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Lieber reden statt sich zu verstecken – Stalking macht einsam.

Stalking

Selbsthilfe gegen den Horror

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In einer Betroffenengruppe in Köln finden Menschen Kraft, sich gegen ihre Stalker zu wehren.

Der Terror passt in einen grauen Aktenordner. Seit knapp einem Jahr ist dieser Ordner Lisas Begleiter – durch den Alltag, zum Psychologen, zur Polizei. Er dokumentiert den Schrecken: Hunderte Nachrichten, Verleumdungen, Gerichtsverfahren.

Lisa wird gestalkt. Bis vor einem Jahr war der Mann, der ihr heute nachstellt, ihr Lebensgefährte. Damals Liebe, Sex und Schwärmereien – heute: „Du Hure“ und „du geldgeiles Stück“ in immer neuen Variationen. Im Internet landen Bilder, die Lisa beim Sex zeigen; in der Nachbarschaft kursieren immer neue Gerüchte über ihr Privatleben. „Mein Leben ist die Hölle“, sagt die Frau, deren wirklicher Namen hier nicht genannt werden kann.

Stalking ist das Verfolgen und Belästigen von Menschen, die das nicht wollen, über einen längeren Zeitraum. Stalker überschreiten Grenzen; mit jeder SMS, jedem Anruf oder Besuch am Arbeitsplatz dringen sie in die Privat- und Intimsphäre ihrer Opfer ein: Sie sind Ex-Partner, Fanatiker, die ihrem Idol nahe sein möchten, oder haben sich ihr Opfer scheinbar zufällig ausgewählt.

Lisa ist ein Fall von vielen: In Bremen tyrannisiert ein Mann einen Jugendlichen über Monate, macht dessen Homosexualität öffentlich und schickt ihm ein Grabgesteck. In Graz bombardiert eine Frau die Schriftstellerin und Psychotherapeutin Monika Wogrolly mit Hunderten Nachrichten und Anrufen. Auch Gefängnisstrafen stoppen die Stalkerin nicht. In Frankfurt stirbt eine Ärztin, weil sie ihren Freund verlässt. Der Mann stellt ihr nach, eines Tages ersticht er sie.

Die Bandbreite von Stalking ist groß, die Dunkelziffer hoch: Brigitta Brüning-Bibo ist Stiftungsmanagerin der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Sie schätzt, dass jedes Jahr rund 200 000 bis 300 000 Menschen Opfer von Stalking werden. Vor Gerichten spielt Stalking – Juristen sprechen von Nachstellung – dagegen nur eine kleine Rolle. Das sei fatal, sagt Brüning-Bibo: „Die polizeiliche Statistik verzeichnet nur 19 000 Fälle. Und davon werden nur ein Prozent verurteilt.“

Dabei ist Stalking für Betroffene immer eine große Belastung. „Stalking hat gravierende Folgen – von Magenschmerzen über Depressionen bis zu Suizidgedanken“, sagt Brüning-Bibo. Angst, Isolation, Einsamkeit – das sei die typische Reaktion vieler Stalking-Opfer. „Sie ziehen sich in ein Schneckenhaus zurück.“

Viele verzichten auch auf den Gang zur Polizei: „Oft aus Furcht, dass ihnen nicht geglaubt wird oder aus falscher Treue – die meisten Stalking Fälle sind Beziehungstaten“, sagt Brüning-Bibo.

Ralf Scharrer, Schauspieler und Gründer der Kölner Selbsthilfegruppe.

Auch Lisa, eigentlich eine selbstbewusste Frau, leidet. In ihrer Wohnung fühlt sie sich nicht mehr sicher, Freunde wenden sich wegen der Sex-Fotos von ihr ab. Sie weint oft, hat Angst um die Beziehung zu ihrer erwachsenen Tochter. Instinktiv aber tut sie etwas richtiges: Sie spricht mit einem Psychologen, findet einen neuen Lebensgefährten, besucht eine Selbsthilfegruppe von Stalking-Opfern.

