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Sind Auslandsadoptionen „postkoloniale Pseudohilfe“?

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Von: Felix Lill

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Als Flüchtlingsbotschafterin für die Vereinten Nationen ist Angelina Jolie oft mit Kindern in Krisenregionen zu sehen. Sie selbst hat drei Kinder adoptiert.
Als Flüchtlingsbotschafterin für die Vereinten Nationen ist Angelina Jolie oft mit Kindern in Krisenregionen zu sehen. Sie selbst hat drei Kinder adoptiert. © Imago

Von Benefizkonzerten bishin zur Adoption von Waisenkindern: Stars der Popindustrie lassen sich gern als Wohltäterinnen und Wohltäter feiern. In Uganda prangert die Organisation „No White Saviors“ das an

Wenn Rwothomio Gabriel sieht, wie Madonna und Angelina Jolie Kinder aus Afrika oder Südostasien adoptieren, wird er wütend: „Damit wird die Idee westlicher Überlegenheit auch hier weiter eingewurzelt“, sagt er mit gereiztem Blick. „Mehr Leute denken dadurch doch: Oh, wenn Kinder in den Westen gehen, haben sie bessere Chancen auf ein erfolgreiches Leben.“ Aber das sei ein Trugschluss. „Wenn das Kind dann geht, stellt sich oft heraus, dass es nicht mehr zurückdarf. In sehr vielen Fällen findet hier eine Trennung der Kinder von ihren Familien statt.“

Rwothomio Gabriel ist Sprecher der NGO „No White Saviors“ (NWS), die im ostafrikanischen Uganda beheimatet und quer über den afrikanischen Kontinent vernetzt ist. Die gängige Praxis der Adoption vermeintlicher Waisenkinder durch Menschen aus reicheren Ländern sieht NWS als deutlichstes Beispiel von „White Saviorism.“ So wird das Phänomen bezeichnet, in dem sich Menschen aus reichen Ländern als globale Wohltäter geben, obwohl ihr Verhalten kaum Gutes bewirke oder sogar Schaden anrichte – und die ärmsten Länder der Welt damit weiter arm halte.

Besonders sichtbar werde dies bei solchen Personen, die besonders viel Öffentlichkeit genießen, zum Beispiel Sängerinnen oder Schauspieler. Gabriel, ein schmächtiger 24-Jähriger mit kurzen Locken, sitzt in einem modernen Kulturzentrum in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, und schüttelt die Beispiele nur so aus dem Ärmel. „Bei der Schauspielerin Angelina Jolie zeigt sich zum Beispiel, dass sie ein Kind adoptiert hat und behauptete, es sei eine Waise. Aber vor kurzem gab es Berichte, die zeigten, dass der Vater noch am Leben war. Was sagt uns das?“

Ein anderes bekanntes Beispiel sei die Sängerin Madonna, die mehrere Kinder adoptiert hat. „Madonna zeigt ihre Kinder ständig auf den sozialen Medien. Das soll doch auch vermitteln, dass sie geholfen hat, als sie nach Afrika kam.“ Rwothomio Gabriel hebt den Zeigefinger und fragt: „Aber wer profitiert von all diesen Kameras? Die Kinder? Nein, Madonna selbst! Denn die Botschaft ist, dass Madonna ein guter Mensch ist.“

Seit einigen Jahren macht NWS, eine Gruppe überwiegend junger Menschen aus Kampala, über soziale Medien weltweit sowie mit Bildungsveranstaltungen in der ugandischen Hauptstadt auf das aufmerksam, was sie als eine Art postkoloniales Pseudohelfersyndrom betrachten. In Kampala unterhält die Organisation auch ein Café sowie eine Bibliothek, die nach Thomas Sankara benannt ist, dem postkolonial und panafrikanisch eingestellten einstigen Regierungschef von Burkina Faso. Sankara wurde in den 1980er Jahren zur Ikone für die Vision eines selbstbewussten, postkolonialen Afrikas.

Und offenbar trifft NWS einen Nerv: Mit teils scharfer Kritik an vermeintlich wohlmeinenden Personen hat die Organisation mittlerweile an die 900 000 Abonennt:innen auf Instagram. NWS ist mittlerweile so groß, dass sie auch selbst nicht mehr frei ist von Kritik. So wurde der Organisation vorgeworfen, durch Hetzkampagnen nicht nur die Karrieren und Leben mehrerer Influencerinnen und Influencer zu zerstören, sondern durch Publicity auch daran zu verdienen. Die verbreiteten Vorwürfe seien teils überzogen oder sachlich falsch.

Dabei ist NWS nicht die einzige Organisation, die sich mit White Saviorism und Kindesraub sowie verwandten Praktiken kritisch auseinandersetzen. So zog im vergangenen Jahr auch der Dokumentationsfilm „The Stolen Children“ in Zweifel, dass der 2002 von der Schauspielerin Angelina Jolie adoptierte Maddox aus Kambodscha tatsächlich ein Waisenkind war. Die Agentin, die offenbar auch diese Adoption arrangierte, war schon früher für gefälschte Dokumente anderer Kinder festgenommen worden.

Bei der Sängerin Madonna zeigte sich, dass der 2006 aus einem Waisenheim in Malawi adoptierte Junge David noch einen lebenden Vater hatte. Kinderorganisationen kritisierten damals ohnehin den Schritt, das Kind in eine fremde Kultur zu bringen, statt es in der Region zu behalten. Die NGO „No White Saviors“, die unter anderem auch adoptierten Kindern oder deren Eltern Rechtshilfe anbietet und Aufklärungsarbeit leistet, erkennt bei internationalen Adoptionen oft ein großes Maß Egoismus.

