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Mit starken Farben und exaltierten Schnitten entführt Marina Hoermanseder diesmal in die 80er Jahre

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Was kommt heraus, wenn sich Berliner Designer ganz ihren Gefühlen hingeben? Jede Menge Farbe, gutes Handwerk ? und ein bisschen Kitsch. Kollektionskritiken.

Ein bisschen hört sich das ja nach Modeblättchen an. Oder nach dem, was da draußen als „Frauenzeitschrift“ firmiert. Aber anders lässt es sich wohl kaum ausdrücken: Der Ärmel ist der Star der Stunde! So oder so ähnlich müsste wohl titeln, wer die Trends des Herbstes 2019 beschreiben will. Mit Schlitzen, mit Stickereien, mit Fransen, Pailletten, Rüschen: Immer wieder standen die Ärmel im Fokus, mal als sensationeller Solostar, mal im aufregenden Doppel.

William Fan zum Beispiel präsentiert einen lässig fließenden schwarzen Hosenanzug, dessen rechten Ärmel feingliedrige Muster zieren. Bloß die eine Körperpartie will der Liebling der Berliner Szene allerdings nicht in den Fokus setzen. Viel eher will Fan die Trägerin und den Träger in Gänze zum Glänzen bringen. „In meiner Kollektion geht es um den Wunsch, für fünf Minuten im Scheinwerferlicht zu stehen“, sagt er. „Inspiriert wurde ich von der Karaokebar als asiatische Alltagskultur.“ Da singt sich ein Businessman die Seele aus dem Leib, da schmettert die Frau im kleinen Schwarzen ihren Lieblingshit, gerade noch im Büro, jetzt schon auf der Bühne. „Business in the front, Party in the back“, sagt Fan programmatisch. Sichtbar wird das gerade in einer Mantel-Hosen-Kombination, die – von vorne komplett kariert – erst auf der Rückseite eine großflächige Paillettenpartie offenbart.

Überhaupt: All der Glitzer! Auch der spielte auf der Berliner Modewoche eine große Rolle. Neben dem gekonnten Mustermix und laisser-fairen Schnitten, für die Otto Drögsler und Jörg Ehrlich ohnehin bekannt sind, präsentierten sie für ihr Label Odeeh in dieser Saison auch viele Glanzpunkte. Schimmerndes Material, ausgeprägtes Volumen, Fransenelemente – es gehört schon jede Menge Können dazu, diese Modenarreteien zusammenzubringen, ohne der Albernheit zu verfallen. Drögsler und Ehrlich aber können’s eben: Ihr lässig geschnittenes Kleid mit besagten Spielereien ist ein regelrechtes Fest für die Augen.

Alles auf Party – das ist auch bei Marina Hoermanseder immer wieder Programm. Mit starken Farben und exaltierten Schnitten entführte die Designerin diesmal in die 80er Jahre. Wie gut, dass gerade in den Achtzigern  Leder so beliebt war: Ohnehin widmet sich Hoermanseder gern dem glatten Material, in lauten Farben wirkte ihr Leder diesmal besonders spannend.

Zum Feiern war auch Dawid Tomaszewski zumute, sein Label besteht seit zehn Jahren. Aber sich deswegen bloß selbst begießen – das ist nicht Tomaszewskis Stil. „Ich feiere das 100. Bauhaus-Jubiläum gleich mit“, sagt er, ohnehin begleite ihn ein Bauhaus-Print durch seine Karriere. „Diesmal haben wir den Druck teilweise in seine Einzelteile zerlegt und ihn in starken Farben inszeniert“, sagt Tomaszewski. Und trifft damit einen weiteren Trend der Modewoche. Während etwa das Männerlabel Ivanman ganze Teile in satten Türkis- und Gelbtönen präsentierte, oder der Nachwuchsdesigner Richert Beil alarmrote Mäntel über den Laufsteg schickte, gefiel sich Tomaszewski im Spiel mit dem farbenreichen, kunstvollen Druck. „Ansonsten zeige ich viel Glitzer, viel Federn, viel Tüll“, sagt der er. „Wie immer bei Tomaszewski: More is more.“

„Mehr ist mehr“ – auch das wäre eine gute Frauenzeitschriftenüberschrift. In dieser Saison heißt das fantastischerweise: Mehr Handwerk. Selten präsentierte sich die Berliner Mode so detailversessen, der Nachwuchsdesigner Danny Reinke zum Beispiel verlor sich in feinen Stickereien von Engeln und Putten. Keine aber beherrscht das Modemacher von Hand besser als Odély Teboul: Sie ist im besten Sinne eine Bastlerin. Feingliedrige Häkelarbeiten, imposantes Flechtwerk und üppige Stickereien verschwimmen bei ihrem Label Lou de Bètoly zu vielschichtigen Kollektionen. „Diesmal habe ich zudem mit Recycling experimentiert“, sagt Teboul. „Ich schneide Strickmaterialien auseinander und füge sie neu zusammen oder mache Outfits aus Teilen alter Stücke.“ So wird Tebouls schmale Silhouette in dieser Saison auch durch geräumigere Teile ergänzt. „Normalerweise arbeite ich sehr eng am Körper, zeige viel Haut, viel Sex durch Transparenz“, sagt sie. „Die Haut ist für mich Bestandteil meiner Mode, ihre Farbe wird zum Inhalt.“

Auch das passt zur neuen Saison: Den rosigen Teint haben einige Designer durch intensivere Nuancen zwischen Rosa und Pink ergänzt. Malaika Raiss etwa präsentierte einen seidig glänzenden Hosenanzug in herrlichem Pinkton. Passt ja auch – inspiriert fühlte sich Raiss nicht zuletzt durch das Gefühl der Gefühle. „Irgendwie bin ich an dem Film ‚Love Story‘ hängengeblieben“, erzählt sie, „einer sehr romantisierten Darstellung der ewigen Liebe.“ Dementsprechend zeichnet die Designerin mit ihrem Label Malaikaraiss besonders weiche Linien, zeigt fließende Linien im Stil der 70er und nutzt metallische Garne. Nicht das erste Mal, dass sich Raiss von Gefühlen leiten lässt. „Bei mir geht es immer um Emotionen“, sagt sie. Gut gemachte Produkte gebe es heute schließlich genug. „Womit du letzten Endes aus dieser Masse herausstechen und verkaufen kannst, ist die Emotion“, so Raiss.

Und damit schließt sich der Berliner Kreis: Emotionen gab es auf dieser Modewoche genug, die Freude an der Farbe, die Leidenschaft für das Handwerk, die Liebe zur Mode. „Gefühle sind das neue Schwarz“, stünde jetzt in einer Frauenzeitschrift.

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