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Der Schatten

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Manchmal brechen die Attacken der Erinnerung über Sophie herein.
Manchmal brechen die Attacken der Erinnerung über Sophie herein. © Getty Images/iStockphoto

Sophie ist 14, als sie von ihrem drei Jahre älteren Freund vergewaltigt wird. Sie zeigt ihn nicht an, behält das Trauma für sich. Noch heute kämpft sie mit den seelischen Folgen einer Tat, die als Wette begann. Von Tim Winter

Wenn Sophie das Lied „Grenade“ von Bruno Mars hört, wird sie zurückgeworfen – zurück an einen Tag, der ihr Leben seither bestimmt. Was sie dann fühlt, ist blanke Panik: Ihr Atem wird schneller, sie zittert, manchmal beginnt sie zu weinen und kann kaum wieder aufhören. Besonders schlimm ist es, wenn die Attacken aus dem Nichts kommen, sagt sie, unvorbereitet. Was dann hilft: In eine Tüte atmen. Ruhe.

Easy come, easy go, / that’s just how you live, oh / Take, take, take it all, / but you never give? / Should have known / you was trouble from the first kiss / Had your eyes wide open / Why were they open?

Einen richtigen Nervenzusammenbruch hatte Sophie längere Zeit nicht mehr, sagt sie. Sie sitzt im Außenbereich ihres Lieblingsrestaurants, einem indischen Gourmettempel, tief im Berliner Osten. Eine steinerne Shiva-Büste thront am Treppenaufgang, grüner Messeteppich bedeckt den Boden. Von drinnen zieht der Duft von Curry und Basmatireis nach draußen. Hier fühle sie sich sicher, sagt sie. Ein Kellner kommt, grinst und hebt zum Gruß die Hand. Sie lächelt. „Einen kleinen Salat ohne Salat“, sagt sie, „nur mit Gurken und Tomaten.“ Sie mag es so am liebsten.

Sophie, die eigentlich anders heißt, leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Als sie 14 Jahre alt ist, wird sie von einem 17-Jährigen vergewaltigt. Viele Jahre hat sie das verdrängt, bis es nicht mehr ging. Heute ist sie 26, ein Schatten begleitet sie, überall hin.

Vergewaltigungen werden viel zu selten angezeigt

Die Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin verzeichnet jährlich rund 5000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, neben Vergewaltigungen zählen dazu unter anderem auch Nötigung oder Zuhälterei sowie die Erregung öffentlichen Ärgernisses. Pro Tag werden durchschnittlich ein bis zwei Frauen in Berlin vergewaltigt. Durch eine Dunkelfeldforschung der Polizei im Jahr 2021 wurde deutlich, dass etwa jede fünfte bis sechste erwachsene Frau in Deutschland sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend erlebt hat.

Wenn Sophie von ihren Erlebnissen vor zwölf Jahren berichtet, spricht sie mit lauter und fester Stimme. In Hörweite, nur zwei Tische entfernt, nimmt ein älteres Pärchen Platz. Sophie redet selbstbewusst weiter. Das war nicht immer so.

Sophie ist noch ein Kind, als sie merkt, dass sie den Spott anderer auf sich zieht. Im Kindergarten findet sie schwer Anschluss. Sie gilt als die Zurückhaltende, die Schüchterne. In der Schulzeit gerät ihr Gefühlsleben noch mehr in Schieflage. „Ich war Teil der Außenseitergruppe, galt als verklemmt, langweilig und verschlossen“, erzählt sie. Mitschüler verbreiten das Gerücht, sie habe für ihre guten Noten mit einem Lehrer geschlafen.

Die Täter manipulieren, die Opfer schämen sich

All das belastet Sophie sehr, bis heute. Als Schülerin ist sie unglücklich. Und nicht in der Lage, ihrem Innenleben Ausdruck zu verleihen. Als Neuntklässlerin fängt sie an, sich selbst zu verletzen – sie glaubt, die Rasierklinge könne ihr ein Stück Selbstbestimmung zurückgeben. „Ich habe diesen seelischen Schmerz, den ich weder beschreiben noch kontrollieren konnte, überspielt mit einem Schmerz, den ich kontrollieren konnte.“

Einmal habe sie sich aus Versehen durch das Unterhautfettgewebe ihres Oberschenkels geschnitten, bis auf den Muskel. Mit einer Skalpellklinge, die sie von ihrer Praktikumsstelle in einer Tierarztpraxis geklaut hatte. „Die sind so dermaßen scharf. Da braucht man nicht viel Druck“, sagt sie. Und lächelt.

2010 wird alles anders für sie. Sie hat gerade ihren ersten Freund. „Ich war so richtig verliebt“, sagt sie. Die beiden kennen sich vom Sport. Sie ist 14. Er 17. Bis heute weiß sie nicht, warum er sie ausgewählt hat. Aber sie ist froh, endlich dazugehören zu können.

