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Sizilien: Warum Blutorangen bald blasser werden könnten

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Von: Michaela Namuth

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Auf Sizilien heißt die Orangenblüte „Zagara“ - ein Name der von dem arabischen Wort für „helles Strahlen“ stammt.
Auf Sizilien heißt die Orangenblüte „Zagara“ - ein Name der von dem arabischen Wort für „helles Strahlen“ stammt. © Federico Guida/Contrasto/laif

Das sonnige Sizilien ist ein Zitrusparadies. Und trotzdem könnten die beliebten Blutorangen bald an Farbe verlieren

Palermo – Paolo Carpinteri schneidet sacht eine Orange vom grünblättrigen Zweig ab. „Wir ernten von September bis Juni“, sagt er. Doch ringsherum im Orangenhain sprießen auch weiße, duftende Blüten. Zwischen April und Mai ist Sizilien das Land, wo die Zitronen blühen – und auch die Orangen. Zwar werden die Früchte inzwischen fast ganzjährig geerntet, doch nur im Frühjahr ist der Duft der sternförmigen Blüten so intensiv und verführerisch. Die Blüte der Zitronen und Orangen heißt auf sizilianisch Zagara. Wie die Zitrusfrüchte selbst kommt das Wort aus dem Arabischen – Zahara bedeutet helles Strahlen oder auch Blume. Die in der Tat strahlend weißen Blüten werden traditionell zu Brautkränzen oder Parfums verarbeitet.

Doch hier auf dem großen Orangenhain der Genossenschaft Isola della Natura sollen sie zu saftigen Blutorangen heranwachsen. Die Contrada Damma liegt im grünen Hinterland der antiken Küstenstadt Siracusa. An klaren Tagen sieht man von hier aus die Spitze des Ätnas – ganz klein, hinter der Landschaft aus weiten Feldern, grünen Wäldchen, hohen Kakteen und niedrigen Steinmauern. „Dem Vulkan verdanken wir das besondere Klima, in dem unsere Zitrusfrüchte reifen“, erklärt Paolo. Gemeinsam mit seiner Frau Alessandra Dibennardo und seinem Bruder Giuseppe leitet er die Geschäfte der Produzentengemeinschaft, zu der 17 Betriebe gehören. Ihre Familie besitzt 500 der 1000 Hektar Anbaufläche. Die Felder haben die Brüder vom Vater geerbt.

Orangen-Produktion auf Sizilien: Bis zu 500 Früchte an zwölf Meter hohen Bäumen

Paolo und Alessandra sind seit 18 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder. Die Isola della Natura ist ihr gemeinsames Lebenswerk. Die Landwirtschaft hat in Paolos Familie Tradition. Sein Vater hat Rinder gezüchtet. Er selbst studierte landwirtschaftliche Betriebswirtschaft. „Ich kann hier wirklich anwenden, was ich an der Uni gelernt habe“, sagt der 49-Jährige. Ehefrau Alessandra, 48, kümmert sich um Verwaltung und Marketing des ehemaligen Familienbetriebs, der jetzt eine Produzentengemeinschaft ist. Ihr Schreibtisch steht in einem grauen Verwaltungsgebäude. Nebenan liegen die Hallen, wo die Orangen und andere Zitrusfrüchte auf Laufbändern sortiert und in Kisten gepackt werden.

Viele Felder liegen weiter weg. Die beiden müssen in den Jeep steigen und über holprige und steinige Wege fahren. Sie parken auf einem schmalen Weg inmitten grüner und dicht gewachsener Orangenbäume. Ein Baum kann bis zu 500 Früchte tragen und bis zu zwölf Meter hoch werden. Aber solche Riesen gibt es selten und schon gar nicht auf den Feldern, wo mit Hand geerntet wird. Dort sind alle Bäume auf dieselbe erntefreundliche Höhe geschnitten. Auf den Hainen der Genossenschaft wachsen die roten Orangensorten Tarocco und Moro, aber auch die blonden Navel und Valencia, Pampelmusen, Clementinen, Mandarinen und Zitronen.

