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Ein Schild mit der Aufschrift „Seniorenresidenz Schliersee“ steht vor der Einrichtung in Oberbayern. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und prüft 17 Todesfälle.
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Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten bei 88 Bewohnern und prüft 17 Todesfälle in der bayerischen Seniorenresidenz Schliersee.

Seniorenresidenz Schliersee

17 Todesfälle – 88-fache Körperverletzung? Altenheim in Bayern unter Verdacht

  • Anna Charlotte Groos
    VonAnna Charlotte Groos
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Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen die Seniorenresidenz Schliersee. Der Bayrische Rundfunk berichtet von massiver Vernachlässigung und Körperverletzung.

  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die ehemalige Heimleiterin und drei weitere Beschuldigte.
  • Die Seniorenresidenz Schliersee ist trotz der schweren Missbrauchsvorwürfe immer noch geöffnet.
  • Der Betreiber des Altenheims streitet die Vorwürfe ab. Andere fordern eine komplette Reform des Altenheims.

Schliersee – In einem bayerischen Seniorenheim sollen zahlreiche Menschen über Jahre hinweg stark vernachlässigt worden sein. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt bereits seit Mai 2020 gegen die ehemalige Heimleiterin. Wie der Bayerische Rundfunk am Mittwoch (24.03.2021) berichtet, hat sie inzwischen drei weitere Beschuldigte im Visier. Insgesamt wird gegen 88 Körperverletzungsdelikte ermittelt und 17 Todesfälle werden überprüft.

Die Missstände in der Seiniorenresidenz Schliersee kamen durch einen Corona-Ausbruch ans Licht. Andrea Würtz, die im vergangenen Jahr oft für das Gesundheitsamt Miesbach in der Seniorenresidenz Schliersee vor Ort war, berichtet von fast verhungerten und verdursten Bewohner:innen, Verwahrlosung, alkoholisiertem Personal, Schimmel und Schmutz.

Seniorenresidenz Schliersee: Verwahrlosung und Körperverletzung

Eine Frau soll extrem dünn gewesen sein – nur noch Haut und Knochen – und auffällig gefroren haben. Ihre Hände sollen mit Stuhlgang verdreckt gewesen sein, die Füße wundgelegen, erzählte Andrea Würtz. „Ich hätte diese Frau am liebsten mit beiden Händen aus dem Heim getragen, so schlimm fand ich das“, äußerte sie gegenüber dem Bayerischen Rundfunk.

Zudem sollen etliche Wunden der Bewohner:innen in der Seniorenresidenz Schliersee unversorgt gewesen sein. An eine Situation mit einem männlichen Bewohner erinnert sich Andrea Würtz ganz genau: „Er hatte offene Beine, da tropfte Eiter und Blut auf den Teppichboden.“ Ein:e Angehörige:r berichtete, die eigene Mutter habe sich wundgelegen und keiner habe ihr geholfen: „Die offene Stelle war groß, ganz eitrig und entzündet.“

Stundenlang hätten die Bewohner:innen in ihren eigenen Ausscheidungen verharren müssen. „Mein Vater war nicht gewickelt, der war von oben bis unten voll Dreck“, berichtete ein:e Angehörige:r. „Die letzten Worte meiner Mutter waren: Bitte hol mich hier raus. Danach hat sie nie wieder gesprochen“, sagte ein:e andere:r. Und: „Die alten Leute um Hilfe geschrien und keiner ist gekommen.“

Altenheim Schliersee ging Beschwerden nicht nach – CSU-Landrat räumt Situation ein

Auch die Bundeswehr, die mit 45 Soldaten aushalf, weil das Altenheim Schliersee die Bewohner:innen während des Corona-Ausbruchs nicht mehr versorgen konnte, berichteten von der großen Lebensgefahr für die Menschen. Ehemalige Mitarbeitende bestätigten die Zustände vor Ort. Schon in den vergangenen Jahren sollen sich zahlreiche Pflegekräfte und Angehörige bei der zuständigen Heimaufsicht im Landratsamt Miesbach gemeldet und über Missstände im Heim berichtet haben.  

Doch die „Fachstelle für Behinderten- und Pflegeeinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht“ sei den Beschwerden nur zum Teil nachgegangen oder habe diese gar nicht erst aufgenommen, fand der Bayerische Rundfunk heraus. Der CSU-Landrat Olaf von Löwis, der seit 1. Mai 2020 im Amt ist, räumte die Situation in einem BR-Interview sogar ein: „Das haben wir so schnell und gut es ging abgestellt. Ja. Ich will das so stehen lassen. Habt ihr gut recherchiert.“

Missbrauch im Altenheim Schliersee: Ermittlung gegen Heimleiterin und weitere Beschuldigte

Gegen die ehemalige Heimleiterin der der Seniorenresidenz Schliersee wird seit Mai 2020 durch die Staatsanwaltschaft München II ermittelt. Drei weitere Beschuldigte sind inzwischen dazu gekommen. Eine zweite Durchsuchung durch die Staatsanwaltschaft im Landratsamt Miesbach fand im Februar statt. Außerdem wurden Hausdurchsuchungen bei den vier Beschuldigten durchgeführt.