Hat er sie manipuliert? Hat er wegen seines sportlichen Aussehens geglaubt, er kann jede haben? Und: Warum musste sie die Beziehung geheim halten? „Erzähle am besten niemandem von uns“, hat er gesagt. „Ich möchte nicht, dass irgendwer uns wegen unseres Altersunterschieds reinredet.“

Bei einer Vergewaltigung geht es immer um Macht

Vergewaltigung. Das ist in erster Linie ein juristischer Begriff, der eine Form sexualisierter Gewalt beschreibt. Einem Menschen wird der freie Wille genommen. Er verliert seine Selbstbestimmung. Und nicht selten dabei auch sich selbst. Es geht um Unterdrückung. Und um Macht.

Das Bild vom skrupellosen Triebtäter, der einem willkürlichen Opfer im spärlich beleuchten Parkhaus auflauert, ist dabei jedoch in nur wenigen Fällen zutreffend. Oft ist es ein Verwandter, ein Freund, der Partner oder das Date. Es passiert drinnen, in einer Wohnung, nicht selten sogar der eigenen.

Sophie ist knapp zehn Monate mit ihm zusammen. Bis dahin ist er sehr geduldig mit ihr gewesen, ist viel auf sie eingegangen. Anders als sie hatte er zu diesem Zeitpunkt schon Sex. Sie will es ihm zuliebe versuchen. „Man liest ja überall, dass Sex so ein elementarer Teil ist.“

Zuvor treffen sie sich nur drei-, viermal. Mehr Dates sind kaum möglich. Ihre Eltern sind streng, sie kann nicht ständig neue Ausreden erfinden. Und es soll doch ihr Geheimnis bleiben. An einem Tag im November 2010 geht sie das erste Mal zu ihm nach Hause. Es ist niemand außer ihnen da. Sophie hat an diesem Tag ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmt nicht. „Ich hätte einfach umdrehen sollen“, sagt sie heute. „Aber das sagt sich so leicht.“

Die fatale Wette: Innerhalb eines Jahres bekommt er sie ins Bett

Wo er wohnt, weiß sie bis heute nicht. „Auf dem Hinweg war ich zu aufgeregt, um etwas zu realisieren. Und auf dem Rückweg war ich so verstört, dass ich einfach irgendwo hingerannt bin. Ich hatte keine Ahnung, wo ich bin.“

Was sie erst später erfährt: Hinter ihrem Rücken ist er eine Wette mit seiner Clique eingegangen. Nicht länger als zwölf Monate will er brauchen, um mit Sophie zu schlafen. Es ist bereits der zehnte Monat. Sophie atmet tief ein und aus. „Also hat er sich dazu entschieden, mir die Entscheidung abzunehmen.“ Schon als er ihr die Tür aufmacht, merkt Sophie, dass irgendetwas anders ist. „Was ist mit ihm? Wie sind Leute, die gleich Sex haben? Muss das so? Ist er vielleicht einfach nur aufgeregt?“

Er packt Sophie am Arm und zieht sie in die Wohnung. Das Vorsichtige, Zärtliche von sonst ist weg. Er drückt seinen Mund auf ihren. Als seine Hände ihr T-Shirt nach oben ziehen wollen, schießt Panik in ihr hoch. „Ich kann das nicht. Ich kann das nicht.“ Sie will aufhören. Sagt es ihm. Erst leise, dann laut, immer lauter. Er hört nicht. Sie wehrt sich. Vergebens. Er drückt sie aufs Bett, hält ihren Mund zu, nimmt ihr die Luft zum Schreien. „Dann hat er sein Ding durchgezogen.“

Die Angst kommt unangekündigt, vor allem nachts

Kurz darauf irrt sie durch die unbekannten Straßen, mit Würgemalen am Hals, Blut im Schritt und voller Adrenalin. Irgendwie gelangt sie zur nächsten S-Bahn-Station. Auf ihrer Fahrt nach Hause plärrt Bruno Mars aus einem Handylautsprecher ein paar Reihen vor ihr:

Gave you all I had and you tossed it in the trash / You tossed it in the trash, you did / To give me all your love is all I ever ask / Cause what you don’t understand is

Das Lied brennt sich in Sophies Erinnerung ein und ist heute einer der Schlüsselreize ihrer Posttraumatischen Belastungsstörung. Wenn sie es hört, fluten die traumatischen Erinnerungen ihr Gehirn und rauben ihr die Fassung. Genauso ist es, wenn man ihr die Hände auf den Mund legt oder sie auf ähnliche Art am Sprechen hindert. Ein Sexpartner missachtet einmal diese Regel. Sophie gerät sofort in Panik und beißt ihm die Hand blutig.