Öffnung statt Isolation, auch wenn es schmerzhaft ist. Viele Betroffene trauten sich aus Scham nicht, über ihre Stalking-Erfahrungen zu sprechen, sagt Brüning-Bibo. „Dabei ist das so wichtig.“

Zwei Mal im Monat fährt Lisa nun aus ihrer Heimatstadt Neuss nach Köln, um dort mit anderen Stalking-Opfern über das zu sprechen, was sie erleben – Anrufe, Liebesbekundungen, Todesdrohungen. Ralf Scharrer hat die Kölner Selbsthilfegruppe gegründet. Auch er hat Aktenordner voller Dokumente, insgesamt sind es vier Stück. Der 43-jährige Schauspieler – markantes Gesicht, Glatze – spricht mit vollem Körpereinsatz. Wenn er erzählt, sind seine Hände stets in Bewegung: Sie zeigen, wischen, stürzen, werden im Schoß gefaltet und zurück in die Luft geworfen.

Nun liegen Scharrers Hände wie festgezurrt auf einem seiner Ordner. Darin sind Kopien jener Nachrichten, die ihm sein Stalker geschickt hat, dazu Klageschriften, Urteile, Korrespondenz mit Opferschutzorganisationen. Vierzehn Jahre Stalking produzieren viel Papier.

Scharrer ist Anfang 20, als er seinen späteren Stalker kennenlernt. Die beiden sind sich sympathisch, aber Scharrer ist in einer Beziehung, also passiert erst einmal nichts. Ein Jahr später schleicht sich der Mann langsam in das Lebens des deutlich jüngeren Scharrer. Der ist inzwischen Single und genießt die Aufmerksamkeit. Scharrer, der viel arbeitet und mit Gleichaltrigen oft nicht zurechtkommt, fühlt sich ernst genommen und verstanden.

Der Mann wohnt in einer anderen Stadt, Hunderte Kilometer entfernt. Er ruft an, sie telefonieren. Die Intervalle zwischen den Anrufen werden kürzer: Liegen zwischen den ersten Telefonaten noch Wochen, sind es bald nur noch Stunden. „Er war mein älterer Berater“, sagt Scharrer. Besuche, Cabriofahrten, mehr Anrufe.

Schutz für Opfer

„Stalkingbezeichnet wiederholtes widerrechtliches Verfolgen, Nachstellen, penetrantes Belästigen, Bedrohen und Terrorisieren einer Person gegen deren Willen bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt“ - so definiert die Polizei das Phänomen Stalking. Frauen sind davon überproportional betroffen.

Opfervon Stalkern sollten genau dokumentieren, was ihnen angetan wird. Die Opferschutzorganisation Weißer Ring hat deswegen eine App entwickelt. Sie speichert Fotos, Videos und Sprachaufnahmen verschlüsselt auf einem Server. Rund 10 500 Menschen nutzen die vom TÜV zertifizierte App. Download und Infos unter https://nostalk.de

Zur Kölner Selbsthilfegruppegibt es mehr Informationen unter https://aktiv-gegen-stalking.de. Dort stellt Ralf Scharrer auch seinen Roman „Dem Wahnsinn entkommen“ vor. (sbh)

Immer öfter überschreitet der Mann Grenzen. Scharrer will Ruhe, aber das Telefon schweigt nicht: Wo bist du? Mit wem bist du unterwegs? Wann können wir uns sehen?

Eine, die weiß, wie Stalker ticken, ist Katrin Streich. In amerikanischen Krimiserien wäre sie eine Profilerin, in der Realität ist ihre Berufsbezeichnung langweiliger: Kriminalpsychologin. Für das Landeskriminalamt Sachsen hat sie elf Jahre lang Stalker analysiert. Inzwischen arbeitet sie beim Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt.

Streich rät zu einer „einhundertprozentigen Kontaktvermeidung“. Also: Anrufe ignorieren, Whatsapp-Nachrichten unbeantwortet lassen, keine Treffen. Das gilt auch für Freunde und Angehörige des Opfers, wie Streich betont. „Mit dem Stalker reden – das geht nicht.“

Distanz halten – Scharrer schafft es nicht. Er antwortet auf die Nachrichten seines Stalkers, sie schlafen einmal miteinander, zwischenzeitlich wohnt Scharrer sogar in einer Wohnung, die ihm der Mann vermietet. „Ein riesiger Fehler“, sagt Scharrer heute.

