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„Die Vorstellung, 7000 Leute in ein Gebäude zu stecken, dürfte der Vergangenheit angehören“, sagt der Vorstandschef der Bank Barclays. dpa

London

Seit März ist Sonntag

  • vonKatrin Pribyl
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Die Londoner Finanzviertel, in denen Hunderttausende arbeiten, wirken wie ausgestorben. Eine Katastrophe für Restaurants, Pubs und Läden, da in der Gegend kaum jemand wohnt

Eigentlich hetzen täglich Zehntausende Menschen durch die engen und verwinkelten Straßen der City of London, drängen sich in die U-Bahn-Tunnel, versammeln sich zum Feierabend in den Pubs und bevölkern zu jeder Tageszeit die Restaurants, Sandwichbars und Cafés. Eigentlich.

Denn die City sowie Canary Wharf, die beiden Finanzviertel Londons, erscheinen derzeit an Werktagen, wenige Wochen nach Aufhebung des Lockdowns, wie ausgestorben. Die in der Sonne schimmernden Bankentürme wie auch die historischen Gebäude wirken verlassen. Medien sprechen von einer „Wüste“, ein Pubbesitzer von einer „Geisterstadt“. Nur eine Handvoll Männer in Anzügen und Frauen in Kostümen sind unterwegs, sie fallen sogar regelrecht auf. Es herrscht so wenig Verkehr, dass im Finanzzentrum Europas sogar das Gezwitscher der Vögel zu hören ist.

Dabei hat Premierminister Boris Johnson seine Landsleute ermuntert, ab August wieder an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. Für den Regierungschef handelt es sich um einen Drahtseilakt. Zwar wird in Großbritannien eine zweite Welle befürchtet, weshalb der wissenschaftliche Regierungsberater Patrick Vallance meinte, es gebe keinen Grund, an der Homeoffice-Empfehlung zu rütteln. Hinzu kommt, dass sich die sonst so geschäftigen Bezirke wenig mit dem Gebot des Abstandhaltens vertragen. Doch gleichzeitig soll die Wirtschaft angekurbelt werden, die im zweiten Quartal dieses Jahres um 25 Prozent eingebrochen ist. Das Problem trifft keineswegs nur die großen Unternehmen, die Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister, die einen Großteil ihrer Belegschaft auch zu Hause beschäftigen können. Es geht vor allem um die zahllosen Restaurants, Cafés, Bars, Läden, Bekleidungsgeschäfte und Kioske, die auf die rund 600 000 Beschäftigten, die normalerweise in den beiden Vierteln der Neun-Millionen-Metropole tätig sind, angewiesen sind.

Während auch andere Teile der Londoner Innenstadt straucheln, etwa das West End mit all seinen Theatern, lohnt es sich in der City und in Canary Wharf für die meisten schlichtweg nicht, ihre Türen überhaupt zu öffnen. Sie könnten zum Kollateralschaden des Homeoffice-Trends werden.

Gleich um die Ecke der imposanten, säulengeschmückten Bank of England, der Zentralbank des Königreichs, steht vor dem Eingang der Brasserie „Lombard Street“ ein Kellner. Es ist nicht ganz klar, ob er versucht, Gäste anzulocken oder ob er allein mit seiner Präsenz verdeutlichen will, dass das Restaurant – anders als die meisten Lokalitäten in der City – geöffnet hat. Normalerweise treffen sich hier Geschäftsleute zum Frühstück, Manager halten Meetings beim Lunch ab, Kollegen trinken nach Feierabend Cocktails.

Platz hat das Lombard Street für 400 Menschen, unter Einhaltung der Corona-Beschränkungen passen 88 in das Restaurant und die Bar. Doch an diesem Tag kamen lediglich 15 Gäste, am Tag zuvor ging keine einzige Reservierung zum Mittagstisch ein. „Es ist sehr sehr leer“, sagt der Angestellte in britischem Understatement und lächelt gequält. In normalen Zeiten pendeln beinahe alle Beschäftigen der City zur Arbeit. Kaum jemand wohnt hier, weshalb sonntags Touristen die Gegend in der Regel für sich haben. Seit März ist immer Sonntag.

„Büroarbeiter, die in Pubs und in Cafés gehen, sind äußerst wichtig für die Wirtschaft“, sagt Carolyn Fairbairn, Präsidentin des britischen Industrieverbands CBI. Und auch die Politiker des Landes betonen dieser Tage regelmäßig die Bedeutung der Gastronomie für die Metropole und das Königreich. Die Hauptstadt werde monatlich etwa 178 Millionen Pfund nur dadurch verlieren, dass zahlreiche Menschen nicht mehr vor Ort in Londons Geschäftsvierteln arbeiteten und damit kein Geld ausgeben, schätzt das Londoner Beratungsunternehmen Centre for Economics and Business Research.

Das Problem: Der Lockdown hat bewiesen, dass der größte Teil der Jobs zu Hause erledigt werden kann. „Die Glaspaläste des Konzernkapitalismus haben plötzlich ein Stück ihrer Aura verloren“, schrieb der linksliberale „Guardian“. Tatsächlich scheint bei den Unternehmen, Versicherungen und Banken ein Wandel stattzufinden. „Ich denke, die Vorstellung, 7000 Leute zusammen in ein Gebäude zu stecken, dürfte der Vergangenheit angehören“, sagte kürzlich Jes Staley, Vorstandschef der Großbank Barclays. Bis heute arbeiten Dreiviertel der rund 80 000 Angestellten am „Küchentisch“. Beim Kreditinstitut Natwest ist es der überwältigenden Mehrheit der rund 50 000 Mitarbeiter gestattet, bis 2021 von zu Hause aus zu arbeiten. Doch selbst dann ist eine Rückkehr zu Vor-Corona-Zeiten kaum vorstellbar. Ob all die ums Überleben kämpfenden lokalen Restaurants, Cafés, Pubs, Geschäfte und Sandwichbars bis dahin überleben, scheint dagegen unwahrscheinlich.

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