Kampf gegen die Armut

Siedlung der Enttäuschten

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Viele Menschen, wenig Platz: In Soweto kämpften einst junge Schwarze gegen die Apartheid. Auch wenn heute alle Kinder zur Schule gehen dürfen, sind die Folgen der Rassentrennung noch deutlich zu spüren.

Es gibt die Touristen, die Besucher und die Gäste in Soweto. Touristen nennen sie diejenigen, die sich mit dem Reisebus durch die engen Straßen der Stadt kutschieren lassen und aus Angst vor den Einheimischen halbnackte Kinder nur durch das geschlossene Fenster hindurch fotografieren. Sie sind ungern gesehen. Wie im Zoo kämen sich die Einheimischen dann vor, als wären sie noch immer Menschen zweiter Klasse, die es anzuschauen gilt, sagt Charmaine Dlamini, eine junge Frau, die Menschen durch ihre Heimatstadt führt.

Besucher sind die anderen, die hierher kommen. So nennen die Einheimischen Menschen, die sich nach Soweto begeben, um mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Gäste sind diejenigen, die auch über Nacht bleiben. Seit einigen Jahren gibt es private Unterkünfte bei Familien, doch die meisten Touristen sind abgeschreckt von den Horrorgeschichten, die im restlichen Südafrika und überall sonst auf der Welt kursieren.

Besucher und Gäste seien gern gesehen, sagt Charmaine Dlamini, die Menschen durch ihre Heimatstadt führt, die Menschen in Soweto seien es lange Zeit nicht gewohnt gewesen, dass ihnen jemand zuhört. Sie freuen sich jetzt erzählen zu dürfen von all den Dingen, die sie mitgemacht haben. Auch Dlamini hat viel mitgemacht. Sie wurde zur falschen Zeit am falschen Ort geboren, im Slum von Soweto, unterdrückt von der weißen Minderheit und deren Apartheids-System. Schwarze durften nur noch bestimmte niedere Arbeiten ausüben, sie mussten die Stadtzentren verlassen und in die Townships ziehen.

Beton statt Wellblech

Charmaine Dlamini, 28, erlebte auch das Ende der Aufstände der Schwarzen gegen ihre Unterdrücker. 1976 wurde Soweto weltberühmt, als sich junge Schwarze dagegen wehrten, dass an den Schulen Afrikaans, die Sprache der Weißen, als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden sollte. Sie alle hofften auf bessere Zeiten, als am 11. Februar 1990 Nelson Mandela aus seiner 27-jährigen Haft entlassen wurde und 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde. Seitdem hat sich einiges verändert. Aus der Ansammlung von Wellblech-Verschlägen mit zu vielen Menschen auf zu wenig Raum ist eine Ansammlung von Betonhäusern mit viel zu vielen Menschen auf viel zu wenig Raum geworden.

Die Häuser entstanden als Projekt des sozialen Wohnungsbaus, das Ziel war, alle Wellblech- und Holzhütten durch Betonhäuser zu ersetzen. In einigen Gegenden, wie dem Zentrum von Soweto, das sich aus insgesamt 28 Townships auf 120 Quadratkilometern zusammensetzt, ist das Ziel erreicht. Zwischen den Häusern stehen Einkaufspassagen, es gibt Restaurants und Sportplätze. Doch setzt man einen Fuß außerhalb, stehen dort immer noch jene Hütten, für die man in Südafrika keine Baugenehmigung braucht.