Nur fünf bis 15 Prozent der Betroffenen gehen nach einer Vergewaltigung zur Polizei

Manchmal kommen die Attacken aber auch einfach so. An einen dieser Momente kann sie sich besonders gut erinnern. Es ist Nacht. Sie liegt im Bett. Dann, plötzlich – geht es los. Ein Strudel aus Angst und Hilfslosigkeit durchfährt sie. Alle Muskeln ihres Körpers spannen sich an. Erst will sie noch jemanden anrufen und um Hilfe bitten. Aber Sophie zittert so sehr, dass ihr das Handy aus der Hand fällt. Sie weint und krampft. Zwei Stunden lang.

Nach der Vergewaltigung bricht der Kontakt ab. Kein Wort. Keine einzige Nachricht. Auch keine Anzeige bei der Polizei von ihr. Nur fünf bis 15 Prozent der Betroffenen zeigen einen Vergewaltigungsfall an – aus Scham leugnen sie das Erlebte. Die Strafen für die Täter fallen oft milde aus, nur jede hundertste vergewaltigte Frau erlebt die Verurteilung des Täters. Die Dunkelfeldforschung geht von einem deutlich höheren Wert aus, doch es gibt kaum Studien.

Sophie leugnet die Gewalterfahrung, redet sich ein, dass sie selbst schuld sei, dass sie es selbst herbeigeführt habe, weil sie zu ihm gegangen ist. Bei einem Partyspiel mit Freunden schwärmt Sophie sogar von ihrem ersten Mal. „Ich habe allen gesagt, dass es schön war, ich aber mit meinem Freund nicht mehr zusammen bin.“ Inzwischen weiß sie, dass es nicht ihr Fehler war, sondern dass er sie ausgenutzt hat.

Was sollte sie der Polizei sagen? Beweise für die Vergewaltigung hat sie nicht

Wirklich in Worte fasst sie das Erlebte erst fünf Jahre später. Sie beginnt eine Therapie, und dort erzählt sie von dem Vorfall. Erst dort versteht Sophie, dass sie vergewaltigt wurde. Für den Gang zur Polizei fehlt ihr jedoch wieder die Kraft. Sie hatte keinerlei Beweise. Außerdem: Die Aussicht darauf, ihm noch einmal begegnen zu müssen und wieder gegen ihn, dieses Mal vor Gericht, zu verlieren, ist für sie unerträglich.

Die Jahre danach sind schwer. Zweimal versucht sie, sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Sie ist oft krank und weint viel. Sie hat Albträume. Von der Tat, aber auch von Szenarien, in denen sie dem Willen eines anderen unterworfen wird. „Manchmal waren das Menschen, manchmal Dinosaurier“, sagt sie. Immer verliert sie dabei die Kontrolle.

Dann Lichtblicke. Hoffnung. Neue Freunde und die ersten lustvollen Erfahrungen mit Intimität. 2020, zehn Jahre nach der Vergewaltigung, fühlt sie sich wirklich besser. Dabei hilft ihr vor allem ein strukturierter Alltag. In einer gewöhnlichen Woche gibt es zurzeit kaum einen Tag, an dem Sophie nicht irgendetwas unternimmt. Sie gibt Nachhilfe, nimmt Gesangsunterricht und spielt in einem Laientheater. Für sie sind diese Konstanten essentiell – sie geben ihr Sicherheit und machen sie lebensfähig.

Die Erinnerungen an diesen einen Tag werden sie wohl nie verlassen

Das Trauma wird Sophie jedoch weiter begleiten. Besonders schlimm ist die Zeit rund um den Tag, an dem sich die Vergewaltigung jährt. Dann weint sie viel und ist nervös. Aber Sophie versucht, damit zu leben. Inzwischen hat sie auch wieder Spaß an Sex. Vor kurzem ist sie mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Sie ist sehr dankbar für all das, was er ihr gibt. Nähe, Geborgenheit.

Sophie weiß aber auch, dass ihr Freund mit der Situation oft überfordert ist. Wenn sie eine Panikattacke hat und dann nicht mehr ansprechbar ist, wirkt er hilflos. Er sitzt dann neben ihr, tätschelt ihr den Rücken und redet ihr gut zu. „Es gibt aber auch Momente, da hilft es mir sehr, mich einfach an ihn zu kuscheln und seine Nähe zu spüren“, sagt sie.

I’d catch a grenade for ya / Throw my hand on a blade for ya / I’d jump in front of a train for ya / You know I’d do anything for ya / But you won’t do the same.

Die Erinnerungen an den Tag im November 2010 sind ein unabänderlicher Teil von Sophies Leben geworden. Die Erinnerungen an die Panik, als sie spürt, dass er ihr körperlich überlegen ist, dass er nicht von ihr ablassen wird. Die Erinnerungen an seine Bewegungen, die Schmerzen und an seinen Atem auf ihrer Haut.

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