CIA-Hauptquartier
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Seit Jahrzehnten treibt die CIA ihr eigenes Spiel.

Evan - Virenkrieg IV

„Sie sind hier geparkt“

  • vonLutz Büge
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Das Jahr 2025. Der Genetiker Jan Metzner ist der „Islamischen Allianz“ entkommen. Seine Warnungen vor einem Biowaffenangriff auf die USA stoßen jedoch auf taube Ohren. Die Demokratie ist in Gefahr, denn in Washington droht ein Putsch. Leseprobe aus dem vierten Teil des Virenkrieg-Zyklus von FR-Redakteur Lutz Büge.

Jan Metzner hatte sich daran gewöhnt, dass man ihn warten ließ. Das gehörte zum bösen Spiel. Er hoffte, dass ihm nicht anzumerken war, wie viel Nervenkraft es ihn kostete, gute Miene zu machen. Es war fast ein Wunder, dass er nicht längst kollabiert war. Irgendwie gelang es ihm immer wieder, die Reste seines Stolzes und seines Willens zur Selbstbehauptung zusammenzukratzen. Seine Peiniger sollten nicht die Genugtuung erfahren, ihn gebrochen zu haben. Es schmerzte, dass sie ihn offenbar für die langweiligste Nebensache der Welt hielten, doch er versuchte, diesen Schmerz zu verbergen.

Man geruht, mich nicht für voll zu nehmen. Man dreht mir einen Strick daraus, dass ich mich für Legrand ausgegeben habe.

Lutz Büge. Evan - Virenkrieg IV.

In der Wüste war er desorientiert in die Arme eines Libyers gelaufen. In diesem Moment war es ihm wie eine gute Idee vorgekommen, Professor Legrand zu heißen und nicht Jan Metzner. Von einem Professor ging vielleicht weniger Gefahr aus. Seit dieser Blitzidee haftete ihm der Name Legrand an. Auch die junge CIA-Agentin, die ihn verhört hatte, hielt an dem fest, was in ihren Unterlagen stand. Das Bild in der Akte zeigte zweifellos Jan, aber dort hieß er Henry Legrand und war ein 36-jähriger Maurer aus Reims in Frankreich. Agent Warner ließ sich nicht davon beeindrucken, dass es im Netz Bilder von Jan gab, die ihm ebenso glichen wie das Bild in der Legrand-Akte, ihn jedoch als Jan Metzner identifizierten. Auch dass er kaum Französisch sprach, schien sie nicht zu irritieren. Für die Agentin galt das, was in ihrer Akte stand.

Vielleicht war sie gar nicht von der CIA? Vielleicht war alles nur eine Inszenierung? Warum betraute man eine junge Agentin wie Sylvia Warner mit einer derart verantwortungsvollen Aufgabe, mit der Überprüfung eines Informanten wie Jan? Manchmal kam sie ihm vor wie eine Praktikantin, wegen der grellen, fast aggressiven Art, wie sie sich schminkte. Und wegen ihres Desinteresses. Anfangs hatte sie es noch halbwegs geschickt verborgen, doch inzwischen machte sie keinen Hehl mehr daraus, dass sie sich nicht für Jans Fall interessierte. Er wunderte sich, dass sie ihn heute trotzdem noch einmal zum Verhör hatte holen lassen. Für ihn war die Lage zum Verzweifeln, denn er wusste Dinge, die entscheidend für die Zukunft der gesamten Menschheit werden konnten. Es würde einen Biowaffenangriff auf die USA geben! Doch wie sollte er Sylvia Warner wenigstens ein Minimum an Interesse dafür abringen?

Sie verhielt sich nicht wie eine CIA-Agentin. Sie war nicht hungrig auf Nachrichten, sie wollte keine Informationen, sondern sie saß ihm gelangweilt gegenüber am Tisch im Verhörraum, tat, als höre sie ihm zu, malte hin und wieder ein Kreuzchen auf einen Notizblock, den sie offenbar zur Zerstreuung mitgebracht hatte, nickte gelegentlich und gähnte in gewissen Abständen. Al-Isra, die Islamische Allianz, Jans Gefangenschaft, Skylla – uninteressant! Und mit seinem Wissen über Swat Valley Organism, die fürchterlichste Biowaffe der Welt, brauchte er ihr erst recht nicht zu kommen.