„No white Savior“

Der Social Media Account , dem inzwischen eine NGO entwachsen ist, befand sich im

Sommer 2022 selbt im Zentrum einer Kontroverse.

Die beiden Gründerinnen Olivia Alaso aus Uganda und Kelsey Nielsen aus den USA starteten den Account No White Saviors 2018. Sie kritisierten unter anderem die Nutzung von Schwarzen Kindern als Requisiten in den PR-Kampagnen internationaler Hilfsorganisationen und erlangten damit schnell Aufmerksamkeit.

Interne Streitigkeiten zwischen den Gründerinnen, bei der mitunter Nielsen vorgeworfen wurde, Spenden an die Organisation „Geisel zu halten“, führten zu einem öffentlichen Zerwürfnis, zu dem beide Gründerinnen sowohl auf ihren privaten Accounts als auch gegenüber der Presse Stellung nehmen mussten.

Laut offiziellen Statements von Alaso und NWS, habe man sich in der Organisation nun umstrukturiert. Es handele sich nun um eine Scharze, Afrikanisch-geführte NGO, die weiterhin über das Phänomen „White Saviorism“ aufklären möchte. vale

„Wenn es den Adoptierenden wirklich um das Kindswohl ginge, wäre es doch besser, wenn man einfach Geld an die Familien schickte, damit diese das Leben ihres Kindes und sich selbst besser finanzieren können“ so Rwothomio Gabriel. „Wirtschaftlich gesehen wäre es doch auch effizienter, wenn hier einfach Aufbauarbeit geleistet würde, statt die Kinder aus ihrem Umfeld zu reißen.“ Es entstehe aber der Eindruck, es gehe gar nicht um die Kinder oder das Land, aus dem sie kommen. „Das Ganze ist nie wirklich darauf ausgelegt, das Problem an seiner Wurzel zu lösen.“

Vermeintliche Entwicklungshilfe als PR-Maßnahme für Promis? Dieser Vorwurf besteht gegenüber der Popindustrie schon länger. Die Charity-Aktionen von Popgrößen wie Bob Geldof oder Bono etwa wurden wiederholt als Heuchelei kritisiert, weil sich das von ihnen eingetriebene Geld auch durch staatlich organisierte Besteuerung beschaffen ließe, die die Protagonisten von Spenden-Galas aber häufig vermeiden – um dann medial als Wohltäter zu strahlen.

Rwothomio Gabriel fragt sich zudem, warum so viele der Stars nur nach Afrika kommen, um Fotos von sich zu machen oder Kinder zu adoptieren. Seine Freunde und er würden diese Personen lieber in anderer Rolle willkommen heißen: „Wenn Musiker von ihren Welttourneen sprechen, kommen sie dann nach Afrika? Nein. Sie erwägen uns nicht einmal.“ Tatsächlich wird Afrika, wo wegen niedrigerer Durchschnittseinkommen die Ticketpreise wohl günstiger sein müssten, damit eine größere Arena gefüllt wird, auf breitspurig beworbenen Welttourneen oft ausgelassen.

So kündigt etwa Ed Sheeran auf seiner Website Konzerte auf diversen Kontinenten an, aber in einem der 54 Staaten Afrikas ist er demnach nicht zu sehen. Katy Perry nutzte ab 2014 auf ihrer „Prismatic World Tour“ Kostüme, die an das Alte Ägypten erinnerten, und machte auf jedem Kontinent Halt – bis auf Afrika. Als in den Nullerjahren spekuliert wurde, dass die Adoptivmutter Madonna in Südafrika auftreten würde, bezeichnete ihr Management das Gerücht als „komplette Fantasie.“

Taylor Swift filmte 2015 den Videoclip zu ihrem Lied „Wildest Dreams“, auf afrikanischem Boden. Allerdings sind dort neben Steppe und Giraffen fast nur weiße Menschen zu sehen – inklusive der Sängerin selbst, gekleidet im Stil der Kolonialzeit. Ein Konzert in Afrika hat Swift noch nicht gegeben. Kurz vor der Pandemie wurde schon eine Petition gestartet, um ihre Tour nach Afrika zu bringen. Auch Shakira, die im Zuge der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika den Soundtrack „Waka Waka (This Time for Africa)“ sang, blieb dem Kontinent ansonsten weitgehend fern.

Rwothomio Gabriel formuliert zugespitzt, was diese Tendenz der Musik- und Showbranche in ihm auslöst. Sie offenbare: „Ein System, das mich nicht als Mensch sieht.“ Nach einem Moment Stille fügt er hinzu: „Wir reden ständig darüber, wie die Welt zusammenkommt und eins ist. Aber es geht dabei nie um Afrika, um schwarze oder braune Personen. Wir kommen in dem Bild nicht vor.“

Im Zuge seiner „World Justice Tour“ will US-Sänger Justin Bieber zumindest zweimal in Südafrika auftreten. Er bildet damit allerdings eher die Ausnahme von der Regel.

Schon seit Jahren zeigt sich Sängerin Madonna (Mitte) auf Fotos auch mit ihren aus Malawi adoptierten Kindern David (l. vorne) and Mercy (l. Mitte).
Schon seit Jahren zeigt sich Sängerin Madonna (Mitte) auf Fotos auch mit ihren aus Malawi adoptierten Kindern David (l. vorne) and Mercy (l. Mitte). © AFP

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