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Serbiens royale Zukunft: Das Spiel um den nicht vorhandenen Thron

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Von: Thomas Roser

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Lächeln trotz Drama: Kronprinz Aleksander Karadjordjevic (2.v.l.) mit Söhnen Petar (l.), Filip, (3. v. l.) and Aleksander (r.). AFP (Archiv)
Lächeln trotz Drama: Kronprinz Aleksander Karadjordjevic (2.v.l.) mit Söhnen Petar (l.), Filip, (3. v. l.) and Aleksander (r.). AFP (Archiv) © Marija Jankovic/AFP

Die Abdankung eines Thronfolgers beschert Serbiens vergessener Königsfamilie ein mediales Comeback.

Belgrad – Das königliche Familienoberhaupt ist über den Abdankungs-Alleingang seines Erstgeborenen keineswegs erbaut. Er wünsche seinem Sohn Petar Karadjordjevic „eine gute Gesundheit und viel Glück“, versicherte Serbiens Kronprinz Alexander II. zu Monatsbeginn in einer reichlich angesäuerten Erklärung. Er schätze zwar dessen „Aufrichtigkeit“ bei der „schweren Entscheidung“, auf seine Ansprüche auf die Thronnachfolge zu verzichten. Doch diese sei „nicht im Einklang mit der Tradition und den Normen der königlichen Familie erfolgt“.

Eine Monarchie ist Serbien längst nicht mehr. König Peter II. war im damaligen Jugoslawien der letzte Monarch, der 1934 mit elf Jahren nach einem tödlichen Attentat auf seinen Vater den Thron bestieg. Der Einmarsch der Wehrmacht zwang ihn 1941 zur Flucht ins Exil nach Großbritannien, die Machtübernahme der Kommunisten 1945 zum Thronverzicht. Sein 1945 in London geborener Sohn Alexander kann sich bis heute nur mit dem Titel eines „Thronprätendenten“ schmücken. Eine Rückkehr zur Monarchie ist in Serbien nicht in Sicht.

Royale Gerüchte: Königsfamilie in Serbien lebt mediales Schattendasein

Dabei war seine erste Stippvisite im Land seiner Vorväter 1991 noch umjubelt worden. Doch seit seiner Rückkehr nach Belgrad 2001 fristet der Kronprinz im mietfreien „Weißen Schloss“ im Nobelviertel Dedinje trotz fleißiger Presse-Erklärungen ein mediales Schattendasein. Einerseits hat der mittlerweile 76-jährige Thronanwärter die Landessprache nie richtig erlernt. Andererseits gelten die Beziehungen in der königlichen Familie keineswegs als harmonisch.

Es sei ein „offenes Geheimnis“, dass alle drei Söhne des Kronprinzen „milde ausgedrückt“ keine guten Beziehungen zu ihrer Stiefmutter Prinzessin Katherina pflegen würden, so die Belgrader Zeitung „Blic“. Der Thronverzicht habe für neuen Funkenschlag in den zerrütteten Beziehungen gesorgt, die „ein wenig an eine mexikanische Seifenoper“ erinnerten. Von „Turbulenzen“ und „Spiele um den Thron“ berichtet die Zeitung „Nova“: „Was geschieht in der Familie Karadjordjevic?“

Serbisches Königshaus: Kronprinzensohn Petar verzichtet auf die Nachfolge

Sicher ist, dass der älteste, in Sevilla lebende, Kronprinzenspross Petar die Lust am imaginären Thronfolgerwartestand verloren hat. Ende April erklärte er überraschend seinen Verzicht auf alle Ansprüche auf den Thron. Seine geborenen und ungeborenen Nachkommen schloss er in seiner Abdankungsurkunde ausdrücklich mit ein.

Sein Bruder und Nachfolger Prinz Filip war bei der Zeremonie im Familienpalast in Sevilla zwar genauso zugegen wie seine Mutter Prinzessin Maria de la Gloria de Orleans-Braganza, die erste, 1985 von ihm geschiedene Frau des serbischen Kronprinzen. Seinen Kronprinzen-Papa hatte der amtsmüde Prinz angeblich erst einen Tag zuvor über seine bevorstehende „Abdankung“ informiert. Diese hätte zumindest in Belgrad und in seiner Anwesenheit erfolgen müssen, grollt der verstimmte Alexander.

Erbe der serbischen „Thronfolge“: In Serbien verwurzelt und bei Nationalkonservativen beliebt

Zumindest in monarchistisch gesinnten Kreisen und in Serbiens Medienwelt scheint der Personalwechsel an sich aber auf Zustimmung zu stoßen: Der 40-jährige, in den USA geborene Prinz Filip gilt in Serbien als das mit Abstand populärste Mitglied der verhinderten Königsfamilie. Einerseits beherrscht der in Großbritannien ausgebildete Banker im Gegensatz zu seinem Vater Serbisch perfekt. Andererseits ist er im Gegensatz zu seinem Bruder Petar fest in Serbien verwurzelt. Seit 2017 ist er mit der serbischen Künstlerin Danica Marinkovic verheiratet: Mit ihrem gemeinsamen Sohn Stefan wurde 2018 erstmals seit über 90 Jahren wieder ein männlicher Nachkomme der königlichen Familie auf serbischer Scholle geboren.

Dass der kommunikationsfreudige Filip sich auch zu aktuellen Themen äußert und beispielsweise seine Abneigung gegen ein geplantes Lithium-Bergwerk offen äußert, macht ihn nicht nur bei den Medien populär. Mit den rechtsklerikalen Dveri und der nationalkonservativen POKS haben sich beide monarchistische Kleinstparteien, die im Parlament vertreten sind, positiv über ihn geäußert. Der „alle Vorurteile über das Königshaus“ widerlegende Filip sei „genau der Karadjordjevic, den wir brauchen“, jubiliert Dveri-Chef Bosko Obradovic: „Schon jetzt lassen sich die Umrisse der Erneuerung des Königreichs Serbien erkennen.“ (Thomas Roser)

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