„Und jetzt kommt die Geschichte mit dem Angriff auf die USA“, sagte sie und gähnte, und dann riet sie ihm, seine „Erinnerungen“ und „Geheimnisse“ – er hörte die Anführungsstriche, wenn sie so redete – zu einem Roman zu verarbeiten.

Wollte sie ihn dazu bringen, an seinen Erinnerungen zu zweifeln? Wollte sie ihn zermürben, bis er durchdrehte? Doch er wusste, was er erlebt hatte, und er wusste, wie real die Gefahr war. Er musste einen Weg finden, dieser Agentin klarzumachen, dass sie ihn ernst nehmen musste!

Jetzt saß er wieder im Verhörraum, und wieder ließ man ihn warten. Ein Wärter hatte ihn aus seiner Zelle geholt, ein breiter, muskulöser Typ, der nicht viel mehr redete als „Mitkommen!“ und „Hinsetzen!“, der aber in Jans Augen ein fleischgewordener Hinweis darauf war, dass man es in dieser Einrichtung doch irgendwie ernst mit ihm meinte. Ein weiteres Indiz war der Sack, der ihm über den Kopf gestülpt wurde, bevor er aus der Zelle geholt wurde. Er sollte nicht sehen, wohin man ihn führte. Jan hatte natürlich versucht, mit dem Mann zu sprechen:

„Sind Sie von der CIA? Wo bin ich hier? Welches Datum haben wir? Wie spät ist es?“

Er bekam keine Antworten. Laut Agent Warner war er in den USA, doch sie konnte ihm alles erzählen. Dass er sich in einer Einrichtung der CIA befand, klang immerhin schlüssig. Auf seine verzweifelte Frage, was er hier solle, hatte sie knapp geantwortet:

„Sie sind hier geparkt.“

So warf sie ihm einen Brocken hin, an dem er zu würgen hatte – und vermutlich war genau dies die Absicht. Mehr war aus ihr nicht herauszubekommen.

Geparkt! Dieses Wort verniedlichte den Schrecken, zu dem Jans Leben geworden war, durch Schlichtheit der Ansage und verdoppelte, nein, verdreifachte ihn. Geparkt – für wie lange? Würde sich Jans gesamtes weiteres Leben hier abspielen, in diesem Verhörzimmer und seiner Zelle? Zudem schien die CIA-Einrichtung unter Energiemangel zu leiden, denn hier herrschte überall Schummerlicht. Jans Zelle wurde von einer einzigen matten Funzel erhellt. Nur im Verhörraum gab es grelles, weißblaues Licht, das Jan aggressiv machte.

Dieses geparkte Leben bestand nur aus den Begegnungen mit dem Wärter, Agent Warner und dem tauben Jungen, der Essen und Trinken brachte. Auch die Hygiene war dürftig. Immerhin brachte der Wärter Jan in gewissen Abständen zum Duschen und legte ihn anschließend für zwei Minuten auf eine Sonnenbank. Es gab also ein gewisses Interesse, ihn bei Gesundheit zu erhalten.

Immerhin schien der Angriff mit SVO noch nicht stattgefunden zu haben. Wenn Swat Valley Organism irgendwo in den USA freigesetzt worden wäre, hätte Jan es erfahren, denn dann hätte Agent Warner begriffen, dass er die ganze Zeit die Wahrheit gesagt hatte und dass sie ihm hätte glauben sollen. Sie hätte unendliches Leid, Tod und Elend verhindern können, das über die USA gekommen war.

Ich darf mir das nicht wünschen! Böser Gedanke!

Aber er blieb präsent. SVO wird kommen, und die USA werden nicht vorbereitet sein. Millionen werden sterben.

Es war ein wenig zu kühl im Verhörraum, Jan fröstelte leicht. Also stand er auf und machte ein paar trotzige Liegestütze. Auch winkte er in die Überwachungskameras unter der Decke und klopfte im Minutenabstand an die einzige Tür. Sie besaß auf der Innenseite weder Klinke noch Drehknauf.