In Sizilien wachsen Orangen und Clementinen: Mit Klima und Boden den Reifeprozess steuern

Die Carpinteris setzen auf Vielfalt, die Probleme mit einer Sorte wie den blasseren Blutorangen immer ausgleichen kann, und experimentieren auch mit neuen Sorten: die grüne und dennoch süße Mandarine und die saftige Tacle, ein Hybrid aus Tarocco-Orange und Clementine. Jede Zitrusfrucht aus der Isola della Natura hat Bioqualität, ein Teil entspricht auch zusätzlichen biodynamischen Kriterien des Demeter-Siegels. Auf dem italienischen Markt dürfen die Blutorangen das IGP-Gütesiegel des geografisch geschützten Anbaugebiets tragen, das nur einigen Gegenden der Gemeinden von Enna, Catania und Siracusa vorbehalten ist. Von hier kommen die Orangen auch in die Regale deutscher Supermärkte und Bioläden. Die Isola della Natura liefert an die Ketten Edeka, Kaufland, Globus und bereits seit 20 Jahren an die Dennree-Biomärkte.

Die Erntezeit der Orangen wurde in den letzten Jahren ausgedehnt. „Sonst kommen alle Sorten auf einmal auf den Markt“, erklärt Alessandra, eine zierliche Frau mit langen dunklen Haaren und Brille. Der Reifeprozess der Früchte hängt vom Klima und vom Boden ab und dementsprechend kann die Ernte zeitversetzt stattfinden. Manche Felder liegen in der Nähe des Meeres. Wer dort sät, Bäume schneidet und erntet, hört das Rauschen der Wellen und spürt den angenehm kühlen Meereswind. Die Orangen reifen hier schneller als auf den anderen Feldern. Und je höher der Lehmgehalt der Mischböden, desto länger dauert der Reifeprozess. All das spielt schon beim Pflanzen neuer Setzlinge eine Rolle und funktioniert nur, wenn man genügend Felder zur Auswahl hat.

Interview mit Agronom Santo Gozzo

Herr Gozzo, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Orangen?

Seit über 20 Jahren als Agronom.

Und seit wann beobachten Sie, dass die sizilianischen Blutorangen blasser geworden sind?

Das kann ich nicht genau sagen. Aber vor acht bis zehn Jahren ist es uns das erste Mal aufgefallen. Aber eigentlich sind die Orangen nicht blasser geworden. Sie werden nur später rot und deshalb ernten wir im Laufe der Saison mehr blonde als rote Früchte. Die typische rote Farbe der Sorten Tarocco und Moro wird durch die pflanzlichen Pigmentierungsstoffe Anthozyane verursacht. Diese entstehen durch eine Art Kälteschock, wenn nachts die Temperaturen um mindestens zehn Grad sinken. Aber dieses typische Mikroklima ändert sich jetzt. Die Temperaturen fallen nur noch selten auf vier Grad.

Was sind die Folgen?

Während die nächtliche Kälte bis vor knapp zehn Jahren schon Ende November einsetzte, müssen wir jetzt bis Mitte Dezember warten. Und auch im Frühjahr werden die Nächte wieder schneller wärmer als früher. Ich befürchte, dass sich dies in Zukunft auch nicht mehr ändern wird.

Hat die Farbe Einfluss auf die Qualität?

Nein, aber viele verbinden mit der roten Farbe eine gesunde Ernährung – wie auch bei Granatäpfeln, Cranberries oder Himbeeren. Die Farbe Rot gilt als Symbol für Gesundheit. Dabei sind die helleren Orangen genauso saftig, geschmackvoll und vitaminreich.

Man kann Blutorangen auch aus anderen Ländern beziehen, wie beispielsweise Spanien.

Natürlich, aber das besondere Mikroklima am Fuße des Vulkans gibt es nur hier. Dadurch hat sich eine besondere Qualität der Orangen entwickelt, die mit anderen nicht vergleichbar sind. Die genetischen Eigenschaften ändern sich nicht. Das müssen wir den Menschen erklären.

Blutorangen-Anbau in Sizilien: Fehlende Kältenächte lassen die Früchte blasser werden

Die Blutorangen sind ein spezieller Fall. Für ihre typisch rote Farbe benötigen sie die nächtlichen Kältewellen, die von den Bergwänden des über 3000 Meter hohen und im Winter schneebedeckten Ätna das umliegende Land im Südosten erreichen. Für die rote Pigmentierung ist der Pflanzenfarbstoff Anthozyan verantwortlich. Er schützt sie gegen den Kälteschock und hat auf den menschlichen Körper eine gesunde, antioxidative Wirkung. Doch durch den Klimawandel werden die Kältewellen seltener und somit auch die starke Rotfärbung der Orangen. „Das bemerken die Kundinnen und Kunden, auch in Deutschland“, sagt Alessandra.

