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Damit Städte fahrradfreundlicher werden, brauchen sie Know-how und Personal.

Interview

Was sich in den Städten ändern muss

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Immer mehr Pendler stehen im Stau - auch, weil sie sich das Wohnen in der Stadt nicht leisten können. Mobilitätsforscher Helmut Holzapfel hat Lösungsvorschläge.

Die Zahl der Berufspendler ist so hoch wie nie. Das hat nach Ansicht des Stadt- und Mobilitätsforschers Helmut Holzapfel auch mit einem sozialen Problem zu tun: Menschen mit geringerem Einkommen können sich Stadtwohnungen nicht mehr leisten.

Holzapfel fordert neue Konzepte für die Metropolen und den ländlichen Raum. Dazu gehört auch ein Ausbau der Infrastruktur für Fahrräder. 

Herr Holzapfel, es wird viel über neue Flexibilität in der Arbeitswelt und über Home-Office-Lösungen gesprochen. Zugleich gibt es so viele Pendler wie noch nie. Wundert Sie das?
Nein. An die Home-Office-Bewegung habe ich noch nie geglaubt. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft. Nicht nur in der Krankenpflege, sondern bei extrem vielen Berufen ist der direkte Kontakt wichtiger, als viele Menschen annehmen. Ich gehe sogar davon aus, dass es einen gegenläufigen Effekt gibt. Je anspruchsvoller die Aufgaben der Zusammenarbeit zwischen Menschen werden, umso wichtiger wird, dass man sich in die Augen schauen kann.
 

Die bedeutet aber nicht, dass Beschäftigte zum Pendeln gezwungen sind. Sie könnten in die Stadt ziehen. Wieso geschieht das nicht?
Das ist leider ein soziales Problem. Bis 2004/2005 hatten wir den Trend, dass sich Menschen aus höheren Einkommensschichten aus der Stadt wegbewegten – das Haus im Grünen war das Ideal. In den Stadtzentren gab es Zerfallserscheinungen - Migrantengruppen haben ganze Stadtviertel am Leben erhalten. Das hat sich gedreht. Menschen mit höherem Einkommen gehen zurück in die Städte. Die Preise für Wohnungen steigen. Berufstätige mit geringerem Einkommen werden zum Pendeln gezwungen, weil sie sich eine Stadtwohnung nicht leisten können. Sie müssen im Stau stehen. Und im Stau zu stehen, steigert die persönliche Unzufriedenheit. Was den Druck auf den städtischen Wohnungsmarkt weiter erhöht.
 
Die Reichen leben in der Stadt, die Armen auf dem Land – lässt sich das Phänomen so zuspitzen?

Es ist in der Tat so, dass eine soziale Selektion deutlich zu erkennen ist. Wir sehen eine Entwertung des ländlichen Raumes. Dort siedeln sich eher einkommensschwache Bevölkerungsschichten an. Diese haben dann zudem nicht die Zeit sich in ihrem Wohnort zu engagieren – etwa in Vereinen.  Eingriffe sind  nötig.
 
Was meinen Sie konkret?
In den Städten ist verpasst worden, Siedlungskonzepte der kurzen Wege mit durchmischten Funktionen durchzusetzen. Es gibt immer noch die alten Monofunktionen mit Wohn- und Gewerbegebieten. Bei einer stärkeren Mischung würden die Entfernungen vom Wohn- und zum Arbeitsplatz wieder kürzer. Das würde den innerstädtischen Verkehr entlasten, Platz auf den Straßen schaffen und Staus verhindern. Dazu gehört auch, mehr Dichte im Wohnen zu schaffen. Diese Reserven sollten wir nutzen.  In ländlichen Bereichen  brauchen wird Zentren mit guter Infrastruktur, die einen urbanen Charakter haben.


 Haben das die Städte versäumt, weil sich viele Kommunen eine mutige Stadtplanung nicht mehr zutrauen?
Viele Städte haben gar nicht mehr das Personal dafür. Hinzu kommt, dass Stadtplanung an sich diskreditiert ist, aufgrund vieler Fehlentwicklungen – wir kämpfen damit, die Auswüchse des Konzepts der autogerechten Stadt zu beheben. Es gibt aber auch positive Beispiele wie Freiburg und Tübingen. Da geht was. Städte müssen dafür aber mit Know-how und Personal ausgestattet werden.   

Aber so ein Stadtumbau etwa dauert doch Jahrzehnte?
Es wird doch neu gebaut. Jedes Jahr wird ein Prozent der Siedlungen erneuert. Da ist ein Zehntel in zehn Jahren. Die Politik müsste sich eigentlich gar nicht zusätzlich anstrengen, sondern nur in die richtige Richtung gehen. Vor allem brauchen wir in den Städten Wohnungen, die staatlich gefördert werden, damit sie so günstig sind, dass der Krankenpfleger und die Grundschullehrerin dort wohnen können. Davon müssen wir sehr viel mehr schaffen.
 
Kann ein es auch Mittel sein, die Bedingungen für Pendler zu verbessern. Etwa durch mehr Radwege von der Peripherie ins Zentrum?

Das ist ganz sicher ein richtiger Weg. Hinzu kommen muss, insbesondere für Elektrofahrräder gute und sichere Abstellmöglichkeiten zu schaffen – etwa in Parkgaragen. Das vergrößert den Einzugsbereich von S-Bahnhöfen, was eine enorme Reduktion des motorisierten Verkehrs bringen kann.
 
Welche Bedeutung haben Radschnellwege, die die Bundesregierung jetzt zusätzlich fördern will?
Die sogenannten Fahrradautobahnen haben einerseits natürlich eine hochgradig symbolische Funktion. Sie zeigen, dass man etwas für das Fahrrad erreichen will. Einzelne Trassen, die unabhängig von den Straßen für Pkw ohne Ampeln und Kreuzungen in Zentren geführt werden, sind extrem positiv. So kommen Radler sehr sicher zum Arbeitsplatz in der City. Das würde insbesondere die Elektromobilität mit dem Fahrrad massiv voran bringen.


Warum sind E-Bikes so wichtig?
Sie kommen schnell und sicher ans Ziel. Die können auch als relativ untrainierter Zeitgenosse über eine relativ lange Strecke  eine relativ hohe Geschwindigkeit halten. E-Bikes erhöhen das Potenzial  der radelnden Pendler erheblich. Und nicht jeder will unbedingt verschwitzt am Arbeitsplatz ankommen. Das E-Bike ist eine wichtige Hilfe auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität. Ganz stark wirkt das bei Städten mit besonderen topografischen Bedingungen wie Stuttgart, wo es viele steile Steigungen gibt.
 
Reicht das Fahrrad allein? In Herbst und Winter macht Radeln nicht immer Spaß. Wir brauchen doch komplementäre Angebote?
Ganz bestimmt. Carsharing kann eine sehr, sehr, sehr gute  Ergänzung  zum Fahrradverkehr bei schlechtem Wetter sein. Auch mental: Allein die Möglichkeit auf ein Carsharing-Auto zurückgreifen zu können, ist enorm wichtig als Absicherung - auch für besondere Fälle. Ein gutes Angebot beim öffentlichen Nahverkehr muss natürlich hinzukommen. Dies alles verstärkt  aber letztlich die Nutzung des Rades, wodurch sich die Wahrnehmung der Stadt und der kulturelle Umgang mit der urbanen Umwelt nachhaltig verändert.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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