„Agent Warner!“, rief er jedes Mal, „Lassen Sie uns nicht noch mehr Zeit verschwenden. Kommen Sie! Ich will anfangen. Wir müssen reden! Es ist wichtig!“

Lutz Büge.

Doch die Agentin ließ sich Zeit. Es war eine absurde, fast kafkaeske Situation. Die Kerkermeister ließen ihn zappeln. Warner saß am längeren Hebel. Vielleicht provozierte sie seinen trotzigen Widerstand nur, um ihn spüren zu lassen, wer hier die Macht hatte. Er solle sich nicht zu wichtig nehmen, hatte sie ihm beim letzten Mal auf den Kopf zu gesagt. Wie konnte sie es wagen? Als wäre er psychisch instabil und verbreite eine Verschwörungstheorie. Hatte die CIA ihn deswegen per Kommandoaktion aus der Hand der Libyer befreit – um ihn zu erniedrigen?

Eigentlich müsste es nicht sein Problem sein, dass niemand auf ihn hören wollte. Mehr als reden konnte er nicht. Er selbst würde sich zu schützen wissen, wenn es so weit war. Wenn Warner nicht hören will, muss sie eben fühlen.

Doch so einfach konnte er es sich nicht machen. Millionen Menschenleben standen auf dem Spiel. Obwohl er nicht die geringste Lust dazu hatte, musste er die Taktik seiner Peiniger irgendwie durchkreuzen, damit man ihn ernst nahm. Allein dadurch, dass Sylvia Warner der einzige Mensch war, der hier mit ihm sprach, war sie im Lauf der Zeit – Wochen, Monate? – zum wichtigsten Menschen in seinem Leben geworden, und die Frage, wie er ihr die Dramatik der Situation begreiflich machen sollte, wurde zur wichtigsten Frage seiner Existenz. Es gab vermutlich kaum mehr als vier oder fünf Menschen auf der Erde, die wussten, wie man SVO Einhalt gebot, Jan eingerechnet. Die anderen Geheimnisträger waren vermutlich Biowaffen-Ingenieure von SCOUT. Sie konnten nicht ahnen, dass SVO verschärft worden war. Wenn diese Waffe in den USA freigesetzt wurde, musste schnell und entschlossen gehandelt werden. Es gab vielleicht ein schmales Zeitfenster, in dem das Schlimmste noch verhindert werden konnte.

Wenn mir hier denn mal jemand glauben würde!

Die Tür öffnete sich endlich, und Agent Warner trat ein. Wie immer kam sie allein, doch anders als sonst hatte sie diesmal keine Mappe und keinen Tablet-Computer dabei, sondern nur Schreibblock, Stift und ein Papptablett mit zwei Bechern Kaffee.

„Bedienen Sie sich“, sagte sie und deutete auf das Tablett, nachdem sie es abgestellt hatte.

Jan nahm einen Becher und roch dran.

„Was ist da drin?“

„Evan – Virenkrieg IV“ ist der vierte von fünf Teilen des „Virenkrieg“-Zyklus. Der Genetiker Jan Metzner befindet sich in einer Black Site der CIA ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. In der Leseprobe aus dem Roman versucht er verzweifelt, der ihn verhörenden Agentin klarzumachen, dass den USA ein Biowaffenanschlag bevorsteht. Der Textausschnitt ist der Anfang des ersten Kapitels.

„Kaffee.“

„Riecht komisch.“

„So riecht guter Kaffee.“

Jan nippte misstrauisch, ehe er fragte:

„Warum sind Sie heute so mitteilsam?“

„Weil es gute Nachrichten gibt.“

Er musterte ihr strenges Gesicht, ihre grünen Augen, die sie gereizt wirken ließen, ihre schmalen Lippen, deren Wirkung sie mit Lippenstift übersteuerte, was ihr etwas Scharfes, Schneidendes gab. Sie hatte ein hohes, schmales, energisches Gesicht, das von schulterlangen kupferfarbenen Haaren umrahmt wurde. Wie immer machte sie einen unausgeruhten, unkonzentrierten, beinahe genervten Eindruck. Dafür, dass sie angeblich gute Nachrichten hatte, wirkte sie erstaunlich missgestimmt. Allerdings hatte Jan sie noch nie gut gelaunt erlebt.