Drei der Beschuldigten sind ehemalige oder aktuelle Mitarbeiter der Seniorenresidenz Schliersee, so die Staatsanwaltschaft. Die Kriminalpolizei hat bisher etwa 150 Zeugen befragt, unter anderem die ehemalige Mitarbeiterin des Gesundheitsamts Andrea Würtz.

Altenheim Schliersee ist immer noch geöffnet – Trotz Lebensgefahr

Im Mai sollte die Seniorenresidenz Schliersee wegen der massiven Hygiene- und Pflegemängel eigentlich schließen. Doch bis heute ist das Heim offen, immer noch leben Menschen dort. Der zuständige Landrat Olaf von Löwis verordnete lediglich einen Aufnahmestopp. In einem Interview mit dem BR sagte er, er habe nicht die juristische Befugnis, um das Heim zu schließen.

Laut dem bayerischen Pflege- und Wohnqualitätsgesetz (PfleWoqG) hat die Heimaufsicht ein Heim aber schon dann zu schließen, wenn der Träger länger vorhandene Mängel nicht fristgerecht beseitigt. Und nicht erst bei Lebensgefahr.

Sparkurs im Altenheim Schliersee: Betreiber streitet Vorwürfe ab – Weiterhin Unterernährung vorhanden

Seit Mai 2019 wird die Seniorenresidenz Schliersee von dem italienischen Unternehmen Sereni Orizzonti betrieben. Dieses Unternehmen führt noch weitere Altenheime in Deutschland, Spanien und Italien. Auch dort ermitteln die Staatsanwaltschaften.

Der Ex-Manager des Altenheims Schliersee, Siro Bona, hat sich inzwischen von seinem alten Arbeitgeber abgewandt. Bis Sommer 2020 lag die Seniorenresidenz Schliersee in seiner Verantwortung. Er erklärt die dortigen katastrophalen Zustände mit einem Sparkurs des Unternehmens: „Du betreust mit nicht qualifiziertem Personal, du bietest weniger Essen an, du wechselst die Bettwäsche seltener. So läuft das. Aber die Bewohner sind Personen, das sind menschliche Wesen. Die kannst du nicht behandeln wie Hühner im Stall.“

Der Betreiber Sereni Orizzonti bestreitet diese Vorwürfe jedoch. Er habe nicht an Pflege oder Qualität gespart. Dass die Seniorenresidenz im Mai nicht geschlossen wurde, erklärt ein Pressesprecher des Unternehmens damit, dass alle Standards eingehalten würden. Doch eine Mängelliste der Heimaufsicht vom Januar 2021 listet auf 18 Seiten unter anderem auf, dass die sich dort aktuell aufhaltenden Bewohner:innen falsche Medikamente erhalten und noch immer unterernährt sind.

Seniorenresidenz Schliersee sei kein Einzelfall: Pflegemängel in mehreren bayerischen Heimen

Robert Jekel, Heimleiter der Seniorenresidenz Schliersee, erklärte die Unterernährung der Bewohner:innen mit ihrem Alter und bestehenden Erkrankungen: „Ernährung stellt in jedem Heim in Deutschland ein Problem dar, aber nicht, weil das Heim das nicht im Griff hätte, sondern weil multimorbide alte Menschen mitunter an Krankheiten leiden, die ein Wieder-Aufpäppeln relativ schwierig machen. Ich meine das nicht abwertend.“

Insider vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) bezeichnen die Seniorenresidenz Schliersee als „krassen Fall“ – allerdings gebe es in Bayern mehrere Heime, in denen vergleichbare Pflegemängel herrschten.

Altenheim Schliersee: Reform der Heimaufsicht gefordert – Mehr Kontrollen vor Ort

Die ehemalige Mitarbeiterin des Gesundheitsamts und Pflegefachkraft Andrea Würtz findet, die Heimaufsicht sollte abtreten und komplett neu aufgestellt werden. Es sollte keine festen Teams geben, damit die Beziehungen zwischen Heim und Heimaufsicht nicht zu eng werden und nicht über Missstände hinweg gesehen würde. Außerdem sagte sie, Kontrollen sollten grundsätzlich ohne Anmeldung stattfinden.

Auch die Professorin Martina Hasseler, die als Pflegewissenschaftlerin an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter tätig ist, fordert eine häufigere Kontrolle der Zustände vor Ort. Denn Dokumentationen über die Versorgung könnten gefälscht werden. Meistens würden nur diese geprüft, nicht aber die die reale Situation.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen noch. Zunächst gilt Es die Unschuldsvermutung. Ob es zu einem Prozess kommen wird, ist daher noch offen. (Anna Charlotte Groos)

Auch in anderen Altenheimen, wie zum Beispiel im hessischen Mühlheim und in Bad Vilbel, wurden massive Missstände in den vergangenen Jahren aufgedeckt.

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