Doch sie weiß aus eigener Erfahrung, dass sich dadurch am Geschmack und der Qualität der Orangen nichts ändert. Sie presst täglich Saft aus und kocht Marmelade. In der siracusanischen Küche kommen die Blutorangen auch als Salat mit Fenchel, schwarzen Oliven und Zwiebeln oder als Gelo, einem süßen Fruchtgelee, auf den Tisch. In den Trattorien des barocken Zentrums der Stadt Siracusa, die 2005 von der Unesco zum Kulturschatz der Menschheit erklärt wurde, kann man aber auch Orangenrisotto kosten oder mit Blutorangen garnierten Fisch aller Art.

Anbau von Blutorangen in Sizilien: Anbau großer Mengen erst im vergangenen Jahrhundert

Ortigia, der antike Stadtkern, ist eine Halbinsel mit langer Küste und einer jahrtausendelangen Tradition der Fischküche. Die bitteren Orangen wurden im achten Jahrhundert von arabischen Besetzern eingeführt und nur wegen ihres Blütendufts und als Dekoration gezogen. Im 17. Jahrhundert soll ein genuesischer Missionar eine süße, rote Orange gezüchtet haben. Aber erst im vergangenen Jahrhundert wurden die Blutorangen in größeren Mengen angebaut und zu einem wichtigen Wirtschaftsprodukt der Sonneninsel Sizilien. Das sind sie bis heute, auch für die Familie Carpinteri.

Paolo und Alessandra setzen auf die langjährige Erfahrung einer Familientradition und auf ein ausgeklügeltes und nachhaltiges Anbausystem, um konkurrenzfähig zu bleiben, auch wenn die Blutorangen blasser und weniger verkauft werden. Dieses System wird durch die große Fläche gewährleistet, die durch die Gemeinschaft vieler Produzenten entstanden ist. Auf der Hälfte der insgesamt 1000 Hektar Land werden Zitrusfrüchte angebaut, auf 400 Hektar Hülsenfrüchte, Weizen und Gräser und auf den restlichen 100 Hektar stehen mediterrane Buschgewächse. „So garantieren wir das Überleben von Nutzinsekten und auch die Biodiversität“, erklärt Paolo.

Orangen-Produktion in Sizilien: Biologischer Dünger und rund 160 Beschäftigte pro Saison im Betrieb

Zudem hält er Rinder für deren biologischen Dung. „Das ist alles sehr arbeitsintensiv, aber für uns lohnt sich die hohe Qualität, weil sie in Europa gefragt ist“, sagt er. Und am Ende sind es viele Hände, die zum Gelingen beitragen. Im Laufe eines Jahres arbeiten rund 160 Personen auf den Feldern und in den Hallen. Alle haben Saisonverträge. Viele sind aus der Gegend und kommen seit vielen Jahren. „Wir brauchen die erfahrenen Kräfte“, so Paolo.

Auf sie kann er sich verlassen, wenn es darum geht, die Früchte direkt vom Baum so frisch wie möglich in die Regale zu bringen. Dafür setzen er und die anderen in der Isola della Natura auf eine komplett integrierte Erzeuger- und Lieferkette, bei der von der Pflanzung über die Bewässerung bis zur transportfertigen Verpackung alles unterm eigenen Dach bleibt. Es gibt keine langen Wege, jeder redet mit jedem. So werden Zwischenhändler und lange Transportzeiten verhindert. Die Orangen werden an einem Tag geerntet, sortiert, verpackt und in Kisten direkt den Fahrern übergeben, die sie dann auf dem Land- oder Seeweg gen Norden bringen.

Die Zeit der Blutorangen ist für dieses Jahr fast vorbei. Jetzt hoffen Paolo und Alessandra, wie schon so lange, dass es nach diesem Sommer mal wieder einen richtig kalten Winter gibt, der ihre Orangen erröten lässt. Aber wahrscheinlich werden sie und alle Blutorangenfans sich darauf einstellen müssen, dass die tiefroten Früchte aus dem Schatten des Vulkans künftig ein seltener Genuss sein werden. (Michaela Namuth)

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