Kuhkuschel-Kurse

Ein Selfie mit „Bambi“

Was tun gegen den Großstadtstress? Einfach mal mit Kühen kuscheln!

Hallo Schatz“, begrüßt Anja Engel-Wilges die Kuh „Isabella“. Vorsichtig stapft die 51-Jährige durch das Stroh und hockt sich neben das Tier, das alle liebevoll „Bella“ nennen. Mit einem zufriedenen Schnauben legt „Bella“ ihren großen, schweren Kopf auf den Schoß von Engel-Wilges. Die beiden kennen sich schon eine Weile. Seit 2016 kommt die Frührentnerin zweimal im Jahr auf den Hof von Familie Eschmann nahe der oberbergischen Stadt Waldbröl, rund 60 Kilometer östlich von Köln.

„Die Kühe genießen das einfach“, sagt Melanie Eschmann, die sich am Scheunentor anlehnt. Ihre Familie bietet seit acht Jahren „Kuhkuschel-Kurse“ an. Sogar Zelten auf der Kuhweide ist möglich. „Wir möchten zeigen, dass Kühe nicht nur Nutztiere sind, sondern auch eine beruhigende Wirkung auf Menschen haben“, betont die Bäuerin.

Der Trend kommt ursprünglich aus den Niederlanden („Koe-Knuffelen“). Viele Bauernhöfe dort lassen Touristen für ein paar Stunden mit ihren Tieren schmusen. Auch in der Eifel, im Sauerland und im Allgäu sowie in Österreich und der Schweiz setzen Bauern auf das Konzept; die US-amerikanische „New York Times“ und der britische „Independent“ berichteten bereits über den Wellness-Trend „cowcuddling“.

Kuhkuscheln ist mehr als eine nette Freizeitaktivität, so sieht es Therapeutin Angela Zimmermann. Die Begegnung mit Kühen helfe tatsächlich gegen Stress. Wenn Menschen ein Tier streichelten, werde das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, erklärt die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie. Das Wohlfühlhormon sei ein Gegenspieler von Stresshormonen. Das ständige Wiederkäuen der Kühe habe zudem etwas Meditatives.

Die Kuhkuschlerinnen Arlette und Yvonne Pandolfi kommen aus Köln. Die zwei streicheln gerade neben Bellas Stall die Jersey-Ochsen „Bambi“ und „Valentino“. Mutter und Tochter arbeiten in einem Familienunternehmen. Die 39-jährige Arlette Pandolfi war im Frühjahr dieses Jahres schon einmal bei den Eschmanns. Sie ist beruflich viel unterwegs, wie die Geschäftsfrau erzählt. Nach dem Kuhkuschel-Kurs sei sie noch Tage danach entspannt gewesen.

Heute hat sie es sich neben „Bambi“ im Stroh bequem gemacht, trägt rosafarbene Marken-Gummistiefel, dazu passende Handschuhe und Mütze. Die Kuhfladen um sie herum scheinen die modewusste Frau nicht zu stören. „Du bist so schön“, flüstert sie „Bambi“ ins Ohr, „und so flauschig!“

„Kühe sind immer ein bis zwei Grad wärmer als Menschen“, erklärt Chefin Eschmann, die gerade Ochse „Valentino“ über den Rücken oberhalb des Schwanzes krault. Das mögen die Tiere besonders gern, wie sie sagt. Bei jeder Kuschel-Stunde erfahren die Teilnehmer auch etwas über die Tiere. Zum Beispiel, dass sie manchmal richtig eifersüchtig aufeinander sind. Etwa, wenn die eine mehr Streicheleinheiten bekommt als die andere.

Was Eschmann außerdem betont: Bitte nicht einfach so auf irgendeine Kuhwiese gehen. Das sei gefährlich. Nicht jede Kuh sei verschmust. Die Herde von Familie Eschmann sei mit Menschen groß geworden und entsprechend „erzogen“, wie die Bäuerin klarstellt.

Tochter Laura Eschmann steht währenddessen am Gatter und ermahnt die Kuschel-Gäste immer wieder: „Auf die Füße aufpassen!“ – „Aua, das war mein Schienbein!“, schimpft wenig später Kuhkuschlerin Anja Engel-Wilges, die inzwischen ebenfalls zu „Bambi“ im Stall nebenan gewandert ist und sich rücklings an den Kuhkörper lehnt. „Bambi“ hatte sich mit seinen mehreren hundert Kilogramm an ihr Bein gelehnt.

So richtig böse kann Engel-Wilges dem Tier jedoch nicht sein. „Diese Ruhe finde ich nirgendwo“, schwärmt sie schon wieder. Leise zieht die Tiernärrin ihre Digitalkamera aus der Jackentasche und macht ein paar Selfies mit der Kuh.

Die Liebe zu Tieren haben alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen gemeinsam. Die Gruppen, die zum Kuhkuscheln auf den Hof kommen, sind ansonsten bunt gemischt, wie Eschmann berichtet: Es sind Trauergäste, Menschen mit Burnout oder ADHS, Schulklassen, Kindergarten-Gruppen. Auch Junggesellenabschiede und einen Heiratsantrag habe es schon gegeben.

Die Kosten für tiergestützte Therapie, zu der sich das Kuhkuscheln zählen lässt, werden nicht von der Krankenkasse übernommen. „Leider“, sagt Tiertherapeutin Zimmermann. Es fehlten einheitliche Qualitätsstandards sowie eine staatlich anerkannte Ausbildung: Jeder kann sich „Tiertherapeut“ nennen. Verbände arbeiteten daran, Richtlinien zu entwicklen.

Die Begegnung mit den Kühen hat bei Arlette Pandolfi neben der Entspannung noch etwas anderes ausgelöst: Sie verzichtet seitdem auf Rindfleisch. „Und du hast es geliebt, Steak zu essen“, erzählt ihre Mutter später im Campingwagen. Hier wärmen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Kaffee und Kuchen auf. Auch Therapeutin Zimmermann erhofft sich durch Angebote wie Kuhkuscheln ein Umdenken und mehr Respekt für Nutztiere: „Kühe sind nicht nur Milch und Fleisch.“ (dpa)

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