann) – mit folgendem Satz vorgeführt: „Du wirst in den Arsch gefickt wie Klaus Wowereit.“

Außerdem gibt es noch eine ironiefreie Todesdrohung gegen den FDP-Politiker Serkan Tören, der vergeblich dagegen protestiert hatte, dass Bushido 2011 einen Bambi für Integration verliehen bekam: „Ich will, dass Serkan Tören jetzt ins Gras beißt, yeah, yeah. Was für Vollmacht, du alte Schwuchtel wirst gefoltert.“ Des Weiteren werden noch dem Bundes- und dem Landeskriminalamt sowie einem harmlosen TV-Unterhalter Gewalt angedroht: „Ich verkloppe blonde Opfer so wie Oliver Pocher.“

Klaus Wowereit jedenfalls hat sich gegen das Ignorieren dieser Hasstiraden entschieden, die im Prinzip kaum nennenswert anders auch auf einer Neonazi-CD hätten erscheinen können, sieht man davon ab, dass die „Opfer“ bei Bushido blond sind. „Wir werden am Montag Strafantrag wegen Beleidigung stellen“, sagt der stellvertretende Senatssprecher Bernhard Schodrowski, außerdem würden weitere „rechtliche Schritte geprüft“.

Eine Unterlassungsklage hat sich vorerst erledigt, weil Youtube das Schwarz-Weiß-Video am Wochenende nach allerlei Protesten aus dem Netz nahm – unter anderem von den Beschimpften und Bedrohten selbst sowie vom Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU). „Die Justiz muss schnell handeln“, fordert Henkel, und der christdemokratische Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach befindet: „Die Todesdrohungen sind ein ernstzunehmender Vorgang.“

Die Skandalisierungsmasche funktioniert

Bushido, bürgerlich Anis Mohamed Ferchichi, sitzt unterdessen an seinem Smartphone, twittert, schiebt unbeeindruckt von dem Tohuwabohu noch eine Beleidigung gegen den schwulen Bundestagsabgeordneten Volker Beck nach und lädt zu einer Autogrammstunde in einem Medienmarkt im Niedersächsischen. Die Skandalisierungsmasche des Rappers hat auch diesmal wieder funktioniert, sie rechnet sich besser und bringt mehr Aufmerksamkeit als die üblichen Marketingkampagnen – Shindy veröffentlicht auf Bushidos Label „ersguterjunge“ nämlich gerade sein erstes Album.

Bushido hat Millionen Tonträger verkauft, die Beleidigung eines Steglitzer Ordnungsamtsmitarbeiters als „Vollidioten“ wegen eines Strafzettels schlug 2010 mit 19.500 Euro Geldstrafe nur unwesentlich zu Buche. Zuvor waren schon mal 10.500 Euro fällig, weil der Rapper einen Polizisten mit „Affe“ und „Hampelmann“ beleidigt hatte. Das zeigt immerhin, dass die in den jetzt inkriminierten Texten verwendete Sprache aus seinem tatsächlichen Wortschatz kommt.

Ansonsten aber wiederholt sich bei ihm die Rap-Geschichte als Farce. Angetreten im Fach des Gangsta-Raps vertritt er nahezu nichts, was dem Genre von den USA her einst zu Fans und Millionen verhalf. Jay-Z stieg mit seinen Geschichten vom Dealer zum Halbmilliardiär und Großmagnaten auf und zwingt heute mit einem kleinen Ausflug nach Havanna sogar seinen SMS-Freund Barack Obama zum Statement. Bushido, einst zu einer Woche Gefängnis verurteilt und danach zu einer Lackiererausbildung überredet, muss sich wegen Steuerhinterziehung verantworten und seine stets berappten Mafiaverbindungen ankreiden lassen.

Unbeholfene Elogen

Der bekannteste Gangsta-Rapper Deutschlands hatte auf seinem Weg „Vom Bordstein bis zur Skyline“, wie sein erstes Erfolgsalbum 2003 hieß, praktisch keine Konkurrenz. Sein Kumpel Sido – wie er damals beim strategisch kontroversen Berliner Label Aggro unter Vertrag, mittlerweile jedoch eher der Kurt Krömer des HipHop – bediente zwar ähnlich das Klischee vom geschmacklos rüpelnden Prekariatsschreihals, aber das immerhin mit sprachlichem Witz und Gefühl für Reim und Meter. Nichts davon trifft auf Bushido zu, der nicht nur seine frühen ekligen Schwulen- und Frauenverachtungen sondern auch die zahmeren Majortracks frei von Sinn und Versmaß daherspricht.

