Eine 19-Jährige soll auf der Bordtoilette eines Fanzuges vergewaltigt worden sein.
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Eine 19-Jährige soll auf der Bordtoilette eines Fanzuges vergewaltigt worden sein.

Fußball

Sexuelle Gewalt gegen Frauen weit verbreitet

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Nach dem mutmaßlichen Missbrauch einer jungen Frau in einem Fanzug geht es nicht nur um mehr Sicherheitskräfte.

Der mutmaßliche Täter schweigt. Noch am Montag hatte der Anwalt des 30-Jährigen, der am vergangenen Wochenende eine 19-Jährige auf der Bordtoilette eines Fanzuges missbraucht haben soll, angekündigt, sein Mandant werde sich zu den Vorwürfen äußern. Am Freitag jedoch teilte Staatsanwalt Benjamin Kluck auf Anfrage der FR mit, der Verteidiger habe gesagt, „er will erstmal in die Akten sehen“.

Also: Keine Einlassung des Beschuldigten, der bereits im April 2016 vom Amtsgericht Mönchengladbach wegen Vergewaltigung rechtskräftig verurteilt worden war und nur aufgrund eines inzwischen eingeräumten Fehlers der Justizbehörden an besagtem Wochenende noch auf freiem Fuß war. Er musste erst am vorigen Montag seine Haftstrafe antreten – was er auch tat. Offenbar unbeeindruckt davon, dass ihn ein Foto, das ein Ordner gemacht hatte, nachdem der Zug in Flörsheim gestoppt und die junge Frau ins Krankenhaus gebracht worden war, überführen könnte, Ohnehin scheint es, als hätte es der längst Verurteilte (Hitlergruß und Körperverletzung sind in den zwei Jahren und zehn Monaten Haft mit eingerechnet) es noch einmal krachen lassen wollen, bevor er einfährt. Mit fatalen Folgen.

Inzwischen rollen die ersten Fanzüge wieder über die Gleise und es bleibt die Frage nach den Konsequenzen: Für die weiblichen Fußballfans; und auch das Chartern von Fanzügen und deren Ausstattung mit Sicherheitspersonal.

Für die künftigen Planungen der Deutschen Bahn, bei der pro Saison rund 80 Fanzüge gechartert werden, spiele der jüngste Vorfall „natürlich eine Rolle“, wie ein Bahnsprecher erklärt. Am Ende liege aber die Verantwortung „bei dem, der diesen Zug bestellt“. Das war beim Gladbacher Fanzug die Schweizer Centralbahn, die sich aber nicht zu dem Fall äußert.

Grundsätzlich habe sich bewährt, dass Bahn und Bundespolizei seit etwa zehn Jahren die Einsätze an Spieltagen gemeinsam planen. Die sogenannten Fan-kundigen Beamten der Bundespolizei kennen die Fans der Vereine und könnten sehr gut abschätzen, welchen Umfang ein Einsatz haben müsse. Da gehe es aber vor allem darum, „die Fanströme zu lenken“. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit: „Wir zählen von Jahr zu Jahr weniger Straftaten im Zusammenhang mit Fanzügen.“ Nach dem Vorfall habe die Bahn noch einmal geprüft, ob es in den vergangenen Jahren weitere Fälle sexueller Gewalt gegeben habe. Aber: „Das ist ein Einzelfall.“

Sexuelle Gewalt? Kein Thema

In der Tat bleibt zu hoffen, dass der Fall der 19-Jährigen, die inzwischen als Zeugin vernommen werden konnte, nicht nur in seiner Medienwirksamkeit die Ausnahme ist. Dennoch ist sexualisierte und sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Fanszene weit verbreitet, das geht aber im Rauschen der – nicht minder notwendigen – Diskussion um Rassismus und Homophobie im Fußball unter.

Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls eine Expertise mit dem Titel „Geschlechterverhältnisse in Fußball-Fanszenen“, die von Mitarbeitern des Projektes Kofas („Kompetenzgruppe Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit“) erarbeitet worden ist. Dort heißt es im Kapitel „Weiblichkeiten“, dass „physische Übergriffe und Gewalt oft bagatellisiert, verharmlost und verschwiegen werden“. Da berichten Frauen von „krassen Vergewaltigungsandrohungen“, wie sie angegrapscht und beschimpft werden – und von der Angst, im Stadion allein aufs Klo zu gehen.

Cristin Gießler hat die Expertise mitverfasst. Sie betont zwar, „das ist keine repräsentative Studie“, zumal es auch Fanprojekte gebe, die sich antidiskriminierend positionierten und selbst die hartgesottenen Ultras „nicht alle gleich“ seien. Doch: „Übergriffigkeit und Gewalt ziehen sich durch die ganze Szene“ – und gerade weil „sexualisierte Gewalt nicht thematisiert wird“, geht Gießler davon aus, dass die Dunkelziffer „sehr hoch ist“. Die Gefahr von Übergriffen auf weibliche Fans aber nur auf Fanzüge zu reduzieren, wäre „fatal“.

Andererseits: „Mehr Repression durch mehr Polizei“ hält auch Gießler für „nicht zielführend“: „Man sollte diesen Fall zum Anlass nehmen und eine breite Diskussion starten. Alle Beteiligten müssen sich fragen, wie erhöhen wir die Sicherheit für Frauen.“ So könnten die Clubs sogenannte Awareness-Teams bilden. „Aber der erste Schritt wäre, eine klare Haltung zu beziehen und zu sagen, das betrifft uns alle.“ Und zwar nicht nur in Bezug auf die Gewalt gegen Frauen, „es geht darum, alle zu schützen, die in diesem Kontext Gewalterfahrungen machen“.

Apropos Haltung: Interessant ist, wie der Club, in dessen Fan-Reihen sich der mutmaßliche Vergewaltiger bewegt hat, mit dem Fall umgeht. Anfang der Woche äußerte der Kommunikationsdirektor von Borussia Mönchengladbach gegenüber dem WDR sein Bedauern: Niemand könne wissen, ob die Tat hätte verhindert werden können, wären „zwei, drei Sicherheitsleute an Bord gewesen“. Eine Anfrage per Email, warum sich auf der Internetseite des Vereins nicht wenigstens ein kurzes Statement zu den jüngsten Ereignissen findet – als Zeichen, dass sich der Verein gegen Gewalt und Sexismus in den Reihen der eigenen Fans stellt – blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

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