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In Rocinha in Rio de Janeiro wohnen laut Regierung 70 000 Menschen. Die Bewohner sagen, sie seien dreimal so viele.
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In Rocinha in Rio de Janeiro wohnen laut Regierung 70 000 Menschen. Die Bewohner sagen, sie seien dreimal so viele.

DJ-Schule

Selbstbewusster mit Musik

  • Wolfgang Kunath
    VonWolfgang Kunath
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Renato da Silva will mit einer DJ-Schule den Bewohnern von Rio de Janeiros größter Favela eine neue Perspektive geben.

Renato da Silva hat einen Gutteil seiner 51 Lebensjahre in den USA verbracht, und gefallen hat es ihm dort nicht. Das mag man verstehen oder auch nicht, aber dass er nun ausgerechnet seinen jetzigen Wohnort als eine Art Paradies auf Erden darstellt – das ist ziemlich erklärungsbedürftig. „I love it!“, sagt Renato, „woanders würde ich nie leben wollen!“

Seine nicht eben luxuriöse Wohnung liegt an einer lauten Durchgangsstraße, und wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man einen Großteil von Rocinha, ein Stadtteil von Rio de Janeiro, der immer wieder mit einem etwas zwiespältigen Superlativ bedacht wird: Rocinha sei die größte Favelas von Rio, von Brasilien, von ganz Südamerika.

Superlativ hin oder her, jedenfalls ist Rocinha riesig: Wie ein überdimensionales Amphitheater staffelt sich die Arme-Leute-Siedlung im Halbrund den Berg hinauf. Eine enge Welt aus Ziegel und Beton, fast ohne Grün, aber mit atemberaubenden Ausblicken aufs Meer. Amtlichen Zählungen zufolge wohnen hier 70 000 Menschen aufeinander. Die Bewohner sagen, sie seien dreimal so viele.

Renato ist hier geboren. Sein Vater stammt aus dem Nordosten Brasiliens, seine Mutter ist Amerikanerin, die vor über einem halben Jahrhundert als Englisch-Lehrerin hierher kam. Damals war die Favela noch kleiner und vor allem noch armseliger. „Die Militärs haben ja bis in die achtziger Jahre feste Gebäude in Rocinha verboten“, sagt Renato, um sie eventuell leichter räumen zu können. Mit der Folge, dass die Favela damals ganz und gar aus Bretterbuden bestand.

Renato – unter diesem Namen ist Renato so gut wie gar nicht bekannt. Zezinho nennen sie ihn hier, Zezinho nennt er sich. Eine Art Künstlername, denn Zezinho ist nicht nur Fremdenführer, sondern auch Disc Jockey. Und auch wenn man als Außenstehender mitunter das Gefühl hat, er verkläre das Leben in der Favela, so kann man ihm ganz und gar nicht vorwerfen, dass er die Probleme des Lebens in einem Armenviertel kleinredet.

Im Gegenteil, er sieht sie nüchtern und objektiv, und er unternimmt auch noch etwas dagegen: Er hat eine DJ-Schule gegründet, in der die interessierten Jugendlichen in der Kunst des Auflegens unterwiesen werden. Und zwar gratis.

Wobei „Schule“ vielleicht ein etwas großes Wort ist. Er hat sein Bett in die Wohnküche gerückt, wohin ihm seine drei Katzen gefolgt sind, und im anderen, im größeren Zimmer stehen nun, am frühen Abend, Mateus, 14, und Anderson, 18, an dem langem Tisch, auf den Abspielgeräte und Mischpulte aufgebaut sind. „Hätt‘ ich nicht gedacht, dass das so schwer ist“, sagt der jüngere. Es sei so ähnlich wie ein Instrument zu lernen, fügt Anderson hinzu: „Irgendeine Melodie kriegst du schnell hin, aber damit beherrschst du das Instrument ja noch lange nicht“. „Die Maschinen sind das Werkzeug der Kreativität“, doziert Zezinho. Er hat 1988 mit dem Auflegen angefangen, noch mit Vinyl und Plattenspieler. Heute sei alles viel einfacher und perfekter, sagt er und gibt mal schnell eine kleine Kostprobe von den „tausend Dingen, die du mit einem Sound machen kannst“. Wie ein Prisma einen Lichtstrahl bricht, so vielfältig variieren die schwarzen Maschinen eine schlichte Tonfolge, und darüber legen sich mal luftige, mal bleischwere Perkussionsteppiche. Oder auch mal eine Stimme wie aus der tiefsten Friedhofsgruft.