Denn das Stalking intensiviert sich: Todesdrohungen auf dem Handy, Tierkadaver und Haarwuchsmittel in der Post, Callboy-Anzeigen im Internet. Dazu Scharrers Rufnummer: „20 Euro für alles.“ Ob es der Stalker war, weiß Scharrer bis heute nicht. „Ich weiß nur, dass ich nie Feinde hatte – außer diesen Mann, der mir das Leben zur Hölle machen wollte.“

Dann der Knall: Scharrer kehrt aus dem Urlaub zurück – und die Wohnung ist leer. Alle Möbel weg, Scharrer obdachlos. Scharrer: „Das war der Supergau.“ Sieben Jahre später ist der Schauspieler oben auf. Er hat sich zurück ins Leben gekämpft: Neue Wohnung, neue Liebe, berufliche Erfolge. Auch weil er sich öffnet: Er schreibt einen Roman, in dem er auch eigene Stalking-Erfahrungen verarbeitet, und gründet 2019 eine Selbsthilfegruppe.

Die Gruppe trifft sich in einem Bürohaus irgendwo in Köln. Durch die Tür, eine Treppe hinab, in ein einfaches Zimmer. Sechs zusammengeschobene Tische, darum Stühle, dichte Vorhänge an den Fenstern. Jeden zweiten Dienstag sitzen sie zusammen und sprechen über das, was draußen passiert. Ihre Geschichten ähneln sich. Draußen – das ist Horror: Hunderte Anrufe und SMS, erst Liebesschwüre, dann Hass. Drinnen die Gruppe, ein geschützter Raum. Einer der wenigen, der noch geblieben ist. Weswegen auch der Reporter gehen wird, bevor das Gruppengespräch beginnt.

Noch aber sitzen hier nur Lisa und Ralf Scharrer vor ihren Aktenordnern. Diese Ordner sind auch deswegen wichtig, weil Stalking-Opfer alles dokumentieren müssen, wenn sie auf Erfolge vor Gericht hoffen wollen – jede SMS, jede Anzeige wegen Beleidigung, jedes Kontaktverbot. Die Ordner symbolisieren das, was Stalking so zermürbend macht: Man will den Wahnsinn vergessen, aber muss ihn stattdessen fein säuberlich sortiert in den Schrank stellen. Und sich immer und immer wieder damit beschäftigen. „Eine doppelte Qual“, sagt Lisa.

Lange gab es keine Stalking-Paragraphen im Strafgesetzbuch: Wer gegen Stalking juristisch vorging, musste Umwege nehmen – zum Beispiel über die Paragraphen Beleidigung oder Sachbeschädigung.

Erst seit 2007 ist Nachstellung eine Straftat. 2017 verschärfte der Bundestag den Nachstellungsparagraphen. Seitdem reicht die Möglichkeit, dass Stalking das Leben des Opfers schwerwiegend beeinträchtigen könnte. Vorher war eine reale Veränderung nötig – zum Beispiel ein Umzug wegen Stalking.

„Der Nachstellungsparagraph wurde nachgebessert, zufriedenstellend ist die Situation noch nicht“, sagt Kriminalpsychologin Katrin Streich. Auch sie hat beobachtet, wie lange Verfahren dauern und wie selten sie mit einer Verurteilung des Täters oder der Täterin enden.

Immerhin: Heute sei das Phänomen Stalking im Bewusstsein vieler Polizisten und Juristinnen angekommen, sagt Streich. „Es kommt immer darauf an, auf wen das Opfer bei der Polizei trifft. In vielen Präsidien gibt es inzwischen Stalking-Beauftragte mit großer fachlicher Kompetenz.“

Lisa hat andere Erfahrungen gemacht. Auch deshalb sei sie so froh, die Kölner Selbsthilfegruppe gefunden zu haben: „Ich brauche jemanden, der mich versteht.“ Dieses Verständnis habe sie in der Gruppe erfahren.

Bei Behörden und Polizei stieß sie hingegen oft auf Unverständnis: Beim Einwohnermeldeamt ließ sie ihre Adresse sperren, doch ein Gericht schickte den neuen Wohnort prompt an den Stalker – ungeschwärzt. Mit einer einstweiligen Verfügung erreichte sie, dass ihr der Mann fernbleiben muss und sie nicht mehr kontaktieren darf – doch der macht einfach auf Facebook weiter. „Das kostet Kraft“, sagt sie resigniert.

Ralf Scharrer hat mit seinem Stalker abgeschlossen – auch dank diverser Gerichtsverfahren. „Ab und an kommt noch eine anonyme Nachricht, aber das war’s.“ Lisas Geschichte endet mit diesen Zeilen nicht: „Ich bin noch mitten drin.“ Gerade erst hat sie wieder eine Anzeige erstattet, weitere Besuche auf dem Polizeipräsidium werden wohl folgen. Wenn es schlecht läuft, wird sie einen zweiten Ordner anlegen müssen.

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