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Nach einem Entwurf von Renzo Piano: Der Bau soll ein Symbol für die Stärke Italiens sein. Piero Cruciatti/dpa

Morandi-Brücke

Sie ist wieder da

Knapp zwei Jahre nach dem tödlichen Brückeneinsturz in Genua geht der Neubau der Morandi-Brücke in Betrieb – mit Festakt und Fliegerstaffel.

Die Menschen am Fuß der Brückenpfeiler wirken winzig. Arbeiterinnen und Arbeiter mit roten Helmen machen letzte Feinarbeiten an dem neuen Wunderwerk aus Stahl und Beton. Erste Festgäste legen den Kopf in den Nacken und gucken zur Fahrbahn hoch. Das große Feiern zur Eröffnung der symbolträchtigen Autobahnbrücke in der norditalienischen Hafenstadt Genua hat vor Tagen mit einem Konzert begonnen.

Heute, knapp zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke, steht der Höhepunkt an. Ein Fest mit Fliegerstaffel und Staatsspitze. Italiens größte Schwächen und seine größten Stärken – für beides ist der Nachfolgebau ein Sinnbild.

Am 14. August 2018 zog ein Unwetter über die Stadt. Um 11.36 Uhr krachte die Fahrbahn der alten Konstruktion auf rund 200 Metern zusammen. Autos und Lastwagen wurden 40 Meter in die Tiefe gerissen. 43 Menschen starben, Häuser wurden unbewohnbar. Dass Italiens Brücken teils marode sind, war längst bekannt.

So tief die Trauer war, so strahlend soll jetzt der Neustart sein. Egal ob Ministerpräsident Giuseppe Conte oder Genuas Bürgermeister Marco Bucci, viele sprechen vom „Modell Genua“. Denn mit dem Bau sind klangvolle Namen verbunden. Stararchitekt Renzo Piano etwa, der aus der ligurischen Hafenstadt stammt.

Er legte schon wenige Wochen nach dem Kollaps seine Vision vor. Bald danach ging‘s los. Riesige Reste, Häuser und Brückenteile, wurden ab Ende 2018 abgerissen, ab 2019 wurde gebaut.

Piano vergleicht die Brückenelemente heute mit „Schiffskörpern, die über Betonsäulen fliegen“. 18 Pfeiler hat die rund 1067 Meter lange Straßenverbindung über den Fluss Polcevera. Die Fahrbahnteile ruhen auf den Stelzen in 45 Metern Höhe. Ähnlich weit wurden die Pfeiler im Boden versenkt.

Das Gestein für den Beton der Pfeiler sei nur aus einem Ort geholt worden, damit die Optik stimmt, heißt es beim Bauunternehmen Webuild. Der Konzern mit Sitz in Mailand hielt viele Fäden in der Hand. Die Brücke, das verrät die Internetseite, soll auch zum Werbeträger werden. Außerdem war der italienische Schiffbauer Fincantieri aus Triest beteiligt.

Schon vor der Eröffnung staunte das halbe Land, gewöhnt an schleppende Bürokratie und Verzögerungen, über das Tempo. Bürgermeister Bucci stieg zum Sonderkommissar für Wiederaufbau auf. Rechtliche Hürden wurden beiseite geschoben. „Wir haben die Brücke in einem Jahr fertig gestellt, es ist wahr, so eine Brücke zu bauen, hätte normalerweise drei Jahre gedauert“, sagte Piano der Zeitung „La Repubblica“.

„Der einzige Tag, an dem die Baustelle geschlossen wurde, war Weihnachten“, berichtet Nicola Meistro, ein Generalmanager bei Webuild. „Wir haben nonstop gearbeitet, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das bedeutet drei Schichten von acht Stunden.“ Das habe sich selbst während der Hochphase der Corona-Sperren nicht geändert.

Das „Modell Genua“ stehe für die Kooperation einer Gruppe, die nur ein Ziel habe, sagte Sonderkommissar Bucci bei einem Vortrag, „Wir sind präzisen Regeln gefolgt. Und es gab mehr Kontrollen als normal“, so Bucci.

Premier Conte bemühte Genua wiederholt als Beispiel für den Neustart ganz Italiens nach der Pandemie: Dem Muster der Brücke folgend, mit Sonderkommissar und im Schnelltempo, könnten andere Infrastruktur-Projekte beflügelt werden. Wobei sich die juristische Suche nach Schuldigen des Desasters bisher hinzieht.

Bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Großverfahren gegen Dutzende Verdächtige. Es geht um mögliche Wartungsmängel – auch durch den privaten Betreiber Autostrade per l‘Italia. Die Regierung in Rom will das Unternehmen, nach fast zwei Jahren Tauziehen, in den kommenden Monaten weitgehend verstaatlichen.

Der Name des Baus verheißt zumindest Zuspruch. „Ponte San Giorgio“, Brücke zum Heiligen Georg, heißt sie. Er gilt als Schutzpatron der Stadt. Und der Kino-Komponist Ennio Morricone, der Anfang Juli gestorben war, hat für das Event ein Gedenk-Stück geschrieben. Das Lied „Tante pietre a ricordare“, „Viele Steine zum Erinnern“, wurde am Freitag in Genua uraufgeführt.

Die Kunstflugstaffel der Luftwaffe traf vor Ort ein, um am Montag Italiens Farben Grün-Weiß-Rot in den Himmel zu zeichnen. Im symbolisch „ersten Auto“ auf der Fahrbahn über Genua soll Staatspräsident Sergio Mattarella sitzen. Frühestens am 5. August dürfte der normale Verkehr rollen. Petra Kaminsky, dpa

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