Sogar zwei Mehrfamilienhäuser haben sie mitten nach Soweto gestellt, ebenfalls ein Sozialprojekt. Richtige Wohnungen sind es, in einem Hochhaus, das auffällt zwischen all den einstöckigen Bauten. Doch keine der Wohnungen ist bezogen, die beiden Häuser stehen seit gut zwei Jahren „Auch wenn die Miete günstig ist, es ist immer noch günstiger, mietfrei zu wohnen“, sagt Dlamini, „40 Prozent hier haben keine Arbeit, sie können es sich nicht leisten, Miete zu bezahlen.“

Besucher auf Fahrrädern

Dlamini lebt noch immer in Soweto, obwohl sie auch in Johannesburg wohnen könnte. Es ist ihre Heimat. Hier leben ihre Freunde, hier lebt ihre Familie. Sie will nirgendwo anders leben. Sie wuchs bei ihrer Großmutter im Zentrum Sowetos auf, während ihre Mutter arbeitete. Dank Nelson Mandela konnte sie eine gute Schule besuchen, auf die auch Weiße und Farbige gingen. Zumindest bis ihre Mutter ihren Job verlor und Dlamini sich selbstständig machte, weil sie kein Geld zum Studieren hatte. Vor fünf Jahren eröffnete sie neben ihrer Arbeit als Radiomoderatorin und ihrem Marketing- und Tourismus-Studium, das sie sich selbst zusammensparte, ihr eigenes Geschäft: Unter dem Namen „Soweto Cycle Visits“ radelt sie mit Besuchern durch ihre Heimat, derzeit noch sporadisch, schon bald soll es ihr fester Job werden. Drei Arbeitslose helfen ihr aus, sie hofft, ihnen bald eine Perspektive bieten zu können.

Ausgangspunkt für die Fahrradtouren ist das Haus von Dlaminis Großmutter. Das Wohnzimmer liegt direkt hinter der Haustür, Platz für einen Flur gibt es nicht in Südafrikas größtem Township mit seinen zwei bis vier Millionen Einwohnern – so genau weiß das hier keiner. Das Wohnzimmer besteht aus einem Dreisitzer- und einem Zweisitzer-Sofa und einem Streifen von gut 50 Zentimetern in der Mitte. Für vier Menschen sind die kleinen Häuser ausgelegt. Doch statt der angestrebten vier hausen mancherorts bis zu 16 Menschen in einem Haus.

Auch deshalb ist auf den Straßen Sowetos viel los. Die Tage verbringen die Einheimischen draußen. Viele junge Menschen wandern umher, Frauen transportieren schwere Körbe auf ihren Köpfen, Männer sitzen auf gefällten Baumstümpfen und trinken Joburg Beer, ein weißes, saures Hirse-Mais-Gemisch aus einem Ein-Liter-Tetrapack, das mehr wie schlecht gewordene Milch als nach Bier schmeckt. „Don’t drink and walk on the road, you may be killed“ steht in großen Lettern auf der Schachtel. „Die meisten, die hier Bier trinken, können sich kein Auto leisten und sind zu Fuß unterwegs“, erklärt Dlamini.

Ein Schulzeugnis kostet Geld

Kinder spielen dazwischen in ihren schicken Schuluniformen. Inzwischen dürfe jedes Kind zur Schule gehen, erzählt ein Einheimischer, der nicht zur Schule ging und nun Vater von zwei Kindern ist, die vom Bildungssystem profitieren sollen. Sein Problem, sagt er, sei das Schulgeld. Das sei am Ende der Schulzeit fällig, wer es nicht bezahlen könne, bekomme kein Zeugnis.

Charmaine Dlamini und ihr Assistent Thulani Tshabalala führen die Reisegruppe auf Mountainbikes über die Straßen. Einige sind asphaltiert, andere bestehen aus Erde und Steinen, über die man kaum fahren kann. Fahrradfahrer fallen auf in Soweto, das seit 2002 zu Johannesburg gehört. „Die Menschen hier haben wenig Geld, wenn sie sich ein Fahrzeug leisten können, kaufen sie eher ein Auto“, erklärt Dlamini.

Während der Fahrt erzählt sie aus der Zeit der Apartheid: Als die Menschen in die Kategorien weiß, farbig (Kinder schwarzer und weißer Eltern), indisch und schwarz eingeteilt wurden. Weiße hatten alle Rechte, Schwarze keine. Einige Schwarze versuchten sich zu Farbigen zu machen. Sie glätteten ihre Haare, denn Farbige hatten nicht das typisch afrikanisch gekrauste Haar. Noch heute glätten sich hier junge Mädchen die Haare.

