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Ganovin? Designerin?

Hochstaplerin

Sind nicht alle ein bisschen Anna?

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In Russland wird Anna Sorokins Schuldspruch auch mit Stolz und Mitgefühl aufgenommen.

Sie sei immer verrückt nach Mode gewesen, habe mit 13 Jahren angefangen, Hochglanzjournale zu kaufen, zitiert die Zeitung „Komsomolskaja“ eine russische Schulfreundin. „Sie wollte kein Modell werden, sondern Publizistin. Und unser Lieblingsfilm war ,Mean Girls‘. Ihr gefiel, dass die Heldinnen dort so negativ waren.“

Anna Sorokin alias Anna Delvey hat den fiesen Mädchen aus der Hollywood-Kömodie bis zuletzt nachgeeifert, sie sogar übertrumpft. In teuren Markenklamotten und mit perfektem Make-up bemühte sie sich, die Leute zu beeindrucken und zu manipulieren. Am Ende allerdings ohne Erfolg. Zwar vermerkte das Modejournal „GQ“ anerkennend, ihre Anwälte hätten für den Prozess die Starstylistin Anastasia Walker angeheuert. Und Sorokin hätte in ihrer riesigen Celine-Brille und ihrem Miu-Miu-Kleid auch vor Gericht eher wie eine Designerin ausgesehen als wie eine Ganovin, die ihre Hotelrechnungen nicht bezahlt.

Die Richterin verurteilte die stilsichere Hochstaplerin trotzdem: Sorokin erhielt wegen Betrugs eine Gefängnisstrafe von vier bis zwölf Jahren je nach guter oder schlechter Führung. Die russische Öffentlichkeit nimmt den Schuldspruch mit einer Mischung aus Mitgefühl und einem gewissen Stolz zur Kenntnis. „In jedem von uns steckt ein bisschen Anna Delvey“, titelt die „Komsomolskaja Prawda“.

Der Aufstieg vor ihrem Fall war atemberaubend. Sie stammt aus Domodedowo, einer Trabantenstadt bei Moskau, ihr Vater war Lastwagenfahrer, die Mutter Hausfrau, in ihrer russischen Schule galt sie als sprachbegabte Musterschülerin, aber auch als notorische Intrigantin. Mit 16 siedelte sie mit ihrer Familie in das mittelrheinische Eschweiler. Ihre deutschen Mitschüler sollen sie „Barbie“ genannt haben, wegen ihrer Neigung zu Markentextilien.

Anna begann in London Kunst zu studieren, wechselte als Praktikantin zur Pariser Modezeitschrift „Purple“, zog 2017 nach New York. In Soho quartierte sie sich als Anna Delvey für 400 Dollar pro Nacht in einem Klubhotel ein und erzählte, ihr deutscher Vater, ein Sonnenenergie-Magnat, habe ihr 60 Millionen Euro vererbt. Sie freundete sich mit reichen New Yorkern an, die ihre Rechnungen bezahlten, ihr Geld liehen, selbst Finanzprofis fielen auf ihre Bitten herein, auch Annas Flugtickets oder Luxushotels mit der eigenen Kreditkarte zu zahlen.

Butina, Rybka, Sorokin

Ihr Vater handelt in Eschweiler mit Klima-Anlagen. Er glaubt, die Bank-Mitarbeiter, bei der sich Anna zuletzt um einen 25 Millionen-Dollar-Kredit bemühte, seien selbst schuld. „Sie haben ihr allerlei Angebote gemacht, haben versucht, sie ins Bett zu kriegen.“

„Sorokin nutzte nicht nur die klassischen Grundlagen jeder Betrügerei, die Fähigkeit Menschen kennenzulernen und sich in

ihr Vertrauen zu schleichen“, schreibt das Nachrichtenportal „newsru.com“, „sondern auch die Besonderheiten unserer modernen Gesellschaft, in der Instagram wichtiger ist als reale Dokumente.“ Im russischen Halbweltmilieu kein Einzelfall. Die russische Jungagentin Maria Butina, die in Washington versuchte, in Donalds Trumps enge Umgebung zu gelangen und im April zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt wurde, hatte sich im Internet als Feuerwaffen-Lobbyistin mit Sexappeal präsentiert.

Aber Russlands leichte Mädchen scheitern auch oft an ihrer virtuellen Eitelkeit. So postete Nastja Rybka, weißrussisches Eskortgirl und Sexbloggerin, Videos, die sie auf einer Jacht mit dem Milliardär Oleg Deripaska und dem Regierungsbeamten Sergei Prihodko zeigen und löste damit einen Korruptionskanal aus. Rybka forderte Deripaska auf, sie zu heiraten, um ihre Ehre zu retten. Stattdessen läuft jetzt ein Verfahren wegen Prostitution gegen sie.

Am Ende wiederholte auch Sorokin ihre Frechheiten zu oft. Und die Ratschläge ihrer Stylistin konnten sie vor Gericht auch nicht vor der Verurteilung schützen. Einziger Trost: Die Filmfirma Netflix hat die Rechte an Sorokins Geschichte gekauft. Bleibt abzuwarten, ob ihr Honorar ausreicht, um ihre Schulden und Bußgelder von 224 000 Dollar zu begleichen.

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