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Gegner des Bauvorhabens protestieren in Moskau.

Atommüll in Russland

Skandal im Sperrgebiet

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An einem Uferhang im Süden Moskaus wurden 60 000 Tonnen nuklearer Reststoffe entdeckt. Die Stadtregierung aber will die Strahlung dort nicht wahrhaben und eine Autobahnbrücke bauen – doch Anwohner wehren sich.

Jemand hat ein kleines, gelbes Dreieck mit einem schwarzen Flügelrad, dem Zeichen für Atomstrahlung, auf einen Baumstamm geklebt. Jemand hat ein anderes gelbes Dreieck wieder abgerissen. Die Böschung ist steil, ihr Unterholz kaum vom Herbst gelichtet. Moskauer Niemandsland? Das Dosimeter knarrt wieder, Iwan Kondratjew hält es an einem Stativstab in ein Erdloch. Das Display zeigt 8,6 dann 9,8 schließlich 10,1 Mikrosievert pro Stunde. Und rot schimmernde Buchstaben: „Gefährliche Radioaktivität.“ Zum Vergleich: In der Sperrzone von Tschernobyl, am Eingang zum Unglücksreaktor, werden jetzt 1,2 Mikrosievert registriert. „Techniker des Katastrophenschutzministeriums haben hier sogar schon 61 Mikrosievert gemessen. Das Dreihundertfache der Norm“. Iwan Kondratjew, 61, Umweltaktivist, steht mit seinem Dosimeter auf einer Atommüllkippe.

In den Hängen unterhalb der „Moskauer Fabrik für Polymetalle“ im Süden der 12,4-Millionen-Seelen-Stadt, lagern nach Angaben des Verbraucherschutzamtes Rospotrebnadsor mindestens 60 000 Tonnen Nuklearabfälle. Die S-Bahn-Station „Moskwaretschje“ ist nur einen Steinwurf entfernt, unten schimmern ihre Gleise, weiter links der Fluss Moskwa. Eine halbwilde Halde neben dem Park der alten Zarenresidenz Kolomenskoje, jahrzehntelang vergessen, jetzt aber Objekt heftiger Begierden, Ängste und Proteste. Die Stadt Moskau will eine Autobahnbrücke in den radioaktiven Hang zwischen Fabrik und S-Bahn bauen. Es klingt nach einem atomaren Schildbürgerstreich.

Nach Ansicht von Umweltschützern ist Russlands Geografie übersät von strahlenden Flecken. Nukleare Reststoffe lagern in metallgedeckten Betonwannen zwischen. Man hat sie flüssig in die Erde gepumpt oder in den nächsten Fluss gegossen, wie in der Atomfabrik Majak im Südural. Oder im festen Zustand Straßengräben und Schlaglöcher mit ihnen aufgefüllt. „Bis in die 60er Jahre hat kaum jemand die Radioaktivität ernst genommen“, sagt Andrei Oscharowski, Atommüllexperte des Fachportals „Besopasnost RAO“. „Auch Amerikaner und Franzosen haben ihren Atommüll ins Meer geschüttet.“ Und jetzt wollten die Japaner das radioaktive Kühlwasser des havarierten Kernkraftwerks Fukushima in den Pazifik kippen.

Allerdings wird das Vorhaben der Japaner seit Monaten international heftig diskutiert. In Moskau und ganz Russland aber behandelt man das Thema Atommüll bis heute mit Vorliebe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und außer mit Informationen geizen die Behörden auch mit Geld.

Seit 1949 produzierte die Sowjetunion mit Hochdruck kernwaffenfähiges Material. Auch in der Moskauer Polymetallfabrik wurde aus radioaktiven Erzen Thorium für militärische Atomprojekte filtriert. Kein Ort des Glücks. „Die Großeltern meines Nachbarn haben dort gearbeitet, beide sind an Krebs gestorben“, sagt der Tischler Andrei aus dem Plattenbauviertel Saburowo auf der anderen Seite der S-Bahn-Linie. Anwohner und Umweltaktivisten erzählen, das Werk habe einen Großteil seiner Abfälle in den Hängen deponiert, sie später mit Lehm bedeckt, das Territorium sei bewachtes Sperrgebiet gewesen. Jetzt aber ist der Besitzer nicht mehr die Fabrik, die zu der für die Atomindustrie zuständigen Staatsholding Rosatom gehört, sondern die Stadt. „Mit dem Besitzer“, räsoniert Kondratjew, „wollen sie wohl auch das Problem degradieren.“ Der Wellblechzaun hat Lücken, dahinter zeugen Trampelpfade und leere Flaschen von regem Publikumsverkehr. Obdachlose haben aus Plastikplanen, Wachstuch und Ästen ein Zelt gebaut, darüber hängen rot-weiß-schwarze Ringelsocken.