Der erste Stopp ist der Oppenheimer Tower, errichtet für Ernst Oppenheimer, der 14 000 Häuser in Soweto finanziert hat. Der Turm wurde aus Ziegelsteinen aus Sophiatown gebaut, als der bis dahin gemischte Johannesburger Stadtteil 1963 durch das Apartheids-Regime abgerissen und zur Weißensiedlung umgestaltet wurde. Vom Turm aus lässt sich die Größe der South Western Townships, kurz Soweto, erahnen. Überall Häuser. Alle sehen sie gleich aus. Alle flach. Alle klein.

Der Weg hinunter führt am Credo Mutwa Cultural Village vorbei, ein Ort, an dem noch alte traditionelle Hütten aufgebaut sind. Lebo lebt hier, zusammen mit ein paar anderen. Er kümmert sich um das kulturelle Erbe, ehrenamtlich. Einen Job hat er nicht. So tue er immerhin etwas Sinnvolles, sagt er. Lebo erklärt Zeichnungen Mutwas, die bereits in den 70er Jahren die Anschläge auf das World Trade Center vorhersagen sollen. Er erklärt südafrikanische Kultur, Begräbnisse, Glaubensarten.

Der Radweg führt vorbei an den Hostels, die einst für schwarze Arbeiter, die die Weißen zum Schuften in ihren Goldminen nach Johannesburg holten, errichtet wurden. 16 Männer teilten sich ein Haus, die Familien durften nicht kommen – immerhin wollte man, dass die Schwarzen nach verrichteter Arbeit wieder fortzogen. Doch einige holten ihre Familien trotzdem nach und so entstanden neue Elendsgebiete. Auch wenn die Fassaden vorne an den asphaltierten Straßen aufgehübscht sind.

Armut hinter der Fassade

Wer sich auf die Rückseite begibt, dort, wo Sand und Steine der Untergrund sind, sieht noch heute die Armut. Männer, die sich im Freien an einem Wasserhahn für Dutzende Menschen die Zähne putzen, Kinder, die in Kleidung herumlaufen, auf denen deutsche Sportvereine prangen. Es ist einer der Orte, wo Altkleider landen.

Nächster Stopp auf den Fahrrädern, die in Deutschland von der Polizei aus dem Verkehr gezogen würden, weil ständig die Bremsen versagen oder gar Pedale abfallen, ist die Regina Mundi Church. Die Kirche, die 1976 bei den Aufständen in Soweto berühmt wurde. Schüler und Studenten flüchteten in das Gotteshaus, dann kam die Polizei und schoss. In einer Kirche. Die Einschusslöcher sind noch heute zu sehen. Im Obergeschoss erinnert eine Fotoausstellung an die Jahre 1976 und 1977, als viele Menschen im Kampf gegen die Apartheid ihr Leben ließen. Heute, nach Nelson Mandelas Tod, sei Südafrika an einem Punkt angekommen, wo das Land sich neu definieren müsse, sagt Reiseleiterin Charmaine Dlamini. Viele sind enttäuscht, dass sich so wenig geändert hat.

Wer in Soweto unterwegs ist, sieht beispielsweise kaum Weiße. Ein paar sind auf dem Weg nach Johannesburg in Soweto gestrandet, denn wer ohne Ersparnisse in der Wirtschafts- und Finanzmetropole Johannesburg Fuß fassen will, kommt manchmal über Soweto. Einige bleiben hängen, weil Jobs eben doch rar sind. Das trifft manchmal auch Weiße, nicht nur Schwarze.

Auch wenn man sich tagsüber gut im Zentrum von Soweto aufhalten und sogar alleine zum Lunch in Pubs aufbrechen kann. Gerade nachts werden die informellen Armensiedlungen der Enttäuschten und Vergessenen gefährlich. Auch wenn Soweto das inzwischen reichste Township Afrikas ist, ist es immer noch ein Township.

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