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Tausende haben ihr Zuhause verloren: Ein Mann betrachtet mit seinem Kind die Schäden in einem verwüsteten Dorf.

Vulkanausbruch in Indonesien

"Selbst das Meer stand in Flammen"

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Mehr als 400 Tote, 1500 Verletzte und 16 000 Obdachlose. Ein Tsunami nach dem Ausbruch des Vulkans Anak Krakatau führt in Indonesien zur nächsten Katastrophe. Wissenschaftler hatten das Desaster bereits vor sechs Jahren vorhergesagt.

Der Schrecken steht am Mittwoch vielen Überlebenden, die auf wackeligen Holzbooten von der Insel Pulau Sebesi zu dem kleinen Küstenort Desa Cantik gebracht werden, noch immer ins Gesicht geschrieben. „Selbst das Meer stand in Flammen“, beschreibt einer von ihnen die dramatischen Minuten am vergangenen Samstagabend, als eine etwa drei Meter hohe Wasserwand unaufhaltsam auf den kleinen Flecken Erde in der Sunda-Straße zuraste. Den Bewohnern blieb kaum Zeit, aus ihren Hütten ins Inselinnere auf etwas höher gelegene Hügel zu gelangen.

Pulau Sebesi liegt nur 20 Kilometer von dem feuerspeienden Vulkan Anak Krakatau entfernt, der am Samstagabend nach Einbruch der Dunkelheit ausgebrochen war. Wissenschaftler vermuten, dass ein Erdrutsch oder austretende Lava unter Wasser den Tsunami auslöste. 430 Tote, etwa 1500 Verletzte und 16 000 obdachlose Überlebende meldeten Indonesiens Behörden bis Mittwoch. In diesen Angaben fehlen die Daten von sechs Dörfern im Westen der Insel Java. Auch die Küste Sumatras an der Meerenge zwischen dem Indischen Ozean und der Java-See war betroffen.

Für die Überlebenden bewahrheitet sich seither die alte Volksweisheit, dass ein Unglück selten alleine kommt. Wie schon im September nach einem verheerenden Erdbeben samt Tsunami auf der Insel Sulawesi erreicht Hilfe die Opfer nur tröpfchenweise. „Die meisten Überlebenden hausen in provisorischen Unterkünften“, erklärte die Internationale Föderation des Roten Kreuzes, die während der Weihnachtstage rund 400 Helfer in das betroffene Gebiet schickte, „und sie fangen langsam an, nach Überlebenden und Resten ihres Eigentums zu suchen.“

Doch viel können sie nicht suchen. Indonesiens Behörden, die von dem Tsunami völlig überrascht wurden, befahlen, sich der Küste nicht näher als einen Kilometer zu nähern. Grund der Anordnung: Am Mittwoch drohte eine hohe Flut und extrem schlechtes Wetter. Außerdem herrscht die Furcht, dass Lava des Anak Krakatau erneut hohe Wellen verursachen könnte.

Katastrophe vor sechs Jahren vorhergesagt

Laut Experten veränderte der Vulkan seit dem Ausbruch vom Samstag seine Aktivitäten. Er spukt kein Feuer mehr aus seinem eingebrochenen Krater. Stattdessen brodelt und kocht das Meer in der Umgebung, weil Lava und heißes Gestein unter Wasser an den Flanken austritt. Die Folge ist eine unberechenbares, tobendes Ungetüm, das die Vulkaninsel samt Umgebung in eine Hölle aus heißem Dampf, Asche und Rauch verwandelt. Niemand weiß, was genau unter Wasser passiert.

Wissenschaftler der Universität von Oregon hatten in ihrem Bericht „Tsunami-Risiko nach einem Kollaps an einer Flanke des Anak Krakatau“ bereits vor sechs Jahren exakt das Desaster vorhergesagt, das sich zwei Tage vor Weihnachten nun tatsächlich ereignete. „Manchmal will niemand die Stimme der Wissenschaft hören“, lamentierten am Mittwoch Experten auf der Webseite „Volcano Discovery“.

Schon im September versäumten Indonesiens Behörden nach dem Erdbeben der Stärke 7,5 in Sulawesi, die Bevölkerung vor einer Tsunami-Gefahr zu warnen. 2000 Menschen starben. Diesmal wurden sie überrascht, weil das bestehende Warnsystem vor allem auf Erdbeben reagiert. Aber der Mangel an Geld, vandalierende Fischer, die hochempfindliche Bojen im Ozean beschädigten, und Nachlässigkeit bei der Auswertung spielen ebenfalls eine Rolle beim erneuten Versagen.

Die Regierung in Jakarta, die per Luftlinie nur ein paar Hundert Kilometer vom Anak Krakatau entfernt liegt, kündigte nun an, das bestehende Warnsystem schnellstmöglich aufzurüsten. Künftig sollen verstärkt die Wasserbewegungen im Meer beobachtet werden. Ob am Samstag eine Warnung rechtzeitig gekommen wäre, ist fraglich. Laut Experten gab es eine Zeitspanne von maximal 38 Minuten, bevor die Welle die Küste erreichte.

Die Absichtserklärungen helfen den Opfern allerdings nicht weiter. Die Überlebenden, viele von ihnen Christen, feierten derweil Christmetten in Trauer. Der Leadsänger der Rockgruppe „Seventeen“ begrub am Mittwoch seine Ehefrau. Sie gehörte zu den 200 Gästen eines Konzerts der Band in einem Hotel, als sich plötzlich eine Wasserwand hinter der Gruppe auftürmte und die Bühne wegriss. Der Leadsänger ist der einzige Überlebende seiner Rockband.

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