Näher am Park Kolomenskoje stehen ein Kleinbus und zwei Baucontainer. Auf einem verkündet ein Schild auf Beamtenrussisch: „Komplette technische Dienstleistung zur Sicherstellung der radioaktiven Sicherheit der Einwohner der Stadt Moskau.“ Im Unterholz liegen ein paar leere schwarze Plastiksäcke, in solche Säcke schaufelten im Sommer Arbeiter der staatlichen Entsorgungsfirma „Radon“ verseuchte Erde. „Sie haben dort gegraben, wo es flach und einfach ist“, erklärt Kondratjew. „Jetzt sind sie fort. Das Ganze war nur Show.“ Der pensionierte Programmierer klettert mit der Behändigkeit eines Mannes durch die Böschung, der sich hier sehr gut auskennt. Dabei erzählt er von einer Doktorarbeit über die radioaktiven Bestandteile des Bodens, über ein Gutachten, das Greenpeace in Auftrag gegeben hat. Demnach liegen auf dieser schrägen Halde Thorium, Radium und Uran, mit Strahlenwerten zwölf Mal höher als das Minimum für Atommüll.

Die Radionuklide, die hier gelandet sind, würden vor allem Alphastrahlung abgeben, sagt später Oscharowski. „Die ist äußerlich nicht gefährlich. Aber wenn sie etwa über Staub in die Lunge gerät, kann sie tödlich sein.“ Deshalb fürchten Aktivisten wie Einwohner eine Großbaustelle, auf der womöglich radioaktivere Schichten der Halde freigelegt werden könnten. Und den Staub, den sie aufwirbeln wird. „Sollen wir immer ein Dosimeter raushalten, bevor wir ein Fenster öffnen?“, fragt die Rentnerin Tamara.

Die Anwohner protestieren seit Monaten, sammeln Unterschriften, schreiben Eingaben. Vergeblich. „Ich weiß nicht, woher dieser Lärm kommt“, erklärte Vizebürgermeister Marat Chusnullin, zuständig für Bauwesen, dem Wirtschaftsportal „RBK“. „Niemand hat mir berichtet, es gebe bei uns irgendeine radioaktive Situation. Totaler Unsinn.“

„Höhere Beamte mögen keine unangenehmen Kleinigkeiten. Vor allem, wenn es um Geld geht“, erklärt Pawel Tarassow. Der kommunistische Stadtratsabgeordnete ist selbst Doktor der Physik und unterstützt die Proteste gegen die Müllkippe und die Autobahnbrücke, die darauf gebaut werden soll. Die neue Stadtautobahn soll mehr als 10 Milliarden Dollar kosten, unter den Baugegnern gilt es als offenes Geheimnis, dass die zuständigen Amtsträger bei Auftragsvergaben mitkassieren. Und dass sie ihre Profite nicht durch die teure Entsorgung einer längst vergessenen Böschung voller Unrat schmälern wollen. Auch wenn dieser Unrat hoch radioaktiv ist.

Das Stadtbauamt behauptet, man habe dort, im Abhang südöstlich der Fabrik, wo die Brücke hin soll, nicht mehr als 0,14 Mikrosievert gemessen, bei zulässigen 0,30 Mikrosievert in geschlossenen Ortschaften. Obwohl Kondratjews Dosimeter heute auch dort an mehreren Stellen 1,20 bis 2,0 Mikrosievert anzeigt, tschernobylsche Strahlenwerte. Und obwohl die Polymetallfabrik selbst schon 2013 schriftlich vor der „möglichen Existenz radioaktiver Abfälle früherer Jahre“ und einem Brückenbau an diesem Hang warnte.

Man kann nur rätseln, wie viel Atommüll unter den Böschungen ruht. „Die Behörden geben Informationen über die wirkliche Radioaktivität hier nur sehr fragmentiert heraus“, klagt Oscharowski. Das gelte für nukleare Abfälle in ganz Russland. Niemand wisse, wo was gelagert werde. „Außer vielleicht Rosatom.“ Die Staatsholding habe die Lagerstätten im Jahr 2014 inventarisiert, aber die Liste nie veröffentlicht.

