Der Schriftzug „Eskimos“ wird in dieser Saison nicht mehr auf dem Football-Trikot stehen.. Jo Biddle/AFP
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Der Schriftzug „Eskimos“ wird in dieser Saison nicht mehr auf dem Football-Trikot stehen.

Kanada

Sieg für die Inuit

  • Jörg Michel
    vonJörg Michel
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In Kanada streicht einer der bekanntesten Profi-Clubs des Landes den Namen „Eskimo“ aus dem Vereinsnamen. Viele Ureinwohner sehen darin ein Signal zur Aussöhnung und Gleichberechtigung.

Auf diesen Tag hat Natan Obed lange gewartet. Der oberste Interessenvertreter der Inuit in Kanada kämpft seit Jahren im Namen der arktischen Völker gegen den Ausdruck „Eskimo“. Der Begriff sei rassistisch, stehe für die unheilvolle koloniale Geschichte in der Polarregion und dürfe nicht mehr verwendet werden, meinte Obed einmal und fügte hinzu: „Wir sind doch keine Maskottchen.“

Dass sich Obed und viele Bewohner der kanadischen Arktis manchmal wie Maskottchen fühlen lag unter anderem an den „Edmonton Eskimos“, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Profi-Clubs des Landes. Mehr ein Jahrhundert lang trugen die Footballer aus Edmonton den umstrittenen Namen auf ihren Jerseys und Helmen. Auch in den Stadien und Fan-Shops war er nicht zu übersehen.

Doch das ist jetzt zu Ende. Nach jahrelangen, kontroversen Diskussionen kündigte der Verein am Dienstag (Ortszeit) an, den Beinamen „Eskimo“ fallen zu lassen. Fürs erste nennt sich die Mannschaft, die in der kanadischen Football-Profiliga CFL spielt, nur noch „Edmonton Football Team“. Über einen neuen Namen soll zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden.

„Viele, die den Namen noch vor einem Jahr verteidigt haben, fühlen sich heute weniger wohl dabei“, betonte Vereinschefin Janice Agrios. Mit der Entscheidung beugt sich der 14-fache kanadische Football-Meister trotz Bedenken vieler Fans dem Druck von Öffentlichkeit, Sponsoren und Vertretern der Ureinwohner. Aufgrund der weltweiten Proteste gegen Rassismus war der Club zuletzt unter starken Zugzwang geraten.

Auch andere Firmen haben den historisch belasteten Namen mittlerweile aufgegeben. Der bekannte nordamerikanische Eiscreme-Hersteller Dreyer’s etwa stellte seine bekannte Marke „Eskimo Pie“ – ein populäres Vanilleeis mit Schokoüberzug – zur Disposition. Einen ähnlichen Schritt ging auch der dänische Speiseeis-Hersteller Hansens.

Unter Druck steht auch die US-Restaurantkette Eskimo Joe, die in ihrem Logo einen Inuit sowie einen Schlittenhund zeigt und das Motiv auf Souvenirartikeln vertreibt. Mehrere Online-Petitionen fordern die Firma zum Umdenken auf. Das NFL-Profi-Football-Team aus Washington verabschiedete sich kürzlich nach jahrelanger Kritik von Ureinwohnern von seinem bisherigen Namen „Redskins“ (Rothäute).

„Eskimo“ war lange die im Westen gängige Sammelbezeichnung für indigene Völker, die nördlich des Polarkreises leben, zum Beispiel in Alaska, Kanada, Sibirien oder Grönland, das von Dänemark verwaltet wird.

Kritiker wie Natan Obed argumentieren jedoch, der Name sei den Völkern von außen aufgezwungen worden und laufe dem Selbstbestimmungsrecht der arktischen Bewohner zuwider.

„Bei der kolonialen Namensgebung ging es stets um Macht und Einfluss“, kritisierte Obed in einem Essay in der Zeitung „Nunatsiaq News“. Namen, Bezeichnungen oder Ortsangaben der Ureinwohner seien oft mit fremden Begriffen versehen worden, um Besitzansprüche anzumelden und Kontrolle auszuüben. „Wenn eine Sportmannschaft einen solchen Namen weiterträgt popularisiert sie dieses Erbe“, kritisiert er.

In Kanada haben sich die arktischen Bewohner seit einigen Jahren den Namen „Inuit“ gegeben, was übersetzt so viel heißt wie „Menschen“. Der linguistische Ursprung des Wortes „Eskimo“ dagegen ist umstritten. Lange ging man davon aus, dass damit „Menschen, die rohes Fleisch essen“ gemeint sind, eine Übersetzung, die aus der Ojibwa-Sprache kommt und von den Weißen popularisiert wurde.

Neuere Forschungen kommen zu dem Schluss, dass das Wort über Umwege auf den französischen Begriff „esquimaux“ zurückgeht und ursprünglich „Menschen, die sich Schneeschuhe anfertigen“ meinte. So oder so: In der nordamerikanischen Sprachkultur hat der Name oft einen abwertenden Zungenschlag und wurde lange mit barbarischen, gewalttätigen oder primitiven Praktiken assoziiert.

Für Natan Obed ist die Entscheidung des kanadischen Rekordmeisters daher ein wichtiges Signal zur Aussöhnung und ein Sieg im Kampf für kulturelle Selbstbestimmung. „Es ging um systematischen Rassismus, um Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit“, sagte Obed dem Sender CBC. Die Inuit hätten gezeigt, dass es beim gesellschaftlichen Wandel auf ihre Stimme ankommt.

Nun könne sein Volk diese Altlast leichter hinter sich lassen, um sich Zukunftsfragen zu widmen, betonte Obed. Und die gibt es in der Arktis zuhauf: die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechten sanitären Bedingungen, die Krise auf dem Wohnungsmarkt, die vielen Selbstmorde, die prekäre Gesundheitsversorgung, der Kampf um kulturelle Anerkennung.

In Kanada leben etwa 65 000 Inuit, die meisten in rund 50 kleinen Dörfern. Ihr Siedlungsgebiet macht etwa ein Drittel der Landmasse Kanadas aus.

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