Die US-Vorbilder berichteten in grellen, anspielungsreichen Bildern und mit raffinierten Reimmustern vom wilden Unterbauch der City, aus der Welt cooler Unterwelts-Unternehmer oder von Partys wie beim großen Gatsby. Bei Bushido klang Größenwahn zum Beispiel 2007 so: „Wer ist dieser eine Universal Soldier?/ ich sitz zuhause und schreibe die Words auf dem Sofa/ mittlerweile bist du ein perverser Opa/ von mir gibts Merchandise und diverse Poster/ und ich lebe bis ich sterb/ das ist la vida loca.“ Auf dem Sofa rumhocken und Billig-Action gucken, bis man stirbt, das ist eine Sehnsucht, die auch seinem Zielpublikum einleuchtet. Dazu passten unbeholfene Elogen auf Mutter, Freunde und keusche Mädchen, wie umgekehrt soziale Randgruppen und Frauen als „Spasten“, „Autisten“, „Schwule“ und „Nutten“ zu leichten „Opfern“ wurden.
In der deutschen Celebrity-Kultur bekommt man dafür Echo-Preise, Bravo-Cover und eine verfilmte Autobiographie, die 2009 der stets historisch inspirierte Bernd Eichinger besorgte. 2011, im Bambi-Jahr, erschien Bushidos Album „Jenseits von Gut und Böse“. Darauf rappt er mit der Macht einer Bausparwerbung: „Wir besaßen wirklich nichts/ deshalb sparten wir auf all die Dinge, die ich jetzt besitz/ Haus und Garten/ ich leb einfach unsern Ghettotraum.“ Andererseits kommt er dort auch – im Stück „Verreckt“ – in einem sehr freien Gedankenstrom von Drogen über Autisten, die „nix ficken“ hin zu Casting-Shows wie „Popstars“ oder „DSDS“: „In meinen Augen seid ihr alle nur Dreck, verreckt.“

Das Problem ist: Das Publikum

Jedes Mal gab es Schlagzeilen und jedes Mal die kritische Erkenntnis, dass seine Texte dumm und roh sind. Das Problem ist: Das Publikum, das das offenbar hören will, ist dankbar und zahlreich. Bushido gilt als erfolgreichster Rapper Deutschlands, dagegen wird die Staatsanwaltschaft auch diesmal nicht ankommen. Über 670.000 Mal wurde das „Stress“-Video im Netz angeklickt, bevor Youtoube es entfernte. Offenbar bedient Bushido Bedürfnisse einer Klientel, für die er stellvertretend jenen Zivilisierungsprozess verhindert oder aufhält, der wegführen soll von Gewalt, Frauen- und Schwulenfeindlichkeit und sublimem Antisemitismus.

Vielleicht sollte sich Klaus Wowereit eher mit dem in Schulen und Jugendeinrichtungen oftmals unkritisch akzeptierten und mit öffentlichem Geld geförderten HipHop-und-Rap-Phänomen befassen, mit dem wohlmeinende Pädagogen die Jugendlichen „da abholen wollen, wo sie sind“.

Die Frage ist nur, wo diese Musikkultur die Jugendlichen hinbringt: sozial nach oben jedenfalls nicht. Gegen die Botschaft eines Bushido, der das Ghetto als identitätsstiftende Perspektive und Gewalt als Lösung predigt, kommt kein Gemeinschaftskundelehrer an, nicht in Berliner Problemvierteln wie Neukölln oder Wedding, nicht im Frankfurter Gallus, auch nicht im Hamburger Wilhelmsburg oder sonstwo – im übrigen ist keines der genannten Viertel auch nur annähernd so etwas wie ein Ghetto.

Provokation ist im eigentlich sterilen deutschen Gangsta-Rap ein Marktsegment, auf dem man sich immer wieder neu positionieren muss, damit die Lieder weiterhin aus dem Smartphones in der U-Bahn plärren. In den USA ist das von den Rap-Unternehmern bereits gewinnbringend vorgeführt worden.

Bushido mag seine Hardcore-Fans damit irritiert haben, dass er Ausflüge ins gutbürgerliche Fach, in Talkshows, zu Filmgalas und Preisverleihungen unternommen und sogar ein Praktikum im Bundestag bei einem CDU-Abgeordneten absolviert hat. Aber diese Fans hat es sicherlich beruhigt, als das Magazin „Stern“ groß über Bushidos Geschäftsbeziehung zu einem libanesisch-palästinensischen Berliner Clan berichtete, der laut Polizei in den Branchen Türstehergewerbe, Drogenhandel und Prostitution tätig ist.

"Musik ist ungefähr 20 Prozent"

Der Leitende Oberstaatsanwalt Andreas Behm sagte im April dieses Jahres in einem Interview der Berliner Zeitung, dass viele männlichen Mitglieder des Clans der organisierten Kriminalität angehörten und innerhalb des Clans mafiöse Strukturen festzustellen seien. So ist einer der Drahtzieher des in Berlin spektakulären Pokerraubs im Hotel Hyatt am Potsdamer Platz 2010 Mitglied des Clans. Er wurde zu sieben Jahren verurteilt. Geschäftspartner, die zu Bushidos Texten passen.

Aber es gibt noch eine andere Erklärung dafür, warum die Texte von Bushido so sind, wie sie sind. In einem Interview wurde er gefragt, ob er denn zum Rappen überhaupt noch Zeit habe. Bushido antwortete: „Ja, aber zum Glück muss ich das nicht so oft machen. Wir haben vier Monate Vertrag verhandelt und sechs Wochen Musik gemacht. Musik ist ungefähr 20 Prozent und Geschäft ist 80 Prozent.“

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