Nun zog sie ein Blatt aus ihrem Schreibblock, das zusammengefaltet darin verborgen gewesen war, und schob es über den Tisch zu Jan. Er faltete es auseinander.

„Das Phantombild von Dr. Latif, das wir gemacht haben“, stellte er fest. „Und?“

„Das wäre jetzt meine Frage an Sie, Mr. Legrand: Und? Es gibt keinen Dr. Mohammed Latif.“

Jans Herz begann zu hämmern.

„Natürlich gibt es ihn“, sagte er so ruhig wie möglich. „Er war Stationsarzt in Al-Isra.“

„Dr. Latif ist tot. Schon seit 13 Jahren.“

„Wie bitte?“, hauchte Jan.

„Das hat unsere Recherche ergeben. Mohammed Latif, geboren in Toulouse, hat an der Sorbonne studiert und war ein Feind jeglicher Religion. So weit passen Ihre Angaben. Aber er starb am 4. Februar 2012 im syrischen Bürgerkrieg beim Bombardement von Homs. Er wollte dort als Arzt helfen. Erstaunlicherweise zeigt ihr Phantombild eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Trotzdem ist es ausgeschlossen, dass es sich um denselben Mann handelt.“

Sie beugte sich vor und fixierte Jan.

„So verhält es sich leider mit allen ihren Angaben, Mr. Legrand. Maria Francesca Micantoni, die in Al-Isra Ihre Gefährtin gewesen sein soll, Biologin aus Pisa, stürzte am 6. Juni 2020 beim Bergsteigen in den Alpen ab und fiel 200 Meter tief. Das überlebte sie nicht. Naïra Molhatra, angeblich eine Ihrer Mitarbeiterinnen im Labor von Al-Isra, starb am 13. Mai 2019 in einem Krankenhaus in Mumbai an den Folgen der Vergewaltigung durch fünf Männer. Najim Fahkri, angeblich Sicherheitschef von Al-Isra, kam bei Unruhen in Ägypten im Zuge des Aufstands der Muslimbrüder im Jahr 2021 ums Leben. Und so weiter. Keiner der Namen, die Sie uns gegeben haben, führt uns weiter. Diese Menschen sind alle tot.“

„Ja, seit Incubus“, sagte Jan nach einer Schrecksekunde und unterdrückte mit aller Macht ein Schluchzen. „Ich habe mit diesen Menschen in Al-Isra gelebt Woher sollte ich sonst all diese Details über ihr Leben kennen? Und ihre Namen?“

„Des weiteren Sacharija al-Maphrut“, fuhr Warner gnadenlos fort, ohne auf seinen Einwand einzugehen. „Es gibt ihn nicht. Er existiert schlicht nicht.“

„In Ihren Datenbanken!“, wandte Jan hilflos ein. „Was ist mit Bassam al-Faris?“

„Der Chef des operativen Arms der Islamischen Allianz, wie Sie sagen.“ Sylvia Warner wirkte für einen Moment nachdenklich. „Sohn von Muammar al-Gaddafi, dem früheren libyschen Diktator. Er kam 2011 beim Bombardement von Tripolis ums Leben.“

„Er wurde halbtot aus den brennenden Trümmern gezogen“, korrigierte Jan, „und ist gezeichnet durch Verbrennungen im Gesicht, die mit pfuscherhaften Hauttransplantationen kaschiert wurden.“

„Angeblich!“, fügte Warner hinzu. „Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass diese Geschichte zutrifft.“

„Ich bin der Beweis!“, rief Jan empört. „Ich bin Zeuge!“

„Keiner Ihrer Hinweise hat sich erhärten lassen.“

„Ja, weil das alles Legenden sind!“

Jan wurde wütend. Er spürte, dass er im Begriff war, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Jetzt haben sie mich so weit!

Das durfte nicht passieren.

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