Und warum verbringen die beiden dreimal die Woche ihren Abend in Zezinhos Ton-Atelier? „Weil es Spaß macht, und weil man lernt, wie man die Leute dazu bringt, sich zu vergnügen“, sagt Anderson. Ans Geldverdienen denken die beiden nicht, sagen sie, sie sehen es eher als Freizeit-Vergnügen denn als Berufschance. „Viele kommen erstmal ohne große Absichten“, fasst Zezinho seine Erfahrungen mit den etwa 60 Teilnehmern der vergangenen Jahre zusammen, „und dann sehen sie, dass es Spaß macht und Geld bringt“. Er dringt darauf, dass die Schüler bei keinem Auftritt trinken und bei jedem Auftritt so gut sind wie möglich: „Es kann ja immer mal ein Produzent unter den Gästen sein“.

Zezinhos Schule trägt den Namen Spin Rocinha. Ihre Website ist im trockenen Jargon der Nichtregierungs-Organisationen verfasst und strotzt vor „narrativen Strukturen“, „kreativem Empowerment“ und anderen „relevanten Fragestellungen“.

Der Gründer ist dagegen von erfreulicher Bodenständigkeit. „Das Problem ist, dass die Favela-Bewohner außerhalb der Favela zu wenig Selbstbewusstsein an den Tag legen“, sagt er, „da gilt Favela doch als stigmatisiert“. Aber wer etwas Spezielles kann – Musik auflegen zum Beispiel –, der kann anders auftreten: mit mehr Selbstbewusstsein. Umgerechnet an die 10 000 Euro stecken in den Geräten, die bei Zezinho auf dem Tisch stehen – wenn die Schüler nichts bezahlen, wie finanziert sich das? „Ich war ein paar Jahre lang in San Francisco und in Kanada“, erzählt er, „und als ich 2000 nach Rio zurückkam, um mich um meinen kranken Vater zu kümmern, hat ein Freund zu mir gesagt, mach doch Tourismus, du kannst doch Englisch!“

Er hat sich die Fremdenführer, die nicht in der Favela wohnen und sie trotzdem den Touristen zeigen, mal angehört und fand, dass da ziemlich viel Unsinn erzählt wurde. „Vier von fünf Sätzen beziehen sich bei denen auf Drogen und Mafia“, sagt er, der früher selber mal mit Drogen gehandelt hat, „ich verschweige diese Seiten der Favela zwar nicht, aber ich rede auch über die guten“. Also über das Zusammenleben von Menschen, die Kriminalität und Drogen genauso ablehnen wie die außerhalb der Favelas, aber gezwungen sind, damit zu leben.

Und außerdem biete er – vier Stunden für 22 Euro – Touren an, die es nur bei ihm gebe: Foto-Exkursionen, Graffiti-Besichtigungen, Gastronomie-Trips, Ausflüge zu Fußball-Turnieren und Funk-Partys. Das läuft so gut, dass er davon leben und die DJ-Schule unterhalten kann; mittlerweile hat er zwei Tour-Guide-Partner. Autos benutzt er nicht. Zu Fuß lerne man mehr, sagt er. Und außerdem sei die Favela sicher: „In Copacabana hätte ich viel mehr Angst vor einem Überfall als hier“. Was natürlich auch daran liegt, dass er mit seinem soliden Gringo-Akzent in Rocinha bekannt ist wie ein bunter Hund.

„An den USA hat mich gestört, dass alle immer nur hinter dem Geld und dem Status her waren“, murrt er, „in Rocinha kannst du nicht so tun, als wärst du etwas, was du nicht bist“. Dafür könne man unbeschwert das sein, was man ist: „Zum Beispiel dick, so wie ich“. Dünn ist er wirklich nicht. Und deshalb passt auf seine Beine und Oberschenkel auch ganz Rocinha: Als Tattoo.

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