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Die Aufnahme aus den 1980er Jahren zeigt den Eingangsbereich der Colonia Dignidad in Parral, Linares, Chile. (zu dpa "Zehn Fakten zum Rekord-Haushalt 2019 " vom 28.11.2018) 

Chile

Sektenführer Paul Schäfer: Ein Teufel in der „Kolonie der Würde“

In der Colonia Dignidad am Fuße der chilenischen Anden herrschte der deutsche Jugendpfleger Paul Schäfer mit eiserner Hand über seine Anhänger. Er zerriss Familien, missbrauchte Kindern, ließ Regimegegner foltern. Vor zehn Jahren starb er – seine Opfer leiden noch immer.

Paul Schäfer hielt sich für Gott, für seine Opfer war er der Teufel. Der deutsche Laienprediger errichtete in der Colonia Dignidad (Kolonie der Würde) in Chile ein Terrorregime, verging sich an rund 200 Jungen, ließ seine Jünger unter unmenschlichen Bedingungen für sich schuften und unterstützte die Militärdiktatur von General Augusto Pinochet. 

Zehn Jahre nach seinem Tod (24. April) werden die Opfer in Deutschland und Chile nun erstmals für ihr Leid entschädigt. „Die ersten Direktzahlungen sind jetzt vor wenigen Tagen an die Opfer gegangen“, sagt der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Brand. Gemeinsam mit Abgeordneten anderer Parteien hatte er sich jahrelang dafür eingesetzt, dass die Opfer finanzielle Hilfen in Höhe von bis zu 10.000 Euro erhalten.  Brand hofft, dass bis Ende des Jahres alle rund 200 Opfer der Colonia Dignidad ihre Hilfsleistungen bekommen haben. 

1961 floh der ehemalige Jugendpfleger Paul Schäfer vor drohender Strafverfolgung in Deutschland nach Chile und gründete rund 400 Kilometer südlich von Santiago am Fuße der Anden die Colonia Dignidad. Mit bloßen Händen errichteten seine Anhänger in dem abgelegenen Gebiet eine Musterfarm mit Werkstätten, landwirtschaftlichen Betrieben und einem Krankenhaus, in dem die chilenische Landbevölkerung kostenlos behandelt wurde. 

14.03.2005, Chile, Santiago: Paul Schäfer ,der frühere Chef der Colonia Dignidad in Chile, iim März 2005. 

Gleichzeitig kam es in der Kolonie jahrzehntelang zu Folter, Zwangsarbeit und Kindesmissbrauch. In der chilenischen Militärdiktatur wurden auf dem abgeschotteten Areal zudem Regimegegner gefoltert und ermordet. „Er war der Teufel, über Jahre, Jahrzehnte“, sagt das frühere Sektenmitglied Willi Malessa in dem Dokumentarfilm „Colonia Dignidad – Aus dem Inneren einer deutschen Sekte“. 

Durch Manipulation gelang es Schäfer dennoch, seine Anhänger an sich zu binden. „Ich wäre für ihn durchs Feuer gegangen“, sagt Robert Matthusen über den Sektenführer. „Für mich war klar: Der Mann ist eine gottähnliche Figur.“ 

Schäfer übte totale Kontrolle über die Sektenmitglieder aus. Familien wurden getrennt. Kinder durften nicht mit ihren Eltern zusammenleben. „Er wollte überall den Fuß in der Tür haben“, sagt Malessa. „Die Familie hätte alles kaputtgemacht.“ 

Zudem machte Schäfer Beziehungen unmöglich: Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, selbst Ehepaare wurden getrennt und lebten und arbeiteten ohne Kontakt zueinander.

Der Sektenführer verachtete Frauen: „Ihr seid ein faules, stinkendes, fleischliches Pack“, sagt Schäfer in einer historischen Tonbandaufnahme. Frauen mussten sich möglichst unfeminin kleiden, ihre Haare unter Kopftüchern verstecken. Viele Frauen gingen gebückt, um ihre Brüste zu verbergen. 

