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Suche nach Verschütteten an diesem Wochenende. Seit Jahresbeginn sind bereits 50 Menschen in der Türkei nach Erdbeben gestorben. 

Türkei

„Die Situation ist kritisch“

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Im Osten der Türkei bebt erneut die Erde - neun Menschen sterben. Das Unglück schürt die Furcht vor einer Katastrophe in Istanbul.

Bereits 50 Menschen sind in der Türkei seit Jahresbeginn bei Erdbeben ums Leben gekommen. Zwei Drittel des Landes werden von aktiven Bruchzonen in der Erdkruste durchzogen. Als besonders gefährdet gilt die Millionenmetropole Istanbul. Dort wächst die Angst vor einer verheerenden Erdbebenkatastrophe. Sie könnte für Zehntausende Menschen den Tod bedeuten. Denn die Megacity am Bosporus ist nur unzureichend auf das bevorstehende Beben vorbereitet.

Neun Menschen starben, fast 50 wurden verletzt, als am Sonntag in der osttürkischen Provinz ein Erdbeben Dutzende Häuser zum Einsturz brachte. Das Epizentrum des Bebens, das mit einer Stärke von 5,7 gemessen wurde, lag jenseits der Grenze im benachbarten Iran. Wenige Stunden später rüttelte ein Beben der Stärke 4,5 die zentralanatolische Provinz Konya durch. Dort blieb es bei leichten Gebäudeschäden. Erst vor vier Wochen war ein Erdbeben über die osttürkische Provinz Elazig hereingebrochen. Die Bilanz: 90 eingestürzte Gebäude, 41 Tote, mehr als 1600 Verletzte.

Die Katastrophen erinnern die Türken daran, dass sie in einer der seismisch aktivsten Regionen der Erde leben. Kleinasien liegt im Spannungsfeld tektonischer Platten. Hier treffen die Kontinentalblöcke Afrikas, Arabiens und Eurasiens aufeinander. Die seismisch aktivsten Gebiete liegen entlang der nordanatolischen Verwerfung. Sie verläuft über etwa 1200 Kilometer vom Iran durch die Nordtürkei und das Marmarameer bis in die Ägäis. Hier bewegen sich zwei Blöcke der Erdkruste gegenläufig aneinander vorbei. Wenn sie sich ineinander verhaken, baut sich Spannung im Gestein auf. Ist dessen Bruchgrenze erreicht, entlädt sich die aufgestaute Energie ruckartig in einem Erdbeben.

Genau das passierte am 17. August 1999. Damals brachte ein Erdbeben der Stärke 7,4 bei der Industriestadt Izmit mehr als 15 000 Gebäude zum Einsturz. Fast 19 000 Menschen starben, 120 000 Familien wurden obdachlos. Auch im mehr als 100 Kilometer entfernten Istanbul richtete das Beben Schäden an, etwa 200 Menschen kamen dort ums Leben.

Im Laufe der Jahrhunderte hat die nordanatolische Bruchzone immer wieder verheerende Beben ausgelöst. Nun sind Forscher aber einem beunruhigenden Trend auf der Spur: „Seit acht Jahrzehnten wandern die Beben entlang der nordanatolischen Verwerfung ständig weiter nach Westen, auf Istanbul zu“, sagt Professor Celal Sengör. Er ist einer der renommiertesten Geologen und Erdbebenexperten des Landes. „Dieser Trend hat 1939 begonnen und setzt sich seither kontinuierlich fort“, sagt Sengör.

Anwohner in Baskale stehen vor den Trümmern ihres Hauses. 

Ein Abschnitt der Verwerfung bereitet den Forschern jetzt besondere Sorgen: die Kumburgaz-Bruchzone, die zwischen den Istanbuler Küstenorten Silivri und Avcilar durch das Marmarameer verläuft. In diesem Abschnitt hat sich seit langem kein Beben mehr ereignet – ein Indiz dafür, dass sich die beiden Krustenplatten ineinander verhakt haben. Dort erwarten die meisten Experten das bevorstehende Beben. Im September 2019 erschütterten zwei mittelschwere Erdstöße die Region. Sie richteten nur leichte Gebäudeschäden an, aber Fachleute sehen darin den Vorboten einer großen Katastrophe. „Die Situation ist kritisch“, warnten Professor Sengör und drei weitere führende Wissenschaftler in einer gemeinsamen Erklärung.

Geologen rechnen mit einem Beben der Stärke 7,1 bis 7,7. Der Zeitpunkt ist ungewiss. Es kann sich Morgen ereignen oder in zehn Jahren, sagen manche Experten. Andere Wissenschaftler sehen ein Zeitfenster bis 2040. Sicher ist: Die Katastrophe wird kommen. Und je früher sie sich ereignet, desto katastrophaler könnten die Folgen sein. Denn trotz der beständigen Warnungen der Fachleute ist die Stadt bisher nur unzureichend vorbereitet. Eine im Auftrag der Stadtverwaltung 2017 erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass von den 1,6 Millionen Gebäuden der Stadt rund 600 000 stark erdbebengefährdet sind. Wie viele Todesopfer ein schweres Beben in der 18-Millionenstadt Istanbul fordern würde, ist strittig. Die Zahl hängt wesentlich von der Tageszeit ab, zu der es sich ereignet. Schätzungen beginnen bei 40 000 Opfern und gehen in eine Größenordnung von bis zu 100 000 Toten.

Nach dem Beben von 1999 wurden zwar neue Katastrophenpläne ausgearbeitet. So wiesen die Behörden im ganzen Stadtgebiet Flächen aus, in denen im Katastrophenfall Sammelstellen eingerichtet und Zeltstädte für Obdachlose gebaut werden sollen. Istanbuls neuer Bürgermeister Ekrem Imamoglu, der als Oppositionskandidat die Kommunalwahl 2019 gewann, wirft der Regierung aber vor, sie habe in den vergangenen Jahren viele dieser Grundstücke zur Bebauung freigegeben.

Auch die wirtschaftlichen Folgen könnten dramatisch sein. Auf die Region Istanbul konzentrieren sich 36 Prozent der Industrieproduktion und 28 Prozent der Dienstleistungen des Landes. Dort werden 31 Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Das Izmit-Beben von 1999 richtete nach Schätzungen von Volkswirten Schäden von umgerechnet elf Milliarden Euro an und ließ das türkische BIP um 3,4 Prozent schrumpfen. Die Katastrophe hatte auch massive politische Konsequenzen. Sie legte die weit verbreitete Korruption bei den Bauämtern und schwere Versäumnisse beim Katastrophenschutz offen. Damit erschütterte das Beben auch das Vertrauen vieler Türken in die damals dominierenden politischen Parteien. Die Bürger bereiteten ihnen bei den Parlamentswahlen von 2002 eine vernichtende Niederlage und brachten als neuen Hoffnungsträger Recep Tayyip Erdogan und seine AKP an die Macht.

Seither regiert Erdogan die Türkei ununterbrochen. Aber ein großes Erdbeben in Istanbul könnte auch die Fundamente seiner Regierung erschüttern. Die Wirtschaftsleistung der Türkei hat sich seit 1999 mehr als verdreifacht. Entsprechend gravierender wären heute die wirtschaftlichen Folgen einer Bebenkatastrophe. Eine Studie des Kandilli-Forschungsinstituts für Erdbeben beziffert die zu erwartenden Schäden auf 20 Milliarden Euro. Andere Schätzungen gehen in eine Größenordnung von 50 Milliarden. Das wären fast sieben Prozent der letztjährigen Wirtschaftsleistung.

Geologen rechnen mit einem Beben der Stärke 7,1 bis 7,7

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