Es gibt international bekannte Plätze, wie Angarsk bei Irkutsk, wo zwölf Jahre lang auch radioaktive Abfälle aus dem westfälischen Gronau abgeliefert wurden. Der Physiklehrer Oscharowski gehörte zu den russischen Aktivisten, die Anfang des Jahrtausends gemeinsam mit deutschen Kernkraftgegnern Transporte von insgesamt 27 000 Tonnen radioaktiver Reststoffe nach Nowouralsk bei Jekaterinburg, in das westsibirische Sewersk sowie nach Angarsk östlich des Baikalsees publik machten. Obwohl der Export von Atommüll in Deutschland ebenso gesetzeswidrig ist wie der Import in Russland. „Aber sie haben Uranhexafluorid als Wertstoff deklariert“, erzählt Oscharowski. Die Gronauer Firma Urenco habe dafür gezahlt, dass die Russen ihnen diese „Wertstoffe“ abnahmen, Oscharowksi grinst. „Wir haben Rosatom gefragt, ob sie Zahnpasta daraus machen wollen.“ Aufgrund der lautstarken öffentlichen Schelte stellte 2008 das britisch-niederländisch-deutsche Urenco-Konsortium, das die Urananreicherungsanlage in Gronau betrieb, den Geschäftsverkehr mit den Russen ein. Oscharowski schenkten seine deutschen Mitstreiter damals eine Fahne der Atomkraftbewegung, die er noch heute zu jeder Umweltschutzdemo mitbringt.

In Angarsk aber lagern jetzt noch immer Hunderttausende Tonnen hochgefährlichen Uranhexafluorids in Fasscontainern unter freiem Himmel. „Russland hat durchaus die Technik, um sie in viel harmlosere Oxide zu verwandeln“, sagt Oscharowski. „Aber das kostet umgerechnet einen Euro pro Kilo, das ist den Verantwortlichen scheinbar zu teuer.“

Vor strahlendem Abfall fürchtet man sich nicht bei Rosatom. Nahe der Stadt Schelesnogorsk am Fluss Jenissei wird 450 Meter unter der Erde ein Labor gebaut, das mindestens fünf Jahre testen soll, ob das Gestein dort hart genug ist, um festen Atommüll aus Vater- und Ausland endzulagern. Sibiriens Gorleben, ein 350-Millionen-Euro-Projekt. Aber Atomkraftgegner aus der 50 Kilometer entfernten Millionenstadt Krasnojarsk fürchten, schon in der Experimentierphase könne dort heimlich Atommüll deponiert werden. Sie fordern Strahlenmessgeräte mit öffentlich zugänglichen Bildschirmen. Auf dem benachbarten Testgebiet „Sewerny“ aber wird seit 50 Jahren flüssiger Atommüll mehrere hundert Meter tief ins felsige Erdreich gepumpt. 2012 zählte man offiziell insgesamt 88 000 Kubikmeter. 2017 aber kam eine interne Präsentation an die Öffentlichkeit, darin war schon von 6,5 Millionen Kubikmetern die Rede. Experten warnen, diese nukleare Brühe könne noch in 100 Jahren ins Grund- und Trinkwasser geraten.

Ähnliches befürchtet Oscharowski für die Moskauer Atommüllkippe. „Regen- oder Tauwasser spült dauernd mit Radionukliden versetzte Erde in die Moskwa.“ Es reiche nicht, den Brückenbau abzublasen und die Müllkippe zuzubetonieren. „Sie wird doch immer ein Fass ohne Boden bleiben“, stellt auch Stadrat Tarassow fest. Die Hoffnung auf einen Sieg der Vernunft mischt sich mit Angst vor der amtlichen Bauwut. Und mit Galgenhumor. Nach der englisch-amerikanischen TV-Serie „Tschernobyl“ sei auch in Russland das Thema Radioaktivität wieder richtig in Mode gekommen, Iwan Kondratjew lächelt schräg: „Wir sollten wie in Tschernobyl auch Führungen für Touristen organisieren. Und die radioaktive Erde in Konservendosen an sie verkaufen.“ So lange, bis die 60 000 Tonnen Atommüll verschwunden sind.

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