TV

Sieben Trends der neuen „Fernsehwelt“

Tarife, Technik, Angebote: Ein Blick auf die Entwicklung des Mediums Fernsehen.

Von Imre Grimm

Die Tarife werden komplizierter – und teurer: Wo lief noch mal „The Marvelous Mrs. Maisel“? Kommt „Modern Family“ jetzt bei Netflix oder Maxdome? Läuft die dritte Staffel von „True Detective“ bei Sky oder Amazon? Die Zahl der Anbieter wächst. Es wird komplizierter – und teurer. Beispielrechnung: Die großen Streamingdienste Amazon Video (ab 5,75 Euro im Monat), Netflix (ab 7,99 Euro) sowie Maxdome (7,99 Euro), dazu ein monatlich kündbares Sky-Ticket-Paket ohne Sport und Bundesliga (9,99 Euro) und die RTL-Mediathek RTL Now (2,99 Euro) sowie der Rundfunkbeitrag (17,50 Euro) und eine Kabelgebühr mit Internetflatrate (ab etwa 20 Euro) – das alles kostet zusammen schnell mehr als 70 Euro im Monat. Eine ständig aktualisierte Übersicht, welche Show mit welcher Flatrate bei welchem Anbieter läuft, findet sich etwa unter: www.werstreamt.es

2 Die Technik wird komplexer: Moderne Fernseher haben längst auch Smart TV an Bord – die wichtigsten Apps wie Netflix, Youtube oder die Mediatheken sind denn auch vorinstalliert. Die Fernseher von Sony und Philips arbeiten dafür mit dem Android-Betriebssystem von Google, Panasonic, LG und Samsung haben hingegen ihre eigenen Plattformen entwickelt. Die Alternative sind WLAN-Boxen oder -Sticks wie Apple TV oder Amazon Fire. Das bedeutet bei älteren TV-Geräten: immer mal wieder abtauchen zu den Staubflocken und Wollmäusen hinter dem Fernseher, um ein neues Zauberkästchen zu installieren. HD-Sender und Ultra-HD-Sender kosten weiterhin oft extra. Wiederholte Versuche, Spielereien wie 3-D-TV in den Markt zu drücken, verpufften bisher weitgehend wirkungslos. Die Sprachsteuerung dagegen wird die Fernbedienung mittelfristig wohl ersetzen. In Zukunft werden sämtliche Entertainmentkomponenten (Musik, Film, TV, Internet, eigene Medien) smart vernetzt sein.

3 Die Übersicht wird deutlich einfacher: Das ferne Ziel aller Anbieter ist ein zentrales, übersichtliches TV-Gesamtangebot, mit dem Fernsehen „so einfach funktioniert wie Strom“, beschreibt etwa Netflix-Chef Reed Hastings. Kunden sollen künftig alle ihre TV-Quellen, Abonnements, Livesender, Mediatheken und Streaming-Apps gebündelt verwalten können. Welche Plattform das leisten wird, entscheidet der Markt. Sky zum Beispiel preist seine eigene Nutzungssoftware Sky Q als „einfaches und komfortables Angebot aus einer Hand“. Hoffnungen machen auch Amazon Fire und Google. Doch ein vollständiges Portfolio bietet noch niemand.

4 Die Suche wird intelligenter: Die bisherigen Suchalgorithmen haben Schwächen. Oft schlagen sie nach einer Serie einfach die zweitbeste zum selben Thema vor. In Zukunft wird auch künstliche Intelligenz dabei helfen, in der Bilderflut nach maßgeschneiderten Vorschlägen für jeden einzelnen Zuschauer zu suchen. Die lernenden Maschinen lesen die Nutzergewohnheiten, verknüpfen sie mit den Metadaten von Programminhalten – und leiten daraus Empfehlungen ab.

5 Das Angebot wird reichhaltiger: Um auf Teufel komm raus Erlöse zu erzielen, sparten die RTL-Gruppe und ProSiebenSat.1 jahrelang dort, wo Innovation am nötigsten gewesen wäre: in den Redaktionen und bei den Inhalten. Doch unter Druck investieren sie wieder: 8 Milliarden Euro stecken die Privatsender in der TV-Saison 2018/19 gemeinsam ins deutsche Fernsehprogramm. Es ist fast genau die Summe, die Netflix allein ausgibt – allerdings weltweit. „Babylon Berlin“ von Sky und der ARD, „Dark“ von Netflix, „Bad Banks“ beim ZDF und „4 Blocks“ bei TNT waren nur der Anfang – deutsche Fiktion erlebt einen Frühling voller neuer Blüten.

6 Die Mediatheken werden komfortabler: „Jüngere Menschen können nicht nachvollziehen, warum eine internationale Kaufserie, die das ZDF in seinem linearen Angebot zeigt, nicht in der Mediathek zu finden ist“, sagt ZDF-Intendant Thomas Bellut. „Unsere Mediatheken müssen sich viel stärker an den Bedürfnissen der Zuschauer orientieren“, findet auch NDR-Intendant Lutz Marmor. Die Sieben-Tage-Regel, wonach die meisten Inhalte laut Rundfunkstaatsvertrag nur eine Woche angeboten werden dürfen, soll nach dem Willen der Politik fallen – und zwar zum 1. Mai dieses Jahres. Außerdem dürfen Sendungen dann häufiger als bisher schon vor der Ausstrahlung angeboten werden. Die öffentlich-rechtlichen Mediatheken werden damit zu gebührenfinanzierten Multimediaplattformen. Das ist der privaten Konkurrenz ein Dorn im Auge.

7 Interaktion wird wichtiger: Der Zuschauer der Zukunft wird nicht nur über sein persönliches Programm, sondern auch über die Inhalte einer Sendung mitbestimmen können. Schon jetzt experimentieren TV-Produzenten mit alternativen Szenarien einer Geschichte, über die Zuschauer entscheiden. In sogenannten immersiven Shows werden Zuschauer von zu Hause aus virtuell in Livesendungen zu Gast sein und eine aktive Rolle spielen. Das „semantische Fernsehen“ kombiniert TV- und Webinhalte – und liefert etwa zum laufenden Film Informationen (und Kaufvorschläge) direkt aufs Handy.

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