Schäfer etablierte in der Colonia Dignidad ein System der ständigen Denunziation. Kinder überwachten sich gegenseitig und wurden dazu ermuntert, andere anzuschwärzen. Immer wieder wählte er einzelne Jungen aus, badete und missbrauchte sie. Auf dem Nachttisch lag dabei stets eine Pistole, erinnert sich Matthusen.

Als 1970 mit Salvador Allende ein linker Präsident in Chile an die Macht kam, ließ Schäfer die Kolonie mit Stacheldrahtzäunen, Stolperfallen, Wachtürmen und Bunkern sichern. Er fürchtete, dass Allende im Zuge einer Landreform auch die Güter der Colonia Dignidad verstaatlichen könnte. Zudem beschaffte er Waffen in Deutschland, die versteckt in Hilfslieferungen nach Chile verschifft wurden. 

Mit Teilen aus Deutschland bauten die Sektenmitglieder in der Kolonie außerdem selbst Gewehre, Pistolen und Bomben. Unter der Führung von General Augusto Pinochet putschten die Militärs 1973 gegen Allende. Schäfer begrüßte den Staatsstreich und stellte der Geheimpolizei Dina die Kolonie zur Verfügung: Politische Häftlinge wurden in ehemaligen Kartoffel- und Getreidekellern gefoltert. „Das war ein wahnsinniges Geschrei, jede Nacht“, sagt Georg Laube, der als Kind über dem Folterkeller in der Schneiderei arbeitete und schlief. 

Pinochet besuchte im August 1974 die Colonia Dignidad. Schäfer schenkte ihm einen Mercedes, im Gegenzug erhielt er Schürfrechte für Gold und Uran und durfte fortan in der Region die Polizisten auswählen. Nach dem US-Embargo gegen Chile half Schäfer der Militärdiktatur außerdem dabei, Waffen zu beschaffen. 

Bereits in den 70er Jahren gab es Hinweise auf die in der Kolonie verübten Verbrechen. „Diese Kolonie ist eine Musterfarm der Menschenverachtung“, sagte der frühere Bundesminister Norbert Blüm nach einem Besuch in Chile. „Und wir sind mitbetroffen, denn es sind Deutsche, die hier schuldig geworden sind.“ Doch Blüm stand mit seiner Überzeugung in Bonn weitgehend allein da, die Bundesregierung hatte wenig Interesse daran, den Dingen auf den Grund zu gehen. 

Nach der Rückkehr Chiles zur Demokratie nahm die chilenische Polizei Ermittlungen gegen die Führungsriege der Colonia Dignidad auf. Schäfer setzte sich Ende der 90er Jahre nach Argentinien ab, wo ihn Fahnder 2005 aufspürten. Er wurde in Chile wegen Kindesmissbrauchs und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und starb am 24. April 2010 im Alter von 88 Jahren in einem Gefängnis in Santiago de Chile. 

An der Stelle der Colonia Dignidad betreiben ehemalige Sektenmitglieder mit der Villa Baviera heute ein Ausflugslokal. „Die unvorstellbaren Verbrechen an diesem Ort – sowohl die des pädophilen Sadisten Paul Schäfer als auch die der chilenischen Militärdiktatur - müssen endlich systematisch aufgearbeitet werden“, fordert der Bundestagsabgeordnete Brand. „Es darf nicht weiter so sein, dass über Folterkellern und an Orten, wo wehrlose Kinder missbraucht, Menschen zu Zwangsarbeit gezwungen und politische Gegner gefoltert und getötet wurden, heute Hochzeiten und Familienfeste gefeiert werden.“ 

Zehn Jahre nach Schäfers Tod versuchen Mitglieder der ehemaligen Führungsriege jetzt offenbar, in der Villa Baviera wieder die Macht an sich zu reißen. Zuletzt erhielten die Bewohner eine Nachricht per Whatsapp: Wegen der Corona-Pandemie dürften keine Besucher und Verwandten mehr auf das Gelände. Absender war Friedhelm Zeitner, Schäfers ehemaliger Leibwächter. (Denis Düttmann, dpa)

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